2017

The Kidnapping Of Edgardo Mortara

Steven Spielbergs Film The Kidnapping Of Edgardo Mortara ist eine Adaptation des 1997 erschienenen Romans von Pulitzer-Preisträger David Kertzer. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Tony Kushner, der auch die Drehbücher für die Spielberg-Filme Munich (2005) und Lincoln (2012) schrieb. Während der Dreharbeiten von Lincoln gab er David Kertzers Buch an Steven Spielberg weiter, der es zweimal las und sofort davon überzeugt war, dies sei ein großartiger Stoff für eine Verfilmung.

Der Film erzählt die Geschichte eines jüdischen Jungen in Bologna, 1858. Nach seiner geheim vollzogenen Taufe wird er seiner Familie entrissen, um als Katholik aufgezogen zu werden. Der Kampf seiner Eltern um ihren verlorenen Sohn entwickelt sich zu einem der Auslöser für den Niedergang des Vatikan als sekuläre Macht und zu einem Beispiel, wie das Schicksal eines einzelnen Menschen die Geschichte verändern kann.

Mark Rylance spielt Papst Pius IX. Es ist seine dritte Zusammenarbeit mit Spielberg, nachdem er als Bester Nebendarsteller in Bridge Of Spies (2015) einen Oscar gewann und die Titelrolle in The BFG (2016) spielte.

Das Bridge Of Spies-Produzententeam Spielberg, Marc Platt und Kristie Macosko Krieger wird The Kidnapping Of Edgardo Mortara produzieren.

Die Dreharbeiten für die Amblin Entertainment-Produktion sollen ursprünglich im Frühjahr 2017 beginnen – nach Abschluss von Ready Player One. Während noch nach einem geeigneten Kinderdarsteller für die Rolle des Edgardo Mortara gesucht wird, sagt Spielberg bei einem anderen Filmprojekt zu: The Post. Die Dreharbeiten für The Kidnapping Of Edgardo Mortara werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Oscar Isaac (Star Wars: The Force Awakens), der für die Rolle von Edgardos Vater Momolo Mortara vorgesehen war, steigt aus „persönlichen Gründen“ aus dem Projekt aus.

Parallel dazu bereitet Hollywood-Produzent Harvey Weinstein ein eigenes Filmprojekt über die Edgardo Mortara-Story vor. David Kertzer gibt dazu auf Twitter folgenden Kommentar ab: “The difference is Spielberg has film rights to my book, Weinstein doesn’t.”

Steven Spielberg hat oftmals zwei Filme pro Jahr herausgebracht (Doppelsalve). Doch nun entwickelt er sich zu einer Art „Woody Allen“, indem er regelmäßig einen Film pro Jahr veröffentlicht: Bridge of Spies 2015, The BFG 2016, The Post 2017, Ready Player One 2018 und das fünfte Indiana Jones-Abenteuer 2019.

Artwork: © Amblin Entertainment

Munich (2005)

Steven Spielbergs raffinierter Politthriller Munich folgt einem Einsatzteam des israelischen Geheimdienstes Mossad bei der Durchführung ihres geheimen Rachefeldzugs im Auftrag der Regierung. Das Team soll elf Mitglieder der terroristischen Gruppe Schwarzer September aufspüren und töten, die für die Entführung und Ermordung von elf israelischen Sportlern bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München verantwortlich ist. Die Story beruht auf wahren Begebenheiten.

Eric Bana als Avner Kaufman spielt die Hauptrolle. Zur handverlesenen internationalen Besetzung gehören Schauspieler wie Ciarán Hinds, Omar Metwally, Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler, Ayelet Zurer, Gila Almagor, Karim Saleh, Ziad Adwan, Moritz Bleibtreu und Meret Becker. Auch ein künftiger James-Bond-Darsteller (Daniel Craig) sowie Bösewichte aus zurückliegenden (Michael Lonsdale) bzw. bevorstehenden Bond-Filmen (Mathieu Amalric) spielen mit.

