2010

The Pacific, eine TV-Miniserie mit 10 Episoden wird von Steven Spielberg, Tom Hanks und Gary Goetzman in Zusammenarbeit mit HBO, Playtone, DreamWorks, Seven Network und Sky Movies produziert.

Gedacht als Ergänzung zur erfolgreichen Miniserie Band of Brothers (2001), konzentriert sie sich The Pacific auf die Kampfhandlungen der US Marine Corps im pazifischen Areal des Zweiten Weltkriegs und folgt drei Marines in verschiedenen Regimentern.

Das anfänglich auf 100 Millionen geschätzte Budget wächst schnell auf über 200 Millionen Dollar – damit ist The Pacific die bis dahin die teuerste TV-Miniserie aller Zeiten. Gedreht wird in Australien zwischen August 2007 und Mai 2008. Die Musikuntermalung wird von Hans Zimmer, Geoff Zanelli und Blake Neely komponiert.

Die Serie wird von der Kritik hoch gelobt; Time Magazine-Rezensent James Poniewozik zählt The Pacific zu den Top 10-TV-Serien von 2010. Bei den Golden Globe Awards wird The Pacific als Beste Miniserie nominiert.

2006

Flags of Our Fathers (Regie und Score: Clint Eastwood) erzählt von den Ereignissen während der Schlacht um Iwojima im Jahre 1945, von den fünf Marines und einem Navy Corpsman, die am Hissen der US-Flagge auf Iwojima beteiligt waren, und wie ihr Leben davon beeinflusst wurde. Das Script zu der Verfilmung basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch und wird von William Broyles Jr. und Paul Haggis verfasst.

Zur Darstellerriege gehören Ryan Phillippe, Jesse Bradford, Adam Beach, John Benjamin Hickey, Paul Walker, John Slattery, Barry Pepper und Jamie Bell.

Dieser Film nimmt den Blickwinkel der US-Soldaten ein, während ein im selben Jahr – ebenfalls unter der Regie von Eastwood – enstandener Film, Letters from Iwo Jima (2006), die Ereignisse aus japanischer Sicht erzählt. Der zweite Film kommt bereits zwei Monate nach Veröffentlichung von Flags of Our Fathers in die Kinos.

Flags of Our Fathers – eine Koproduktion zwischen Clint Eastwood, Robert Lorenz und Steven Spielberg – wird von der Kritik gefeiert und für seine Schilderung von Gut und Böse auf beiden Seiten der Kämpfenden gelobt. Dennoch stellen sich beide Filme als Enttäuschung an der Kinokasse heraus (Flags of Our Fathers kostet 90 Millionen Dollar und nimmt weltweit nur 65,9 Millionen Dollar ein; Letters from Iwo Jima steht etwas besser da, mit weltweiten Einnahmen von 68,7 Millionen Dollar und einem deutlich kleineren Budget von 19 Millionen Dollar).

Jamie Bell spielt die Hauptrolle in Spielbergs The Adventures of Tintin (2011) – genauer gesagt: als Motion-Capture-Akteur.

2002

Roman Polanskis The Pianist – eines der besten Filmdramen über den Holocaust – beruht auf dem autobiographischen Buch The Pianist von Wladyslaw Szpilman. Die Geschichte, als Drehbuch adaptiert von Ronald Harwood, hat auch einen Bezug zu Polanskis Kindheit, als er aus dem Krakauer Ghetto fliehen musste, während seine Eltern in verschiedene Konzentrationslager transportiert wurden: sein Vater nach Mauthausen-Gusen in Österreich (er überlebte) und seine Mutter nach Auschwitz (sie wurde ermordet).

The Pianist ist eine Koproduktion zwischen Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Polen, mit Roman Polanski als Regisseur und Produzent.

Über 1.400 Darsteller melden sich zum Vorsprechen für die Rolle des Wladyslaw Szpilman, bis schließlich Adrien Brody ausgewählt wird und die Figur mit Bravour verkörpert. Damit Brodys Klavierspiel dem von Szpilman im Filmbild ähnelt, übt er viele Monate lang am Klavier. Seine Fingerbewegungen werden mit Aufnahmen des polnischen Pianisten Janusz Olejniczak untermalt.

