2017

The Kidnapping Of Edgardo Mortara

Steven Spielbergs Film The Kidnapping Of Edgardo Mortara ist eine Adaptation des 1997 erschienenen Romans von Pulitzer-Preisträger David Kertzer. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Tony Kushner, der auch die Drehbücher für die Spielberg-Filme Munich (2005) und Lincoln (2012) schrieb. Während der Dreharbeiten von Lincoln gab er David Kertzers Buch an Steven Spielberg weiter, der es zweimal las und sofort davon überzeugt war, dies sei ein großartiger Stoff für eine Verfilmung.

Der Film erzählt die Geschichte eines jüdischen Jungen in Bologna, 1858. Nach seiner geheim vollzogenen Taufe wird er seiner Familie entrissen, um als Katholik aufgezogen zu werden. Der Kampf seiner Eltern um ihren verlorenen Sohn entwickelt sich zu einem der Auslöser für den Niedergang des Vatikan als sekuläre Macht und zu einem Beispiel, wie das Schicksal eines einzelnen Menschen die Geschichte verändern kann.

Mark Rylance spielt Papst Pius IX. Es ist seine dritte Zusammenarbeit mit Spielberg, nachdem er als Bester Nebendarsteller in Bridge Of Spies (2015) einen Oscar gewann und die Titelrolle in The BFG (2016) spielte.

Das Bridge Of Spies-Produzententeam Spielberg, Marc Platt und Kristie Macosko Krieger wird The Kidnapping Of Edgardo Mortara produzieren.

Die Dreharbeiten für die Amblin Entertainment-Produktion sollen ursprünglich im Frühjahr 2017 beginnen – nach Abschluss von Ready Player One. Während noch nach einem geeigneten Kinderdarsteller für die Rolle des Edgardo Mortara gesucht wird, sagt Spielberg bei einem anderen Filmprojekt zu: The Post. Die Dreharbeiten für The Kidnapping Of Edgardo Mortara werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Oscar Isaac (Star Wars: The Force Awakens), der für die Rolle von Edgardos Vater Momolo Mortara vorgesehen war, steigt aus „persönlichen Gründen“ aus dem Projekt aus.

Parallel dazu bereitet Hollywood-Produzent Harvey Weinstein ein eigenes Filmprojekt über die Edgardo Mortara-Story vor. David Kertzer gibt dazu auf Twitter folgenden Kommentar ab: “The difference is Spielberg has film rights to my book, Weinstein doesn’t.”

Steven Spielberg hat oftmals zwei Filme pro Jahr herausgebracht (Doppelsalve). Doch nun entwickelt er sich zu einer Art „Woody Allen“, indem er regelmäßig einen Film pro Jahr veröffentlicht: Bridge of Spies 2015, The BFG 2016, The Post 2017, Ready Player One 2018 und das fünfte Indiana Jones-Abenteuer 2019.

Artwork: © Amblin Entertainment

Advertisements

War Horse (2011)

Steven Spielbergs berührendes Drama War Horse spielt während des Ersten Weltkriegs und beruht auf Michael Morpurgos gleichnamigem Jugendroman aus dem Jahr 1982. Der Film wird von Steven Spielberg und Kathleen Kennedy produziert (Frank Marshall und Revel Guest fungieren als Executive Producer).

Ursprünglich versucht Michael Morpurgo selbst, sein Buch in ein Drehbuch zu übersetzen und arbeitet mehr als fünf Jahre daran, doch es kommt nichts Verwendbares dabei heraus. 2007 adaptiert allerdings Nick Stafford das Buch erfolgreich als Theaterstück. Anders als das Buch kann der Film nicht allein aus Sicht des Pferds erzählt werden, so dass der Großteil der Verfilmung auf der narrativen Herangehensweise des Bühnenstücks basiert. Im Gegensatz zur Theaterfassung, in der für die Pferde lebensgroße Marionetten verwendet werden, setzt der Film auf lebendige Pferde, practical effects und (äußerst selten) CGI.

Im Jahr 2009 ist Filmproduzent Kathleen Kennedy unter den Zuschauern der Bühnenfassung im Londoner West End und berichtet Spielberg davon. Daraufhin erwirbt DreamWorks die Filmrechte. Spielberg schaut sich im Frühjahr 2010 das Bühnenstück an und trifft sich mit den Bühnendarstellern, um ihnen zu sagen, ihre Darstellung habe ihn zu Tränen gerührt.

DreamWorks-Chefin Stacey Snider setzt sich dafür ein, den britischen Regisseur und Drehbuchautor Richard Curtis mit der Überarbeitung der Drehbuch-Entwürfe zu beauftragen, die Michael Morpurgo und Lee Hall eingereicht haben. In nur drei Monaten verfasst Curtis mehr als ein Dutzend Entwürfe in enger Zusammenarbeit mit Spielberg, der zu diesem Zeitpunkt als Produzent vorgesehen ist. Begeistert von den Ergebnissen, beschließt Spielberg, auch die Regie zu übernehmen – während er noch darauf wartet, dass die Animationen für The Adventures of Tintin (2011) abgeschlossen werden.