Avners Vorgesetzter Ephraim wird von Geoffrey Rush gespielt. Der Part ist ursprünglich für Ben Kingsley vorgesehen. Wegen eines Nachdrehs für das Finale von Steven Spielbergs The Terminal (2004) kommt es jedoch zu Verzögerungen beim Produktionsstart von Munich, so dass sich der Drehplan mit Kingsleys Terminen für Roman Polanskis Oliver Twist (2005) überschneidet und er absagen muss.

Nach sechs Jahren Vorbereitung dreht Spielberg sein ehrgeizigstes Projekt seit Schindler’s List (1993). In dem vollen Bewusstsein, mit Munich möglicherweise seinen Ruf als Filmemacher und seine Anziehungskraft beim Massenpublikum aufs Spiel zu setzen, will sich Spielberg mit einem brisanten Thema künstlerisch auseinandersetzen, das ihn bewegt. Er schildert die Anfangstage der Spirale des Terrors zwischen Israelis und Palästinensern in einer möglichst unvoreingenommenen Weise, gibt beiden Seiten eine Stimme und verurteilt die Gewaltakte auf beiden Seiten.

Das Drehbuch von Tony Kushner und Eric Roth orientiert sich an George Jonas‚ umstrittenem Buch Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team (1984 veröffentlicht). Produzentin Kathleen Kennedy weckte mit dem Buch Spielbergs Aufmerksamkeit für das Thema. Nach Erwerb der Filmrechte beauftragt Spielberg drei Drehbuchfassungen: eine von David Webb Peoples und Janet Peoples, eine von Charles Randolph und eine von Eric Roth. Spielberg entscheidet sich für Roths Fassung, die von Tony Kushner nochmals überarbeitet wird. Um klarzustellen, dass der Film historische und fiktive Ereignissen mit dramatischen Mitteln erzählt, beginnt der Film mit der Titelzeile „Inspired by real events“.

Spielberg mutmaßt, viele Menschen hätten es lieber gesehen, dass sein Film eine eindeutige Position vertritt, ob die gezielten Tötungen des Mossad-Teams gutzuheißen oder zu verurteilen sind:

„But the movie doesn’t take either of those positions. It refuses to. Many of those pundits on the left and right would love the film to land somewhere definite. It puts a real burden on the audience to figure out for themselves how they feel about these issues. There are no easy answers to the most complex story of the last 50 years. (…) What I’m trying to say is, if this movie bothers you, frightens you, upsets you, maybe it’s not a good idea to ignore that. Maybe you need to think about why you’re having that reaction.”

Wie Spielberg es ausdrückt, führt jede Gewalttat zu „unbeabsichtigten Konsequenzen“, und in seinem Film demonstriert er die zunehmende Unverhältnismäßigkeit der Anti-Terror-Maßnahmen.

Die vergeblichen Versuche des Mossad-Teams, die Gefahr von „Kollateralschäden“ zu minimieren, bringt Spielberg in einer von Alfred Hitchcock inspirierten Sequenz auf den Punkt (Videoclip): In Paris soll das Team eines ihrer Ziele mit Sprengstoff töten, ohne dass die Frau und Tochter des Mannes Schaden nehmen. Ein Lkw verdeckt die Sicht der Attentäter, und so entgeht ihnen, dass die Tochter ins Haus zurückkehrt und anstelle ihres Vaters den präparierten Telefonhörer abnimmt. Es bleibt ihnen gerade noch genug Zeit, den Sprengstoffauslöser zu deaktivieren, doch als das Mädchen die Wohnung wieder verlässt, bringen sie den Sprengstoff ohne Zögern zur Explosion. Es ist eine kurze Phase der moralischen Überlegenheit gegenüber Terroristen, die in Kauf nehmen, auch unschuldige Zivilisten in Lebensgefahr zu bringen – aber sie ist nicht von Dauer. Ähnlich Schindler’s List setzt Spielberg das Mädchen (wieder in rot gekleidet) als eine Metapher für Menschen ein, die (versehentlich) während der Einsätze getötet werden.