Zu den Nebendarstellern gehören Thomas Kretschmann, Frank Finlay und Maureen Lipman.

Das Warschauer Ghetto und die umliegende Stadt werden in Deutschland, auf dem Studiogelände der Potsdamer Babelsberg Studios, rekonstruiert.

The Pianist ist ein Kassenerfolg (120 Millionen Dollar Einnahmen gegenüber einem Budget von 35 Millionen Dollar). Der Film wird von Publikum und Kritik gelobt und mehrfach ausgezeichnet, darunter mit der Palme d’Or beim Filmfestival in Cannes. Bei den Academy Awards erhält der Film drei Oscars – darunter für Bestes adaptiertes Drehbuch und Bester Hauptdarsteller (mit seinen 29 Jahren ist Adrien Brody der jüngste Gewinner in dieser Kategorie).

Harrison Ford nimmt den Oscar für die Beste Regie in Polanskis Namen entgegen – bei einer Einreise in die USA würde Polanski verhaftet werden, und zwar aufgrund einer Anklage aus dem Jahr 1977 wegen “Unlawful Sexual Intercourse with a minor”.

In seiner Rezension kommt Roger Ebert zu dem Schluss:

“By showing Szpilman as a survivor but not a fighter or a hero—as a man who does all he can to save himself, but would have died without enormous good luck and the kindness of a few non-Jews—Polanski is reflecting… his own deepest feelings: that he survived, but need not have, and that his mother died and left a wound that had never healed.“

Roman Polanski (der in den frühen 90er Jahren Spielbergs Angebot ablehnte, die Regie für Schindlers List zu übernehmen) hält The Pianist für seinen besten Film:

„If any film cannisters were to be placed on my grave, I’d like them to be The Pianist’s”.

2001

Band of Brothers: Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Stephen E. Ambrose, erzählt die 10-teilige HBO-Miniserie die Geschichte der Easy Company, 506th Regiment of the 101st Airborne Division, U.S. Army. Die Episoden beruhen auf Interviews mit überlebenden Soldaten der Easy Company sowie überlieferten Tagebüchern und Briefen.

Steven Spielberg und Tom Hanks, die zum ersten Mal bei Saving Private Ryan (1998) zusammenarbeiteten, sind Ausführende Produzenten. In unsentimentaler, nahezu dokumentarischer Form wird Band of Brothers mit akribischer Detailgenauigkeit von einem sorgfältig ausgewählten Team von Produzenten, Regisseuren und Shauspielern umgesetzt.

Darsteller sind u.a. Scott Grimes, Matthew Leitch, Damian Lewis, Donnie Wahlberg, Michael Fassbender, Frank John Hughes, Tom Hardy, Simon Pegg, Jimmy Fallon, James McAvoy und Tom Hanks.

Zu den Regisseuren zählen u.a. Tom Hanks, David Frankel, Mikael Salomon und Richard Loncraine.

Mit einem Budget von 125 Millionen Dollar ist Band of Brothers die bis dahin teuerste TV-Prodution.

Die erste Folge von Band of Brothers wird am 9. September 2001 ausgestrahlt und erreicht 10 Millionen Zuschauer. Zwei Tage später kommt es zu den 9/11-Anschlägen, und HBO beschließt, die Werbekampagne für Band of Brothers einzustellen. Dennoch erzielen auch die weiteren Folgen, verglichen mit anderen HBO Originalproduktionen, gute Zuschauerquoten.

Die Miniserie wird von Kritikern und Publikum positiv aufgenommen und erhält den Emmy und Golden Globe für die beste Miniserie.

Caryn James, The New York Times, bezeichnet Band of Brothers als “extraordinary 10-part series that masters its greatest challenge: it balances the ideal of heroism with the violence and terror of battle, reflecting what is both civilized and savage about war.

1999

Medal of Honor, ein Ego-Shooter Videospiel, das an den Kinoerfolg von Saving Private Ryan (1998) anknüpft, wird von DreamWorks Interactive für Sonys PlayStation entwickelt und von Electronic Arts veröffentlicht.

Es ist der erste Teil der sehr erfolgreichen Medal of Honor-Spieleserie. Steven Spielberg – selbst ein begeisterter „Gamer“ – entwickelt die Story für das Spiel.