Nachdem Hunderte junger Darsteller für die Hauptrolle vorgesprochen haben (was zeitweise zu  Spekulationen führt, Eddie Redmayne sei im Rennen), entscheidet sich Spielberg für den relativ unbekannten Theaterschauspieler Jeremy Irvine und beschreibt seine Darstellung als „very natural, very authentic.“ Es ist seine erste Filmrolle, und er hat vor War Horse noch nie ein Pferd geritten.

Zum brillanten Cast des Films gehören britische, französische und deutsche Darsteller (die entsprechende Charaktere spielen), darunter Emily Watson, David Thewlis, Tom Hiddleston, Benedict Cumberbatch, Eddie Marsan, Toby Kebbell, David Kross und Peter Mullan. Robert Emms, Hauptdarsteller in der Londoner Theaterfassung, spielt den Part des David Lyons. Außerdem wirken etwa 5.800 Statisten mit. Buchautor Michael Morpurgo ist in einer Nebenrolle bei der Auktion zu sehen – und besucht mehrmals das Set.

Die Dreharbeiten dauern etwa 64 Tage, beginnend in der Gegend von Stratfield Saye House in North Hampshire. Hier entsteht der Angriff der britischen Kavallerie auf die Maschinengewehr-Stellung der Deutschen, an dem 130 Pferde und Hunderte von Statisten beteiligt sind – eine der erschütterndsten Kriegssequenzen, die Spielberg je gedreht hat.

Jeremy Irvine sagt über die Entstehung der Szenen:

“It was terrifying. The smoke and the smell and the taste of the guns firing. It’s not difficult to act scared in that situation. There’s no doubt this was deliberate: not only to have the film look great, but to have that effect on the actors. It was an eye-opening scene.”

Tom Hiddleston erinnert sich an Spielbergs Regieanweisung:

“He said, ‘Give me your war face, and the camera’s going to move across, and as you feel it come up in front of you, I want you to de-age yourself by 20 years. So you’re 29, and when you see those machine guns, you’re 9 years old. I want to see the child in you.’ And I just thought that was one of the most astonishing acting notes I’d ever been given.“ 

Emily Watson sagt über Spielbergs Regiearbeit:

„On set, he’d come in, in the morning, and say, ‚I couldn’t sleep last night. I was worrying about this shot!’ Which was great! He’s human and he’s still working in an impassioned way, like a 21-year-old, trying to make the best out of everything.”

 

Kathleen Kennedy sondiert etliche Gegenden auf dem Land und schickt Spielberg Fotos, u.a. von Dartmoor, Devon. Daraufhin beschließt Spielberg, Elemente der Geschichte wegzulassen, um die Dreharbeiten in Dartmoor ausdehnen zu können. Spielberg sagt über Dartmoor:

“I have never before, in my long and eclectic career, been gifted with such an abundance of natural beauty as I experienced filming War Horse on Dartmoor.”

Nach seiner Arbeit an James Camerons Avatar (2009) nimmt Produktionsdesigner Rick Carter, Spielbergs langjähriger Mitarbeiter, seine Arbeit für War Horse auf. Dieses Mal besteht seine Aufgabe nicht darin, eine neue Realität zu erschaffen, sondern eine vorhandene Landschaft in eine Art Charakter des Films zu verwandeln.

Die berühmte Aufnahme des Pferdes in der letzten Szene, vor tiefrotem Himmel, wirkt wie eine Anspielung auf Gone With the Wind (1939), doch Spielbergs Kameramann Janusz Kamiński beteuert, die Ähnlichkeit sei unbewusst: „I didn’t even know there was an image similar to that!” Kamiński orientiert sich an John Fords The Searchers (1956) und legt besonderes Augenmerk auf Fords Panoramen-hafte Porträts von Himmel und Landschaft.

Nachdem sich Spielberg in sechs Filmen mit dem Zweiten Weltkrieg befasst hat, wendet er sich erstmals dem Ersten Weltkrieg zu. Die Sequenzen in den von Stacheldraht umsäumten Schützengräben erinnern an Klassiker wie Lewis Milestones All Quiet on the Western Front (1930) und Stanley Kubricks Paths of Glory (1957).

In manchen Szenen kommen bis zu 280 Pferde gleichzeitig zum Einsatz. Für die „Hauptrolle“ des Joey werden vierzehn verschiedene Pferde eingesetzt, acht von ihnen porträtieren ihn als erwachsenes Wesen, vier als Jungpferd und zwei als Fohlen. In einigen Situationen kommen Animatronic-Pferde zum Einsatz, zum Beispiel als sich Joey im Stacheldraht verheddert (der Draht besteht aus Gummi). Die Arbeit mit Pferden ist in diesem Umfang eine vollkommen neue Erfahrung für Spielberg:

“When I’m on an Indy movie, I’m watching Indiana Jones, not the horse he is riding … Suddenly I’m faced with the challenge of making a movie where I not only had to watch the horse, I had to compel the audience to watch it along with me. I had to pay attention to what it was doing and understand its feelings. It was a whole new experience for me.”

Michael Kahn schneidet den Film noch während der Dreharbeiten in seinem Wohnwagen am Set. Kahn und Spielberg schneiden die Szenen digital auf einem Avid-System, statt auf Film.

Die visuellen Effekte für den Film entstammen dem Londoner Unternehmen Framestore.  Spielberg zufolge bestehen die einzigen digitalen Effekte des Films aus drei Einstellungen mit einer Dauer von drei Sekunden, um die Sicherheit des Pferdes zu gewährleisten: “That’s the thing I’m most proud of. Everything you see on screen really happened.”