Spielberg zufolge ist Munichthe most European film I have ever made“, inspiriert von Filmklassikern wie Costa-Gavras‘ Z (1969), Fred Zinnemanns The Day of the Jackal (1973) und William Friedkins The French Connection (1971). Kameramann Janusz Kamiński verwendet die für jene Zeit typischen Farben, lange Brennweiten und Zooms. Kamiński bemerkt zu der umstrittenen Sex-Szene mit Eric Bana, in die Szenen von der Ermordung der israelischen Olympioniken wie Orgasmen hineingeschnitten sind: “It’s almost over-the-top to some degree, right?” (…) “It’s not a delicate little scene. It is what it is, and [Spielberg] wanted to take this chance because it reflected the movie: his anger, his primal fear, his primal desire to be alive.” Und das Gefühl von Trauma und Schuld, das ihn seine eigene Menschlichkeit kostet, im Dienst einer zweifelhaften „Auge um Auge“-Mission

Spielberg nennt Munich sein „Prayer for Peace“, mit dem er seine eigene Sicht erforschen will, wie eine zivilisierte Nation auf Terroranschläge reagieren sollte. Indem er im Hintergrund der Schlusseinstellung die Twin Towers des New Yorker World Trade Center erscheinen lässt, verbindet Spielberg den Subtext des Films mit der Gegenwarts-Politik: So wie die Dauerkonflikte zwischen der westlichen und der arabischen Welt zur Zerstörung der Türme geführt haben, könnte George W. Bushs „War on Terror“ eine weitere Gewaltspirale in Gang setzen.

Die Zeitspanne zwischen dem Beginn der Produktion und der Film-Premiere beträgt weniger als sechs Monate. Gedreht wird in Malta, Budapest, Paris, New York und München. Um den Film rechtzeitig fertigzustellen, bearbeitet Cutter Michael Kahn die in Malta und Ungarn entstandenen Szenen direkt am Set. So kann Spielberg jeden Tag die Szenen, die er zwei Tage zuvor gedreht hat, bereits im Rohschnitt betrachten. Zwei Kopien des Rohschnitts werden verschickt: eine als Referenz für Filmkomponist John Williams, die andere an Ben Burtt für die Umsetzung der Sound-Effekte. Der Schnitt für die in Paris und New York gedrehten Szenen erfolgt zwei Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten, und der Final Cut ist nach weiteren zwei Wochen fertiggestellt.

Die melancholische Stimmung des Films untermalt John Williams mit subtil orchestrierten Themen, die zwischen den Kulturen der Israelis und Palästinenser wechseln.

Der Film wird von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen, allerdings zählt Munich zu Spielbergs Filmen mit den niedrigsten Einnahmen: Munich spielt weltweit nur 130,4 Millionen Dollar ein, bei einem Budget von 70 Millionen Dollar.

Konservative Medien in Israel und den USA werfen Spielberg vor, er würde die Israelis mit den Terroristen gleichsetzen. Als Folge der hitzig geführten Debatte prangt Spielberg auf den Titelseiten internationaler Zeitschriften, darunter TIME Magazine und DER SPIEGEL.

Bei den Academy Awards erhält Munich fünf Nominierungen in den Kategorien Best Picture, Best Director, Best Adapted Screenplay, Best Film Editing und Best Original Score – geht aber leer aus.

In seiner Rezension zieht Roger Ebert das Fazit:

“With this film [Spielberg] has dramatically opened a wider dialogue, helping to make the inarguable into the debatable.“

Ian Nathan schreibt in seiner Kritik für Empire:

Munich is Steven Spielberg’s most difficult film. It arrives already inflamed by controversy… This is Spielberg operating at his peak — an exceptionally made, provocative and vital film for our times.“

Munich beschließt Spielbergs Doppelsalve im Jahr 2005. Sowohl War of the Worlds, als auch Munich können als Parabeln zur Stimmung in den USA nach 9/11 gelesen werden.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Munich

Schindler’s List (1993)

Wie kein anderer Film verändert Schindler’s List Steven Spielberg nicht nur als Regisseur, sondern auch als Person. Zum ersten Mal setzt sich Spielberg in einem Film direkt mit seiner jüdischen Identität und mit dem Holocaust auseinander. Was er in den von Antisemitismus geprägten Vororten seiner Kindheit (und auch danach) stets fürchtete, ist für ihn nun eine Selbstverständlichkeit: Er bekennt sich mit Nachdruck zum jüdischen Glauben.