In den USA erhält Medal of Honor von Spiele-Magazinen und Anwendern großes Lob, u.a. für die Spielerfahrung, die Gestaltung, die Finesse der Gegner sowie den Soundtrack, den Michael Giacchino komponiert.

Die Idee für Medal of Honor geht zurück auf Max Spielbergs Erfahrungen mit dem Videogame GoldenEye sowie auf Spielbergs großem Interesse für Themen des Zweiten Weltkriegs.

In Deutschland setzt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) das Spiel auf den Index, d.h. es darf erst ab 18 Jahren verkauft werden.

 

Saving Private Ryan (1998)

Steven Spielbergs Saving Private Ryan unterscheidet sich von den meisten anderen Verfilmungen des Zweiten Weltkriegs durch seine drastisch-realistische Darstellung von Kampfhandlungen – vor allem während der ersten halben Stunde, in der die Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 akribisch nachgestellt wird. Der Einsatz „dokumentarischer“ Handkamera-Aufnahmen und entsättigter Farben beeinflusst den Look vieler anschließend gedrehter Filme. In vielen Einstellungen bei der Verfilmung der Schlacht am Omaha Beach bedient Steven Spielberg persönlich die Kamera.

Die Story des Films ist inspiriert von einem ähnlichen Vorfall während des Amerikanischen Bürgerkriegs und beruht in Grundzügen auf einer wahren Begebenheit im Zweiten Weltkrieg, als die US-Armee eine Evakuierungsmission für den (vermeintlich) letzten Überlebenden der Niland-Brüder startete. Im Zentrum der Filmhandlung stehen Captain John H. Miller (Tom Hanks) und sein Trupp (dargestellt von Tom Sizemore, Edward Burns, Barry Pepper, Vin Diesel, Giovanni Ribisi, Adam Goldberg und Jeremy Davies), die den verschollenen Fallschirmjäger Ryan hinter den feindlichen Linien aufspüren sollen.

Robin Williams stellt Matt Damon am Set von Good Will Hunting (1997) Spielberg vor, der sich daraufhin für Damon als Darsteller von Private Ryan entscheidet.

Produzent Mark Gordon akzeptiert Robert Rodats Drehbuch nach elf Fassungen und legt es Tom Hanks vor, der Gefallen daran findet und es an Spielberg weitergibt. Als Spielberg die Regie übernimmt, lässt er Scott Frank und Frank Darabont das Drehbuch nochmals überarbeiten.

Spielberg über seine Motivation, den Film zu drehen: “I think that World War II is the most significant event of the last 100 years; the fate of the baby boomers and even Generation X was linked to the outcome. Beyond that, I’ve just always been interested in World War II. My earliest films, which I made when I was about 14 years old, were combat pictures that were set both on the ground and in the air. For years now, I’ve been looking for the right World War II story to shoot, and when Robert Rodat wrote Saving Private Ryan, I found it.”

Vor den zweimonatigen Dreharbeiten absolvieren die Darsteller von Captain Millers Truppe ein 10-tägiges “Boot Camp”-Training angeführt von Marines-Veteran Dale Dye. Spielberg bestimmt, dass Matt Damon nicht am Training teilnimmt, damit die Gruppe Ryan gegenüber Groll entwickelt.

Die Verfilmung der Schlacht am Omaha Beach wird mit bis zu 1.500 Komparsen in Reihenfolge der Kampfhandlungen gedreht – Einstellung für Einstellung, von der Landung über den Strand bis hinauf zu den deutschen Verteidungslinien. Während der gesamten Sequenz verzichtet Spielberg auf Storyboards, um spontane Reaktionen und Kamerapositionen zu ermöglichen.

Spielberg arbeitet wieder mit Kameramann Janusz Kamiński zusammen. “Early on, we both knew that we did not want this to look like a Technicolor extravaganza about World War II, but more like color newsreel footage from the 1940s, which is very desaturated and low-tech.” Kamiński lässt die Schutzschicht von den Kameralinsen entfernen, damit sie den Kameras der 40er Jahre näher kommen. Er verstärkt den Effekt, indem er das Filmnegativ einem Bleichungsprozess unterzieht, um Brillianz und Farbsättigung zu reduzieren.