Spielberg beschreibt die Filmmusik von John Williams wie folgt:

“I feel that John has made a special gift to me of this music, which was inspired not only by my film but also by many of the picturesque settings of the poet William Wordsworth, whose vivid descriptions of the British landscape inspired much of what you are going to hear.”

Der Film erhält positive Kritiken, darunter von Roger Ebert, der über War Horse schreibt: “surely some of the best footage Spielberg has ever directed (…) The film is made with superb artistry. Spielberg is the master of an awesome canvas. Most people will enjoy it, as I did.“ 

War Horse ist ein finanzieller Erfolg und nimmt weltweit 177 Millionen Dollar ein (bei einem Budget von 66 Millionen Dollar). Der Film erhält sechs Oscar-Nominierungen, darunter als Bester Film, geht aber insgesamt leer aus.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von War Horse

 

The Adventures of Tintin (2011)

Steven Spielbergs wegweisender Animationsfilm The Adventures of Tintin (aka The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn) ist eine fotorealistische, computeranimierte 3D-Adaption der berühmten Comic-Serie von Hergé.

Es ist das erste Mal, dass Spielberg bei einem Animationsfilm Regie führt, und es ist sein erster 3D-Film.

Spielberg entdeckt Hergés Comics, als sein Film Raiders of the Lost Ark (1981) damit verglichen wird, und es gelingt ihm, die Rechte zur Verfilmung zu sichern. Hergé schreibt die folgende Notiz über Spielberg: “If anyone can bring Tintin successfully to the screen, it is this young American film director…”.

Pläne für andere Filme kommen jedoch dazwischen, so dass sich das Projekt bis in die späten 2000er Jahre verzögert und DreamWorks die Option zur Verfilmung erneuern muss.

The Adventures of Tintin wird von Peter Jackson produziert, dessen Firma Weta Digital für die Computeranimationen verantwortlich zeichnet. Das Drehbuch wird von Steven Moffat, Edgar Wright und Joe Cornish verfasst und basiert auf drei Hergé-Comicalben: The Crab with the Golden Claws (1941), The Secret of the Unicorn (1943), and Red Rackham’s Treasure (1944). Philippa Boyens und Fran Walsh (bekannt aus den The Lord of the Rings-Filmen) wirken ebenfalls am Drehbuch mit.

Zu den Darstellern, die ihre Charaktere mittels Motion-Performance porträtieren und ihnen ihre Stimme leihen, gehören Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig, Nick Frost und Simon Pegg. Für den Hund Snowy werden die Bewegungen eines Hundes digital erfasst, so dass die Animationskünstler eine Vorlage haben. Sein Bellen wird aus den Lauten verschiedener Hunderassen zusammengesetzt (anders als in den Comics hat der filmische Snowy keine Sprechstimme).

Die Dreharbeiten sollen im Oktober 2008 beginnen, mit dem Ziel einer Release im Jahr 2010. Dieser Plan scheitert, als Universal als Co-Produzent aussteigt und stattdessen Sony Pictures an Bord kommt. Die Verzögerung führt dazu, dass Thomas Sangster, ursprünglich für die Rolle des Tintin vorgesehen, das Projekt verlässt. Als seinen Nachfolger schlägt Peter Jackson einen der Darsteller aus seinem Remake von King Kong (2005) vor: Jamie Bell.

Peter Jackson überzeugt Spielberg “not to do Tintin in live-action” – dies würde den Comic-Büchern nicht gerecht werden – und plädiert für Motion-Capture als der besten Methode, Hergés Welt zu verfilmen.

Im Jahr 2006 wird eine erste Demo auf genau dem Set gedreht, das James Cameron für Avatar (2009) verwendet. In den Testaufnahmen spielt Andy Serkis den Captain Haddock, und Peter Jackson springt ein für Tintin. James Cameron und Robert Zemeckis sind während der Dreharbeiten anwesend. Das Team von Weta Digital produziert eine zwanzigminütige Testaufnahme und demonstriert damit erfolgreich die fotorealistische Darstellung der Charaktere.

Spielberg beginnt mit den Dreharbeiten am 26. Januar 2009 und beendet sie nach 32 Tagen. Regie-Kollegen wie Guillermo del Toro, Stephen Daldry und David Fincher besuchen das Set. Peter Jackson ist in der ersten Woche ebenfalls am Set und überwacht den Rest des Drehs per iChat-Videokonferenz. Spielberg, der den Film wie Live-Action angeht und häufig selbst die Kamera führt, stellt fest: “Every movie I made, up until Tintin, I always kept one eye closed when I’ve been framing a shot,” weil er vor Tintin die Szenen flach sehen wollte, genau wie der Kinozuschauer. “On Tintin, I have both of my eyes open.” Spielberg schließt Mitte Juli 2009 zusätzliche, sechswöchige Motion-Capture-Dreharbeiten ab.