In der Romanvorlage Schindler’s Ark schildert Thomas Keneally den Überlebenskampf mehrerer jüdischer Familien zwischen 1939 und 1945, die der Sudetendeutsche Oskar Schindler vor der Ermordung im Konzentrationslager bewahrt, indem er sie für die „kriegsentscheidende Produktion“ in seiner Krakauer Fabrik arbeiten lässt. Das Buch entsteht auf Basis von Interviews mit 50 der 1200 so genannten „Schindlerjuden“.

Einer von ihnen ist Leopold „Poldek“ Pfefferberg. Nach Kriegsende macht er es sich zur Lebensaufgabe, Schindler für seine Taten zu danken, indem er sie der Nachwelt überliefert. Bereits 1963 initiiert er eine Verfilmung, aber das Projekt scheitert. 1980 begegnet er Thomas Keneally und weckt sein Interesse, ein Buch über Schindler zu schreiben. Spielberg holt Pfefferberg später als Berater zu den Dreharbeiten.

Als der Roman 1982 erscheint, erwirbt Universal-Studiochef Sid Sheinberg die Filmrechte und will Steven Spielberg als Regisseur verpflichten. Doch der zögert lange und will das Projekt an Kollegen wie Martin Scorsese, Roman Polanski und Billy Wilder weitergeben, bevor er – von Billy Wilder ermutigt – die Regie schließlich doch selbst in die Hand nimmt. “I didn’t go to work on it right away because I didn’t know how to do it. The story didn’t have the same shape as the films I have made. […] I needed time to mature within myself and develop my own consciousness about the Holocaust.”

Auslöser für Spielbergs Entscheidung, den Film zu machen, ist die wachsende Präsenz von Holocaust-Leugnern in den Medien und das Erstarken der Neonazi-Bewegung nach dem Fall der Mauer. Spielberg verzichtet auf seine Gage als Regisseur und jegliche Gewinnbeteiligung.

Drehbuchautor Steven Zaillian legt den Fokus auf Oskar Schindler (Liam Neeson) und kombiniert mehrere Personen zur Figur von Schindlers Buchhalter Itzak Stern (Ben Kingsley). Daraufhin integriert Spielberg mehr Geschichten der Schindlerjuden, die ihm zugetragen werden. “I wanted the story to be less vertical – less a story of just Oskar Schindler, and more of a horizontal approach, taking in the Holocaust as the raison d’être of the whole project. What I really wanted to see was the relationship between Oskar Schindler – the German point of view – and Itzhak Stern – the Jewish point of view. And I wanted to invoke more of the actual stories of the victims […].”

Spielberg vermeidet simple Erklärungsmuster für die Motivation Schindlers, den Juden zu helfen und dabei seine Existenz und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er porträtiert Schindler in einer ambivalenten Faust-Mephisto-ähnlichen Konstellation: hin- und hergerissen zwischen dem Leben in Saus und Graus, vertreten durch den bestialischen Lagerkommandanten Amon Göth (Ralph Fiennes), und seinem menschlichen Gewissen, vertreten durch Itzak Stern. Sein Buchhalter hilft ihm schließlich dabei, die titelgebende Liste der Personen aufzustellen, die Schindler in seine Fabrik aufnimmt. Spielberg sorgt dafür, dass Itzhak Stern die folgenden Sätze spricht, die in Zaillians Drehbuch noch fehlen: “This list… is an absolute good. The list is life. All around its cramped margins lies the gulf.“ Ein Originalzitat aus dem Roman.