Für viele der Schlachtsequenzen wird der Umlaufverschluss der Kamera auf 90 oder 45 Grad verstellt (der Standard liegt bei 180 Grad). Kamiński erreicht damit “a certain staccato in the actors’ movements and a certain crispness in the explosions, which makes them slightly more realistic.“ Eine ähnliche Technik verwendete Kameramann Douglas Milsome auf dem Set von Stanley Kubricks Vietnam-Film Full Metal Jacket (1987). Kamiński setzt zudem einen Image Shaker ein, mit dem die Kamera Aufnahmen erzeugt, die den Effekt einer nahen Explosion nachbilden.

Industrial Light & Magic steuert subtile Effekte bei, z.B. werden die meisten Kugeleinschläge digital erzeugt.

Saving Private Ryan kommt im selben Jahr wie Terrence Malick’s The Thin Red Line in die Kinos. Nach Badlands und The Sugarland Express ist es das zweite Mal, dass Spielberg und Malick in etwa zeitgleich Filme zu einem ähnlichen Thema drehen.

The Thin Red Line stößt bei den meisten Kritikern auf positives Echo und wird für sieben Academy Awards nominiert, einschließlich Best Picture (der Film geht aber leer aus). Bei einem Budget von 52 Millionen Dollar erzielt The Thin Red Line mit Einnahmen von weltweit 98 Millionen Dollar einen moderaten Profit.

Saving Private Ryan wird von der Kritik insgesamt positiver bewertet und für elf Academy Awards nominiert. Der Film gewinnt in 5 Kategorien: Best Cinematography, Best Sound, Best Sound Effects Editing, Best Film Editing und Best Director (Spielbergs zweiter Regie-Oscar). Saving Private Ryan verliert in der Kategorie Best Picture gegen Shakespeare in Love und ist damit einer der wenigen Filme, die für Best Director, aber nicht für Best Picture ausgezeichnet wurden.

Dies ist der letzte Film, der mit einem nicht-digitalen Schnittsystem bearbeitet wurde, und einen Oscar für Best Film Editing erhält. Nach Raiders of the Lost Ark und Schindler’s List ist dies Michael Kahns dritte und bis heute letzte Academy Award-Auszeichnung.

Trotz der Altersfreigabe Rated R entwickelt sich die zweite DreamWorks-Produktion unter der Regie von Spielberg zu einem großen Kassenerfolg (mit weltweiten Einnahmen von mehr als 481 Millionen Dollar, gegenüber einem Budget von 70 Millionen Dollar).

Während Saving Private Ryan dafür kritisiert wird, dass der Film auf die Beteiligung anderer Länder an der alliierten Invasion nicht eingeht, gratulieren viele D-Day-Veteranen dem Regisseur für die Authentizität des Films – darunter der Schauspieler James Doohan (Darsteller von Scotty in Star Trek).

Quentin Tarantino ist ein Bewunderer des Films und bezeichnet ihn als einen großen Einflussfaktor für sein Kriegsdrama, Inglourious Basterds (2009). Oliver Stone wirft dem Film vor, die Werbetrommel zu rühren für “World War II as the good war.” Dieser und andere darauf folgende Filme hätten dazu beigetragen, dass die amerikanischen Bürger 2003 so positiv auf die Invasion in den Irak reagierten.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Saving Private Ryan

Schindler’s List (1993)

Wie kein anderer Film verändert Schindler’s List Steven Spielberg nicht nur als Regisseur, sondern auch als Person. Zum ersten Mal setzt sich Spielberg in einem Film direkt mit seiner jüdischen Identität und mit dem Holocaust auseinander. Was er in den von Antisemitismus geprägten Vororten seiner Kindheit (und auch danach) stets fürchtete, ist für ihn nun eine Selbstverständlichkeit: Er bekennt sich mit Nachdruck zum jüdischen Glauben.

In der Romanvorlage Schindler’s Ark schildert Thomas Keneally den Überlebenskampf mehrerer jüdischer Familien zwischen 1939 und 1945, die der Sudetendeutsche Oskar Schindler vor der Ermordung im Konzentrationslager bewahrt, indem er sie für die „kriegsentscheidende Produktion“ in seiner Krakauer Fabrik arbeiten lässt. Das Buch entsteht auf Basis von Interviews mit 50 der 1200 so genannten „Schindlerjuden“.