Detailtreue gegenüber Hergés Konzept hat bei Spielbergs kreativen Entscheidungen höchste Priorität. Look und Persönlichkeit der Charaktere werden akribisch auf ihre Comic-Ebenbilder abgestimmt. Erkennbar wird dies bereits bei der stilvollen Titelsequenz des Films und der ersten Szene, in der ein Zeichner, der Hergé sehr ähnelt, ein Tintin-Porträt in Hergés Stil anfertigt. Spielberg beschreibt sein Gefühl bei der Arbeit an diesem Film als „artistic and painterly“. Passenderweise beginnt der Film mit einer Nahaufnahme einer Maler-Palette.

Jackson überwacht das Team von Weta Digital während der Postproduction, während Spielberg per Videokonferenz dazugeschaltet wird. Kameramann Janusz Kamiński ist bei Weta als „Lighting Consultant“ tätig und leistet seinen Beitrag zum Look des Films, den er als „film-noirish, very atmospheric“ bezeichnet. Um die Nuancen der Innenraumausleuchtung zu verbessern, entwickeln Weta Digital und NVIDIA die Ray-TracingSoftware PantaRay, die 100 bis 1000 mal mehr Rechenleistung erfordert als traditionelle Shadow-Mapping-basierte Lösungen. Die Postproduction wird im September 2011 abgeschlossen.

Bei seiner Zusammenarbeit mit Spielberg hat Cutter Michael Kahn das Filmmaterial bisher immer im Analogverfahren auf einer Moviola und einer KEM geschnitten, doch für Tintin schneidet er digital auf einem Avid-System.

John Williams komponiert eine faszinierende Filmmusik für seinen ersten Zeichentrickfilm. Das meiste davon entsteht, während sich der Animationsprozess noch in einem frühen Stadium befindet. Williams versucht “the old Disney technique of doing music first and have the animators trying to follow what the music is doing”. Am Ende muss er mehrere Abschnitte seiner Musik anpassen, als der Film geschnitten wird. Williams setzt verschiedene Musikstile ein: europäischen Jazz der 1920/30er Jahre für den Vorspann oder „Piraten-Musik“ für die Szenen auf hoher See. Die Sopranistin Renée Fleming ist die Singstimme für den Comic-Charakter Bianca Castafiore und interpretiert einen Part aus Romeo et Juliette.

Der Kinostart fällt auf den 30. Jahrestag von Raiders of the Lost Ark (1981). Die Weltpremiere findet am 22. Oktober 2011 statt, und zwar in Brüssel, Hergés Heimatstadt. In den USA startet der Film erst im Dezember 2011 in Digital-3D und IMAX.

The Adventures of Tintin ist ein kommerzieller Erfolg, mit weltweiten Einnahmen von mehr als 373 Millionen Dollar gegenüber einem Budget von 135 Millionen Dollar. Die Einnahmen liegen deutlich höher außerhalb der USA (wo Hergés Comics  weitgehend unbekannt sind). Der Film erhält positive Kritiken, die ihn wiederum mit Raiders of the Lost Ark (1981) vergleichen. Als erster Animationsfilm, der nicht aus dem Hause Pixar kommt, gewinnt Tintin den Golden Globe Award für den Besten Animationsfilm. Für seine Filmmusik wird John Williams für einen Academy Award nominiert.

Peter Jackson plant, bei der Fortsetzung Regie zu führen, mit Spielberg als Produzent. Spielberg und Jackson hoffen auch noch einen dritten Film gemeinsam umzusetzen.

In seiner faszinierenden Analyse von The Adventures of Tintin wirft Paul Bullock einen genauen Blick auf Spielbergs visuelle Motive (Licht, Reflexion und die Vorstellung des Sehens) und wie er damit drei seiner Schlüsselthemen illustriert: emotionale Entwicklung, Herkunft und Gemeinschaft.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von The Adventures of Tintin

 

Munich (2005)

Steven Spielbergs raffinierter Politthriller Munich folgt einem Einsatzteam des israelischen Geheimdienstes Mossad bei der Durchführung ihres geheimen Rachefeldzugs im Auftrag der Regierung. Das Team soll elf Mitglieder der terroristischen Gruppe Schwarzer September aufspüren und töten, die für die Entführung und Ermordung von elf israelischen Sportlern bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München verantwortlich ist. Die Story beruht auf wahren Begebenheiten.

Eric Bana als Avner Kaufman spielt die Hauptrolle. Zur handverlesenen internationalen Besetzung gehören Schauspieler wie Ciarán Hinds, Omar Metwally, Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler, Ayelet Zurer, Gila Almagor, Karim Saleh, Ziad Adwan, Moritz Bleibtreu und Meret Becker. Auch ein künftiger James-Bond-Darsteller (Daniel Craig) sowie Bösewichte aus zurückliegenden (Michael Lonsdale) bzw. bevorstehenden Bond-Filmen (Mathieu Amalric) spielen mit.

Avners Vorgesetzter Ephraim wird von Geoffrey Rush gespielt. Der Part ist ursprünglich für Ben Kingsley vorgesehen. Wegen eines Nachdrehs für das Finale von Steven Spielbergs The Terminal (2004) kommt es jedoch zu Verzögerungen beim Produktionsstart von Munich, so dass sich der Drehplan mit Kingsleys Terminen für Roman Polanskis Oliver Twist (2005) überschneidet und er absagen muss.