Zum ersten Mal arbeitet Spielberg mit dem in Polen geborenen Kameramann Janusz Kamiński zusammen (seither ununterbrochen in allen Spielberg-Filmen). Gemeinsam mit ihm entwickelt Spielberg eine Filmsprache, die nur noch wenig mit den Erzähltechniken seiner bisherigen Filme zu tun hat und einem dokumentarischen Anspruch folgt. Um die Authentizität der Ereignisse zu unterstreichen, werden große Teile des Films mit der Handkamera aufgenommen. Dazu Spielberg: “I feel like more of a journalist than a director of this movie. I feel like I’m reporting more than creating. […] I’m sort of interpreting history, trying to find a way of communicating that history to people, but I’m not really using the strengths that I usually use to entertain people.” „The authenticity of the story was too important to fall back on the commercial techniques that had gotten me a certain reputation in the area of craft and polish.“

Spielberg besteht darauf, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen und lehnt Vorstöße des Studios kategorisch ab, den Film auf Farbnegativ zu drehen (um eine spätere Auswertung als Farbfilm zu ermöglichen). “The Holocaust was life without light. For me the symbol of life is color. That’s why a film about the Holocaust has to be black-and-white.“ Vor dem schwarz-weißen Hintergrund der brutalen Ghetto-Räumung kann Spielberg seine Idee mit dem Mädchen im roten Mantel wirkungsvoll umsetzen: Sie steht in diesem Moment für das Leben, doch kurz darauf erblickt Schindler (und der Zuschauer) das Mädchen auf einem Stapel Leichen. Das Mädchen ist eine Chiffre, stellvertretend für die ungefähr 6 Millionen ermordeten Juden.

Anders als bei Jurassic Park, den er erst vor drei Monaten abgedreht hat, verfilmt Spielberg Schindler’s List spontan, ohne Storyboards, wie im Fieber, mit einem Ergebnis von bis zu 40 Einstellungen am Tag (die Dreharbeiten enden vier Tage früher als geplant). Einige Ideen entstehen erst wenige Stunden vor dem Dreh oder direkt am Set. Noch während der Dreharbeiten konzipiert Spielberg einen Epilog, in der wir die echten Überlebenden gemeinsam mit den Darstellern sehen. Damit schlägt Spielberg eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, Abbildung und Realität.

Vor den Abspann des Films setzt Spielberg eine Widmung: „For Steve Ross.“ Der Philantrop und CEO von Warner Communications, Steve Ross, inspiriert Spielberg bei der Entwicklung des Filmcharakters Oskar Schindler: “Steve Ross gave me more insights into Schindler than anybody I’ve ever known. […] Before I shot the movie, I sent Liam all my home movies of Steve. I said, „Study his walk, study his manner, get to know him real well, because that’s who this guy is“. Ross steht Spielberg als Mentor zur Seite und trägt wie Itzhak Stern dazu bei, dass aus einem unpolitischen Showman ein Mensch wird, der sich für eine bessere Welt einsetzt.

Physisch und emotional geht Spielberg während des 72-tägigen Drehs bis an den Rand seiner Kräfte. Kate Capshaw und seine Kinder bewohnen ein Haus in der Nähe des Filmsets in Polen und sind in dieser Zeit sein Halt. Robin Williams ruft Spielberg regelmäßig an, um ihn aufzuheitern.

Für die Filmmusik zu Schindler’s List holt John Williams den berühmtenViolinisten Itzhak Perlman dazu (mit ihm hatte er bereits bei der Filmadaption des Musicals Fiddler on the Roof aus dem Jahr 1971 zusammengearbeitet). Williams komponiert für Schindler’s List einen tieftraurigen Score, der bis heute zu seinen Lieblingsarbeiten zählt. Williams erinnert sich an den Moment, als ihm Spielberg zum ersten Mal den Film zeigte: „When he showed me Schindler’s List, I was so moved I could barely speak. I remember saying to him, ‚Steven, you need a better composer than I am to do this film.‘ And he said, ‚I know, but they’re all dead.‘ „

Als der Film in die Kinos kommt, reagieren die Kritiker nahezu einhellig begeistert. Negativ äußern sich die Filmemacher Jean-Luc Godard, Claude Lanzmann und Michael Haneke, die Spielberg den Einsatz von Hollywood-Mitteln zur Abbildung der Shoah vorwerfen.

Bei den Academy Awards erhält Schindler’s List 12 Nominierungen und wird ausgezeichnet in den Kategorien Best Picture, Best Director, Best Adapted Screenplay, Best Original Score, Best Film Editing, Best Cinematography und Best Art Direction. Es ist der erste Regie-Oscar für Steven Spielberg. Die großartigen Darsteller Liam Neeson und Ralph Fiennes werden nominiert, gehen aber leer aus.