Einer von ihnen ist Leopold „Poldek“ Pfefferberg. Nach Kriegsende macht er es sich zur Lebensaufgabe, Schindler für seine Taten zu danken, indem er sie der Nachwelt überliefert. Bereits 1963 initiiert er eine Verfilmung, aber das Projekt scheitert. 1980 begegnet er Thomas Keneally und weckt sein Interesse, ein Buch über Schindler zu schreiben. Spielberg holt Pfefferberg später als Berater zu den Dreharbeiten.

Als der Roman 1982 erscheint, erwirbt Universal-Studiochef Sid Sheinberg die Filmrechte und will Steven Spielberg als Regisseur verpflichten. Doch der zögert lange und will das Projekt an Kollegen wie Martin Scorsese, Roman Polanski und Billy Wilder weitergeben, bevor er – von Billy Wilder ermutigt – die Regie schließlich doch selbst in die Hand nimmt. “I didn’t go to work on it right away because I didn’t know how to do it. The story didn’t have the same shape as the films I have made. […] I needed time to mature within myself and develop my own consciousness about the Holocaust.”

Auslöser für Spielbergs Entscheidung, den Film zu machen, ist die wachsende Präsenz von Holocaust-Leugnern in den Medien und das Erstarken der Neonazi-Bewegung nach dem Fall der Mauer. Spielberg verzichtet auf seine Gage als Regisseur und jegliche Gewinnbeteiligung.

Drehbuchautor Steven Zaillian legt den Fokus auf Oskar Schindler (Liam Neeson) und kombiniert mehrere Personen zur Figur von Schindlers Buchhalter Itzak Stern (Ben Kingsley). Daraufhin integriert Spielberg mehr Geschichten der Schindlerjuden, die ihm zugetragen werden. “I wanted the story to be less vertical – less a story of just Oskar Schindler, and more of a horizontal approach, taking in the Holocaust as the raison d’être of the whole project. What I really wanted to see was the relationship between Oskar Schindler – the German point of view – and Itzhak Stern – the Jewish point of view. And I wanted to invoke more of the actual stories of the victims […].”

Spielberg vermeidet simple Erklärungsmuster für die Motivation Schindlers, den Juden zu helfen und dabei seine Existenz und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er porträtiert Schindler in einer ambivalenten Faust-Mephisto-ähnlichen Konstellation: hin- und hergerissen zwischen dem Leben in Saus und Graus, vertreten durch den bestialischen Lagerkommandanten Amon Göth (Ralph Fiennes), und seinem menschlichen Gewissen, vertreten durch Itzak Stern. Sein Buchhalter hilft ihm schließlich dabei, die titelgebende Liste der Personen aufzustellen, die Schindler in seine Fabrik aufnimmt. Spielberg sorgt dafür, dass Itzhak Stern die folgenden Sätze spricht, die in Zaillians Drehbuch noch fehlen: “This list… is an absolute good. The list is life. All around its cramped margins lies the gulf.“ Ein Originalzitat aus dem Roman.

Zum ersten Mal arbeitet Spielberg mit dem in Polen geborenen Kameramann Janusz Kamiński zusammen (seither ununterbrochen in allen Spielberg-Filmen). Gemeinsam mit ihm entwickelt Spielberg eine Filmsprache, die nur noch wenig mit den Erzähltechniken seiner bisherigen Filme zu tun hat und einem dokumentarischen Anspruch folgt. Um die Authentizität der Ereignisse zu unterstreichen, werden große Teile des Films mit der Handkamera aufgenommen. Dazu Spielberg: “I feel like more of a journalist than a director of this movie. I feel like I’m reporting more than creating. […] I’m sort of interpreting history, trying to find a way of communicating that history to people, but I’m not really using the strengths that I usually use to entertain people.” „The authenticity of the story was too important to fall back on the commercial techniques that had gotten me a certain reputation in the area of craft and polish.“