Nach sechs Jahren Vorbereitung dreht Spielberg sein ehrgeizigstes Projekt seit Schindler’s List (1993). In dem vollen Bewusstsein, mit Munich möglicherweise seinen Ruf als Filmemacher und seine Anziehungskraft beim Massenpublikum aufs Spiel zu setzen, will sich Spielberg mit einem brisanten Thema künstlerisch auseinandersetzen, das ihn bewegt. Er schildert die Anfangstage der Spirale des Terrors zwischen Israelis und Palästinensern in einer möglichst unvoreingenommenen Weise, gibt beiden Seiten eine Stimme und verurteilt die Gewaltakte auf beiden Seiten.

Das Drehbuch von Tony Kushner und Eric Roth orientiert sich an George Jonas‚ umstrittenem Buch Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team (1984 veröffentlicht). Produzentin Kathleen Kennedy weckte mit dem Buch Spielbergs Aufmerksamkeit für das Thema. Nach Erwerb der Filmrechte beauftragt Spielberg drei Drehbuchfassungen: eine von David Webb Peoples und Janet Peoples, eine von Charles Randolph und eine von Eric Roth. Spielberg entscheidet sich für Roths Fassung, die von Tony Kushner nochmals überarbeitet wird. Um klarzustellen, dass der Film historische und fiktive Ereignissen mit dramatischen Mitteln erzählt, beginnt der Film mit der Titelzeile „Inspired by real events“.

Spielberg mutmaßt, viele Menschen hätten es lieber gesehen, dass sein Film eine eindeutige Position vertritt, ob die gezielten Tötungen des Mossad-Teams gutzuheißen oder zu verurteilen sind:

„But the movie doesn’t take either of those positions. It refuses to. Many of those pundits on the left and right would love the film to land somewhere definite. It puts a real burden on the audience to figure out for themselves how they feel about these issues. There are no easy answers to the most complex story of the last 50 years. (…) What I’m trying to say is, if this movie bothers you, frightens you, upsets you, maybe it’s not a good idea to ignore that. Maybe you need to think about why you’re having that reaction.”

Wie Spielberg es ausdrückt, führt jede Gewalttat zu „unbeabsichtigten Konsequenzen“, und in seinem Film demonstriert er die zunehmende Unverhältnismäßigkeit der Anti-Terror-Maßnahmen.

Die vergeblichen Versuche des Mossad-Teams, die Gefahr von „Kollateralschäden“ zu minimieren, bringt Spielberg in einer von Alfred Hitchcock inspirierten Sequenz auf den Punkt (Videoclip): In Paris soll das Team eines ihrer Ziele mit Sprengstoff töten, ohne dass die Frau und Tochter des Mannes Schaden nehmen. Ein Lkw verdeckt die Sicht der Attentäter, und so entgeht ihnen, dass die Tochter ins Haus zurückkehrt und anstelle ihres Vaters den präparierten Telefonhörer abnimmt. Es bleibt ihnen gerade noch genug Zeit, den Sprengstoffauslöser zu deaktivieren, doch als das Mädchen die Wohnung wieder verlässt, bringen sie den Sprengstoff ohne Zögern zur Explosion. Es ist eine kurze Phase der moralischen Überlegenheit gegenüber Terroristen, die in Kauf nehmen, auch unschuldige Zivilisten in Lebensgefahr zu bringen – aber sie ist nicht von Dauer. Ähnlich Schindler’s List setzt Spielberg das Mädchen (wieder in rot gekleidet) als eine Metapher für Menschen ein, die (versehentlich) während der Einsätze getötet werden.

Spielberg zufolge ist Munichthe most European film I have ever made“, inspiriert von Filmklassikern wie Costa-Gavras‘ Z (1969), Fred Zinnemanns The Day of the Jackal (1973) und William Friedkins The French Connection (1971). Kameramann Janusz Kamiński verwendet die für jene Zeit typischen Farben, lange Brennweiten und Zooms. Kamiński bemerkt zu der umstrittenen Sex-Szene mit Eric Bana, in die Szenen von der Ermordung der israelischen Olympioniken wie Orgasmen hineingeschnitten sind: “It’s almost over-the-top to some degree, right?” (…) “It’s not a delicate little scene. It is what it is, and [Spielberg] wanted to take this chance because it reflected the movie: his anger, his primal fear, his primal desire to be alive.” Und das Gefühl von Trauma und Schuld, das ihn seine eigene Menschlichkeit kostet, im Dienst einer zweifelhaften „Auge um Auge“-Mission

Spielberg nennt Munich sein „Prayer for Peace“, mit dem er seine eigene Sicht erforschen will, wie eine zivilisierte Nation auf Terroranschläge reagieren sollte. Indem er im Hintergrund der Schlusseinstellung die Twin Towers des New Yorker World Trade Center erscheinen lässt, verbindet Spielberg den Subtext des Films mit der Gegenwarts-Politik: So wie die Dauerkonflikte zwischen der westlichen und der arabischen Welt zur Zerstörung der Türme geführt haben, könnte George W. Bushs „War on Terror“ eine weitere Gewaltspirale in Gang setzen.