Niemand rechnet mit der enormen Zuschauer-Resonanz auf den mehr als dreistündigen Schwarz-Weiß-Film. Bei Produktionskosten von 22 Millionen Dollar erzielt Schindler’s List ein Kino-Einspielergebnis von weltweit mehr als 320 Millionen Dollar. Sämtliche Einnahmen fließen in die von Spielberg gegründete Shoah Foundation.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Schindler’s List

Indiana Jones and the Last Crusade (1989)

Mit dem dritten Teil der Indiana Jones-Reihe, Indiana Jones and the Last Crusade, möchte sich Regisseur Steven Spielberg von der exzessiven Gewalt und schrillen Inszenierung des Vorgängerfilms Indiana Jones and the Temple of Doom (1984) distanzieren, die bei Teilen der Kritik und des Publikums zu negativen Reaktionen führten.

Wie im ersten Film Raiders of the Lost Ark (1981) jagen die Nazis einem okkulten Objekt nach – dieses Mal ist es der Heilige Gral -, und Indy muss sie stoppen. Spielberg gibt sich nicht zufrieden mit diesem McGuffin und überzeugt George Lucas davon, den Fokus der Story auf Indys Suche nach seinem entführten Vater zu richten.

“I wanted to do Indy in pursuit of his father (a medieval scholar), sharing his father`s dream, and also, in the course of searching for their dreams, they rediscover each other.” In einer schwierigen Phase seines Lebens kann sich Spielberg auf der Leinwand mit der angespannten Beziehung zu seinem eigenen Vater befassen. Jones Sr. und Jr. werden in humorvolle Streitgespräche verwickelt, die den Auseinandersetzungen zwischen Indy und Marion im ersten Film ähneln.

Der Erfolg des Films beruht nicht unwesentlich auf einem Casting-Coup: Ex-Bond-Darsteller Sean Connery verkörpert Professor Henry Jones Sr., Indys Vater, der ihm ständig auf die Nerven geht, indem er ihn “Junior” nennt. Von Beginn an betrachteten Lucas und Spielberg den James Bond-Charakter als “Vaterfigur” für Indiana Jones.

Jeffrey Boam (Innerspace) schreibt das Drehbuch; Tom Stoppard (Empire of the Sun) und Menno Meyjes (The Color Purple) sind ebenfalls daran beteiligt.

Die Story stellt Indiana Jones (Harrison Ford) diesmal eine österreichische Archäologin namens Dr. Elsa Schneider an die Seite – gespielt von Alison Doody , die ihren ersten Filmauftritt im James Bond-Film A View to A Kill (1985) hatte. Zur Darstellerriege gehören auch Julian Glover (The Empire Strikes Back) und die Veteranen aus Raiders of the Lost Ark John Rhys-Davies (Sallah) und Denholm Elliott (Marcus Brody).

In der Eröffnungssequenz des Films sehen wir einen 13-jährigen Pfadfinder namens Indiana Jones (gespielt von River Phoenix). Er schnappt einer Gruppe von Grabräubern ein goldenes Kruzifix weg, um es an ein Museum weiterzugeben. Die Männer jagen ihn durch die Bahnwaggons einer Zirkustruppe – der Ursprung für Indys Schlangenphobie. Die Sequenz mit dem Zirkuszug ist eine Anspielung auf den ersten Film, den der junge Spielberg im Kino sah: The Greatest Show on Earth (1952). Der Prolog inspiriert Lucas zu seiner TV-Reihe The Young Indiana Jones Chronicles (1992-93).

Noch einmal erschafft Kameramann Douglas Slocombe eine meisterhafte Bildwelt, die an die goldene Hollywood-Ära erinnert. Spielberg konzipiert die Einstellung mit Henry Jones und seinem Schirm (mit dem er das Nazi-Flugzeug zum Absturz gebracht hat) als eine Hommage an David Leans Klassiker Ryan’s Daughter (1970).