Spielberg besteht darauf, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen und lehnt Vorstöße des Studios kategorisch ab, den Film auf Farbnegativ zu drehen (um eine spätere Auswertung als Farbfilm zu ermöglichen). “The Holocaust was life without light. For me the symbol of life is color. That’s why a film about the Holocaust has to be black-and-white.“ Vor dem schwarz-weißen Hintergrund der brutalen Ghetto-Räumung kann Spielberg seine Idee mit dem Mädchen im roten Mantel wirkungsvoll umsetzen: Sie steht in diesem Moment für das Leben, doch kurz darauf erblickt Schindler (und der Zuschauer) das Mädchen auf einem Stapel Leichen. Das Mädchen ist eine Chiffre, stellvertretend für die ungefähr 6 Millionen ermordeten Juden.

Anders als bei Jurassic Park, den er erst vor drei Monaten abgedreht hat, verfilmt Spielberg Schindler’s List spontan, ohne Storyboards, wie im Fieber, mit einem Ergebnis von bis zu 40 Einstellungen am Tag (die Dreharbeiten enden vier Tage früher als geplant). Einige Ideen entstehen erst wenige Stunden vor dem Dreh oder direkt am Set. Noch während der Dreharbeiten konzipiert Spielberg einen Epilog, in der wir die echten Überlebenden gemeinsam mit den Darstellern sehen. Damit schlägt Spielberg eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, Abbildung und Realität.

Vor den Abspann des Films setzt Spielberg eine Widmung: „For Steve Ross.“ Der Philantrop und CEO von Warner Communications, Steve Ross, inspiriert Spielberg bei der Entwicklung des Filmcharakters Oskar Schindler: “Steve Ross gave me more insights into Schindler than anybody I’ve ever known. […] Before I shot the movie, I sent Liam all my home movies of Steve. I said, „Study his walk, study his manner, get to know him real well, because that’s who this guy is“. Ross steht Spielberg als Mentor zur Seite und trägt wie Itzhak Stern dazu bei, dass aus einem unpolitischen Showman ein Mensch wird, der sich für eine bessere Welt einsetzt.

Physisch und emotional geht Spielberg während des 72-tägigen Drehs bis an den Rand seiner Kräfte. Kate Capshaw und seine Kinder bewohnen ein Haus in der Nähe des Filmsets in Polen und sind in dieser Zeit sein Halt. Robin Williams ruft Spielberg regelmäßig an, um ihn aufzuheitern.

Für die Filmmusik zu Schindler’s List holt John Williams den berühmtenViolinisten Itzhak Perlman dazu (mit ihm hatte er bereits bei der Filmadaption des Musicals Fiddler on the Roof aus dem Jahr 1971 zusammengearbeitet). Williams komponiert für Schindler’s List einen tieftraurigen Score, der bis heute zu seinen Lieblingsarbeiten zählt. Williams erinnert sich an den Moment, als ihm Spielberg zum ersten Mal den Film zeigte: „When he showed me Schindler’s List, I was so moved I could barely speak. I remember saying to him, ‚Steven, you need a better composer than I am to do this film.‘ And he said, ‚I know, but they’re all dead.‘ „

Als der Film in die Kinos kommt, reagieren die Kritiker nahezu einhellig begeistert. Negativ äußern sich die Filmemacher Jean-Luc Godard, Claude Lanzmann und Michael Haneke, die Spielberg den Einsatz von Hollywood-Mitteln zur Abbildung der Shoah vorwerfen.

Bei den Academy Awards erhält Schindler’s List 12 Nominierungen und wird ausgezeichnet in den Kategorien Best Picture, Best Director, Best Adapted Screenplay, Best Original Score, Best Film Editing, Best Cinematography und Best Art Direction. Es ist der erste Regie-Oscar für Steven Spielberg. Die großartigen Darsteller Liam Neeson und Ralph Fiennes werden nominiert, gehen aber leer aus.

Niemand rechnet mit der enormen Zuschauer-Resonanz auf den mehr als dreistündigen Schwarz-Weiß-Film. Bei Produktionskosten von 22 Millionen Dollar erzielt Schindler’s List ein Kino-Einspielergebnis von weltweit mehr als 320 Millionen Dollar. Sämtliche Einnahmen fließen in die von Spielberg gegründete Shoah Foundation.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Schindler’s List