Die Zeitspanne zwischen dem Beginn der Produktion und der Film-Premiere beträgt weniger als sechs Monate. Gedreht wird in Malta, Budapest, Paris, New York und München. Um den Film rechtzeitig fertigzustellen, bearbeitet Cutter Michael Kahn die in Malta und Ungarn entstandenen Szenen direkt am Set. So kann Spielberg jeden Tag die Szenen, die er zwei Tage zuvor gedreht hat, bereits im Rohschnitt betrachten. Zwei Kopien des Rohschnitts werden verschickt: eine als Referenz für Filmkomponist John Williams, die andere an Ben Burtt für die Umsetzung der Sound-Effekte. Der Schnitt für die in Paris und New York gedrehten Szenen erfolgt zwei Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten, und der Final Cut ist nach weiteren zwei Wochen fertiggestellt.

Die melancholische Stimmung des Films untermalt John Williams mit subtil orchestrierten Themen, die zwischen den Kulturen der Israelis und Palästinenser wechseln.

Der Film wird von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen, allerdings zählt Munich zu Spielbergs Filmen mit den niedrigsten Einnahmen: Munich spielt weltweit nur 130,4 Millionen Dollar ein, bei einem Budget von 70 Millionen Dollar.

Konservative Medien in Israel und den USA werfen Spielberg vor, er würde die Israelis mit den Terroristen gleichsetzen. Als Folge der hitzig geführten Debatte prangt Spielberg auf den Titelseiten internationaler Zeitschriften, darunter TIME Magazine und DER SPIEGEL.

Bei den Academy Awards erhält Munich fünf Nominierungen in den Kategorien Best Picture, Best Director, Best Adapted Screenplay, Best Film Editing und Best Original Score – geht aber leer aus.

In seiner Rezension zieht Roger Ebert das Fazit:

“With this film [Spielberg] has dramatically opened a wider dialogue, helping to make the inarguable into the debatable.“

Ian Nathan schreibt in seiner Kritik für Empire:

Munich is Steven Spielberg’s most difficult film. It arrives already inflamed by controversy… This is Spielberg operating at his peak — an exceptionally made, provocative and vital film for our times.“

Munich beschließt Spielbergs Doppelsalve im Jahr 2005. Sowohl War of the Worlds, als auch Munich können als Parabeln zur Stimmung in den USA nach 9/11 gelesen werden.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Munich

Catch Me If You Can (2002)

Steven Spielbergs Catch Me If You Canthe true story of a real fake. 15 Jahre nach Empire of the Sun (1987), stellt Spielberg erneut einen jungen Mann in den Mittelpunkt eines Films, der seine kindliche Unschuld aufgrund traumatischer Umstände verliert. Catch Me If You Can befasst sich wieder mit typischen Spielberg-Themen wie der dysfunktionalen Familie, abwesendem Vater und belasteter Kindheit.

Das Drehbuch von Jeff Nathanson beruht auf Frank Abagnales Memoiren, der nach der Trennung seiner Eltern nach Manhattan flieht, um seine „Karriere“ als einer der weltweit meistgesuchten Betrüger zu starten – noch vor seinem 19. Geburtstag erschwindelt er durch Scheckbetrug mehrere Millionen Dollar in 26 Ländern, indem er die Identitäten u.a. eines Pan Am-Piloten, Kinderarztes und Rechtsanwalts annimmt.

In den Hauptrollen spielen Leonardo DiCaprio und Tom Hanks; die hervorragende Besetzung wird abgerundet durch die Nebendarsteller Christopher Walken, Amy Adams, Martin Sheen, Nathalie Baye, Elizabeth Banks, Jennifer Garner, James Brolin, Frank John Hughes und Ellen Pompeo.

Spielbergs beschwingt, berührend und hintergründig erzählter Film entsteht in der New-Hollywood-Tradition der Anti-Establishment-Geschichten, mit „Anti-Helden“ wie Butch Cassidy und Sundance Kid, die sich als smarter und letztlich sympathischer herausstellen als die Sheriffs und Detektive, die ihnen dicht auf den Fersen sind. Er spielt in einer Zeit, als Frauen Cocktailkleider und Männer die ganze Zeit Hut und Krawatte trugen – eine Ära, in der Geschäfte per Handschlag erfolgten und Kennedys optimistischer Ausruf „To the moon!“ geprägt wurde. Spielberg über Frank Abagnale:

“Frank was a 21st century genius working within the innocence of the mid ‘60s, when people were more trusting than they are now. I don’t think this is the kind of movie where somebody could say, ‚I have a career plan.'“

Die Ursprünge des Films reichen zurück ins Jahr 1977, als Abagnale nach seinem Aufsehen erregenden Auftritt in Johnny Carsons Tonight Show seine Autobiographie schreibt. Ein Jahr später verkauft er die Filmrechte, doch die Geschichte bleibt „in turnaround“ bei mehreren Studios. Zu dieser Zeit wird noch Dustin Hoffman für die Hauptrolle in Betracht gezogen.

Zwanzig Jahre später gehen die Rechte an Dreamworks. Im Laufe der Zeit werden für die Regie Namen wie David Fincher, Lasse Hallström, Miloš Forman und Cameron Crowe gehandelt. Als Leonardo DiCaprio in das Projekt einsteigt, plädiert er für Gore Verbinsky. Der muss jedoch aussteigen, als DiCaprio bei Nachdrehs für Martin Scorseses problembehafteten Film Gangs of New York (2003) gebraucht wird und sich dadurch der Drehbeginn von Catch Me If You Can verzögert. DiCaprio wendet sich an Steven Spielberg, der kurzerhand beschließt, selbst Regie zu führen und dafür Projekte wie Big Fish (2003) und Memoirs of a Geisha (2005) aufgibt.