The Last Crusade erhält überwiegend positive Kritiken und entwickelt sich zum weltweit finanziell erfolgreichsten Film des Jahres 1989. Nahezu 20 Jahre werden vergehen, bis ein weiterer Indiana Jones-Film in die Kinos kommt: Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull (2008).


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Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Indiana Jones and the Last Crusade

The Color Purple (1985)

Spielberg sieht Whoopi Goldberg in einer Broadway-Show und bietet ihr sofort die Hauptrolle an für seine Verfilmung von Alice Walkers Roman  The Color Purple. In seinem ambitionierten Film behandelt Spielberg heikle Themen wie häusliche Gewalt, Inzest und lesbische Liebe unter Afro-Amerikanern sowie Religion und Rassismus im frühen 20. Jahrhundert – ein riskanter Versuch, sich von seinen bisherigen Mainstream-Filmen zu lösen.

Spielbergs Leistung ist umso größer einzuschätzen, da es sich bei der Vorlage um einen Briefroman handelt. Drehbuchautor Menno Meyjes gelingt es, die Briefe in einen verfilmbaren Stoff zu übersetzen und dabei weitestgehend die Essenz des Romans zu wahren.

Kameramann Allen Daviau meistert die Herausforderung, harte Realität mit poetischen Motiven zu kombinieren. Für viele überraschend entwickelt sich The Color Purple als großer Kassenerfolg und erhält überwiegend positive Kritiken. Erwartungsgemäß löst der Film einige Kontroversen aus, eröffnet aber den Weg zu weiteren Filmen in diesem Themenfeld (und einem gleichnamigen Broadway-Musical).

Regiekollege Oliver Stone nennt Spielgergs Roman-Adaption “an excellent movie, and it was an attempt to deal with an issue that had been overlooked, and it wouldn’t have been done if it hadn’t been Spielberg. And it’s not like everyone says, that he ruined the book. That’s horseshit. Nobody was going to do the book. He made the book live again.”

Der Film erhält elf Oscar-Nominierungen (keine für die Regie), geht aber leer aus. Spielberg erhält aber seinen ersten Regiepreis der Directors Guild of America (DGA).

Co-Star Oprah Winfrey (die im wahren Leben mit neun Jahren vergewaltigt wurde) wird ein Jahr später als erste Frau ihre eigene Talkshow produzieren.

Wegen der Thematik des Films wählt Spielberg erstmals einen anderen Komponisten als John Williams: Quincy Jones komponiert einen brillanten Score mit Elementen aus Jazz, Ragtime, Gospel, Afrikanischer Musik and Blues. Spielberg kann man auf dem Album das Thema pfeifen hören.


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Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von The Color Purple

Indiana Jones and the Temple of Doom (1984)

Indiana Jones and the Temple of DoomPrequel zu Raiders of the Lost Ark (1981), ist ein großer Kassenerfolg, stößt aber bei den Kritikern auf geteiltes Echo wegen der schrillen Inszenierung und der Gewaltexzesse. Die MPAA sieht sich gezwungen, die Altersfreigabe PG-13 einzuführen.

Raiders-Drehbuchautor Lawrence Kasdan lehnt Lucas‘ Angebot ab, auf Basis seiner Storyidee auch das Script für den zweiten Teil zu schreiben: “I just thought it was horrible. It’s so mean. There’s nothing pleasant about it.” An seiner Stelle folgen Willard Huyck und Gloria Katz den Vorgaben von Lucas und Spielberg, das Skript für einen düsteren Film zu verfassen.

Höhepunkte des Films sind die Musical-Intro und die Minen-Verfolgungsjagd.

Aus dem Casting mit mehr als 120 Schauspielerinnen, die für die weibliche Hauptrolle vorsprechen (einschließlich Sharon Stone) wählt Spielberg Kate Capshaw – und heiratet sie 1991. Sie spielt Willie Scott, eine amerikanische Nachtclub-Sängerin in Shanghai. Spielberg und Lucas machen sie zu einer verwöhnten und hysterischen Damsel in Distress – eine radikale Abkehr von der zähen und cleveren Marion Ravenwood aus dem ersten Teil.