Auf Spielbergs Wunsch erhält Tom Hanks die Rolle des FBI-Inspektor Carl Hanratty und ersetzt damit James Gandolfini. Die Suche nach einer Darstellerin für die Rolle der Brenda Strong dauert Monate, bis man sich schließlich für Amy Adams entscheidet. Produzent Walter F. Parkes beschreibt sie als “fresh and honest as anyone we’d seen”. Christopher Walken, mit dem Spielberg schon lange zusammenarbeiten wollte,  liefert als Frank Abagnales Vater eine darstellerische Glanzleistung.

Für die Rolle der Mutter, Paula Abagnale, besteht Spielberg auf einer französischen Schauspielerin, um der Geschichte treu zu bleiben. Er bittet seinen Freund Brian De Palma (der in Paris lebt), ein Casting durchzuführen und entscheidet sich für Nathalie Baye, die das Scriptgirl Joëlle in François Truffauts Day for Night (1973) spielte.

Als Fan der TV-Serie Alias (Idee und Produktion: J.J. Abrams) offeriert Spielberg der Hauptdarstellerin Jennifer Garner den Part des Callgirls Cheryl Ann; ihr Auftritt wird an einem einzigen Tag gedreht.

Ein weiterer Nebendarsteller, James Brolin, spielt Jack Barnes, mit dem die Mutter von Frank Abagnale Jr. eine Affäre hat und seinetwegen die Familie verlässt. Spielberg kannte Brolin als Darsteller in der TV-Folge The Daredevil Gesture (1970), die unter der Regie von Steven Spielberg entstand.

Die Dreharbeiten für die mehr als 180 Szenen werden in nur 52 Tagen abgeschlossen, an 147 verschiedenen Locations in Los Angeles, New York und Montreal. Nach DiCaprio, „Szenen, die wir dachten, würde drei Tage dauerte einen Nachmittag“.

Für Kameramann Janusz Kamiński markiert der Film einen stilistischen Wechsel gegenüber Spielbergs zurückliegenden, düsteren Historiendramen und Dystopien. Seine Kameraarbeit hält er sehr schlicht, ohne größere visuellen Tricks. In den Szenen der 60er Jahre ist die Beleuchtung eher warm, doch als die Handlung die 70er Jahre erreicht, versucht er, die Bilder flacher und hässlicher zu gestalten, indem er die Lichtquelle näher an der Kamera bringt. Kamiński sagt über seinen „quick and dirty“-Ansatz:

“This film is less ‘Spielberg’ than some of his other movies. Steven was very relaxed and interested in working with the actors, and because we were working so fast there was often not enough time to give him a traditional look. There are gorgeously lit scenes in the film, but there are also scenes that, well, just don’t look as good! Once we lit we just had to go with it. I love that method.“

Spielberg nutzt die Gelegenheit, um mehrere Anspielungen auf James Bond unterzubringen und sogar Ausschnitte aus Goldfinger (1964) zu zeigen – ein Film, der während jener Zeit en vogue war, jedoch in Abagnales Biographie keine Erwähnung findet.

Der faszinierende, von Saul Bass inspirierte Vorspann von Catch Me If You Can wird von Olivier Kuntzel und Florenz Deygas erstellt. Die im „Stempel“-Stil gehaltene Sequenz dauert ca. zweieinhalb Minuten und zeigt Silhouetten der Hauptfiguren in typischen Situationen der Handlung. „Just for fun“ wird noch ein Spielberg-typischer Meteorschauer hinzugefügt. Der grafische Vorspann geht über in einen Ausschnitt der TV-Game-Show To Tell the Truth (1977), in die Leonardo DiCaprio als Frank Abagnale digital transplantiert wird.

Catch Me If You Can ist ein großer Erfolg bei den Kritikern, und auch der echte Frank Abagnale reagiert positiv. Er hat einen Cameo-Auftritt als französischer Polizist, der Frank verhaftet. In einem weiteren Gastauftritt sieht man Max Spielberg hinter DiCaprio sitzen sehen, während der beiden Szenen im Flugzeug.

Mit einem weltweiten Einspielergebnis von 352,1 Mio. Dollar (bei einem Budget von nur 52 Millionen Dollar) ist der Film extrem profitabel. 2002 ist ein großes Jahr für Spielberg, indem er eine Doppelsalve erfolgreicher Filme liefert: Minority Report und Catch Me If You Can.

Filmkritiker James Berardinelli zieht das Fazit: Catch Me if You Can never takes itself or its subjects too seriously, and contains more genuinely funny material than about 90% of the so-called ‚comedies’ found in multiplexes these days“. Er lobt John Williams’ Filmscore als “more intimate and jazzy than his usual material, evoking (intentionally) Henry Mancini”.

Regiekollege Guillermo del Toro bezeichnet Catch Me If You Can als ein “masterpiece of timing and grace. Fluid but precise. Built like clockwork and with a huge human heart at its core.”

Bei den Academy Awards wird Catch Me If You Can nur für zwei Oscars nominiert (Bester Nebendarsteller Christopher Walken und Beste Filmmusik) und geht leer aus. Immerhin gewinnt Christopher Walken den Screen Actors Guild Award.