Ke Huy Quan spielt den 9-jährigen Sidekick Short Round, der seine Eltern beim japanischen Bombardement auf Shanghai verloren hat und – ausgerechnet – in Indiana Jones eine Art Ersatzvater gefunden hat. Spielbergs Empire of the Sun (1987) handelt von den Auswirkungen der Schlacht um Shanghai auf die dort lebenden Kinder.


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Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von
 Indiana Jones and the Temple of Doom

Raiders of the Lost Ark (1981)

Spielbergs erste Zusammenarbeit mit George Lucas, Raiders of the Lost Ark,  ist eine Hommage an alte Cliffhanger-Serien aus den 30er/40er Jahren, von denen sich Lucas und Spielberg als Jugendliche vor dem Fernseher begeistern ließen.

1973 schreibt George Lucas einen Scriptentwurf mit dem Titel The Adventures of Indiana Smith. Lucas diskutiert sein Konzept mit dem Regiekollegen und Drehbuchautoren Philip Kaufman, der einige Wochen lang an der Ausarbeitung mitwirkt und die Idee einbringt, die Bundeslade als MacGuffin für die Handlung einzusetzen (sein Zahnarzt hatte ihm von der Bundeslade erzählt, als er noch ein Kind war). Als Kaufman jedoch von Clint Eastwood als Regisseur für The Outlaw Josey Wales (1976) verpflichtet wird, legt Lucas das Indiana Smith-Projekt vorerst auf Eis and widmet sich stattdessen Star Wars – A New Hope (1977).

Nachdem Lucas Star Wars abgeschlossen hat und sich zum Urlaub auf Hawaii begibt, begegnet er Steven Spielberg am Strand und bringt ihn dazu, die Regie für Raiders of the Lost Ark zu übernehmen (Philip Kaufman wird im Vorspann des Films mit einem Story-Credit erwähnt).

Spielberg will sein 1941-Desaster ausbügeln und stellt Raiders of the Lost Ark billiger und schneller fertig als geplant. Wieder gelingt ihm ein Meilenstein des Unterhaltungs-Kinos (diesmal im Action- und Abenteuer-Genre).

Die geschliffenen Dialoge von Drehbuchautor Lawrence Kasdan und die kunstvollen Bildkompositionen von Kameramann Douglas Slocombe verleihen dem Film den Look & Feel eines klassischen Hollywoodfilms – der Schlagabtausch zwischen Indy (Harrison Ford) und Marion (Karen Allen) ist eine gelungene Hommage an die Screwball-Dialoge der Hepburn/Tracy-Ära. Zur Darstellerriege gehören Paul Freeman (Belloq), John Rhys-Davies (Sallah) und Denholm Elliott (Marcus Brody).

Die spektakulären Stunts (Vic Armstrong) lassen selbst James Bond „alt“ aussehen, und John Williams steigert den heroischen Effekt mit seinem eingängigen Raiders March.

An der Kinokasse ist der Film so erfolgreich, dass Spielberg mit Lucas als Produzent drei Fortsetzungen drehen wird.

Bei den Academy Awards wird Spielberg zum zweiten Mal für den Regie-Oscar nominiert.

Erstmals arbeitet Spielberg mit Industrial Light and Magic (ILM) zusammen: Anders als seine Kollegen George Lucas, James Cameron und Peter Jackson wird Spielberg nie eine eigene Firma für visuelle Effekte gründen, sondern fortan die Dienste von ILM in Anspruch nehmen. Dennis Muren (bereits bei Close Encounters für die Aufnahmen des Mutterschiffs zuständig) wird in sechs weiteren Filmen unter der Regie von Spielberg die visuellen Effekte gestalten. In Raiders of the Lost Ark hat Dennis Muren einen Kurzauftritt als Nazispitzel, der sich an Bord des Pan Am China Clippers hinter der Zeitung versteckt.

Auch mit den Produzenten Kathleen Kennedy und Frank Marshall arbeitet Spielberg zum ersten Mal zusammen – und mit Unterbrechungen bis heute. Mit ihnen gründet Spielberg die Filmproduktionsfirma Amblin Entertainment. Das Hauptquartier auf dem Universal-Gelände „spendiert“ Studioboss Sid Sheinberg.


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Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Raiders of the Lost Ark