Auf Basis des Films entsteht ein Broadway-Musical, das für vier Tony Awards, einschließlich Bestes Musical, nominiert wird.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Catch Me If You Can

Minority Report (2002)

Steven Spielbergs Minority Report zählt zu den bedeutendsten Filmadaptionen einer von Philip K. Dick verfassten Geschichte. Spielberg erweitert Philip K. Dicks Kurzgeschichte The Minority Report zu einem abendfüllenden Kinofilm (mit Überlänge: 145 Minuten). Seine größte Herausforderung besteht jedoch darin, die im Jahre 1956 veröffentlichte Geschichte in einen aktuellen Kontext zu überführen, mit der sowohl Kenner der Kurzgeschichte, als auch das heutige Durchschnittspublikum etwas anfangen können.

Die dystopische Story ist in Washington DC angesiedelt und beschäftigt sich mit den Folgen eines Strafverfolgungs-Systems namens „Precrime“, welches von den Behörden dazu autorisiert ist, Menschen für Morde zu verhaften und einzusperren, noch bevor sie begangen werden. Darüber entscheiden drei so genannte „Precogs“, die künftige Morde aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten voraussagen können. Die Einsatzteams werden von John Anderton (Tom Cruise) geleitet, sein Vorgesetzter ist Precrime-Chef Lamar Burgess (Max von Sydow).

Nebendarsteller sind u.a. Colin Farrell, Samantha Morton, Peter Stormare, Lois Smith, Tim Blake Nelson und Jessica Capshaw.

Versteckt in einer faszinierenden Mischung aus Film noir, Science Fiction, Thriller und Krimi verkleidet, teilt Spielberg seine kritische Sicht auf die aktuelle US-Politik, insbesondere die Aktivitäten der Bush-Regierung in Bezug auf „Homeland Security“ und das Gefangenenlager Guantanamo Bay.

Der Film stellt die Frage, ob ein freier Wille weiter existieren kann, wenn die Zukunft im Voraus „bekannt“ ist. Er untersucht zudem die Wirkung der Medien und der Werbung, wenn sie durch technologische Fortschritte allgegenwärtig werden (heute bereits teilweise umgesetzt). In Spielbergs Worten:

„The Internet is watching us now. If they want to. They can see what sites you visit. In the future, television will be watching us, and customizing itself to what it knows about us. The thrilling thing is, that will make us feel we’re part of the medium. The scary thing is, we’ll lose our right to privacy. An ad will appear in the air around us, talking directly to us.“

Spielbergs Lieblingsthemen wie Massenmedien-gesteuerte Paranoia („Everybody runs“) und dysfunktionale Familien sind ebenfalls im Film enthalten.

Bevor Spielberg einsteigt, befindet sich das Projekt viele Jahre lang in „Turnaround“. Ursprünglich plant Ronald Shusett, Co-Autor von Alien (1979), Philip K. Dicks Kurzgeschichte für eine Fortsetzung von Total Recall (1990) aufzubereiten. In dieser Version hat die Erdbevölkerung auf den Mars umgesiedelt. Aufgrund der schlechten Sauerstoffversorgung in den Bergarbeiterkolonien, mutieren einige Siedler in die Precogs aus Philip K. Dicks Story. Jan de Bont ist zu diesem Zeitpunkt als Regisseur vorgesehen, doch das Projekt wird schließlich abgebrochen, so dass Drehbuchautor Jon Cohen alle Total Recall-Elemente wieder entfernt. Er verlegt seinen Entwurf in eine Retro-Zukunft, in einen Stadtteil, der den 1950er Jahren entsprungen zu sein scheint.

Diese Version weckt die Aufmerksamkeit von Tom Cruise, und zwar während der Dreharbeiten zu Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (1999). Seit seiner ersten Begegnung mit Spielberg am Set von Risky Business (1983) setzt Cruise alles daran, einmal in einem Spielberg-Film mitzuwirken. Als Spielberg jedoch aus Termingründen beim Film Rain Man (1988) aussteigen muss, zieht sich die Wartezeit noch länger hin. Schließlich gibt Spielberg „grünes Licht“ für Minority Report, nachdem Cruise ihm den Script-Entwurf zugespielt hat. Allerdings muss Cruise zuvor noch Mission Impossible 2 (2000) beenden, und Spielberg führt Regie bei A.I. – Artificial Intelligence (2001), so dass zwei weitere Jahre vergehen.

Als Spielberg an Bord kommt, plant er zunächst eine ganz andere Besetzung der Nebenrollen: Matt Damon soll John Andertons Widersacher Danny Witwer spielen, Meryl Streep ist für den Part von Iris Hineman vorgesehen, Ian McKellen soll Precrime-Chef Lamar Burgess spielen, und Cate Blanchett soll Agatha, eine der Precogs verkörpern. Meryl Streep lehnt die Rolle ab, Matt Damon steigt aus, und die anderen Rollen werden wegen des verschobenen Drehstarts neu besetzt.

Spielberg macht das Beste aus den Verzögerungen und beauftragt Scott Frank mit der Überarbeitung des Drehbuchentwurfs. Frank verwirft die meisten Ideen aus Cohens Fassung, aber er übernimmt die Idee für die Sequenz in der Autofabrik, die auf einem unverfilmten Konzept von Alfred Hitchcocks North by Northwest (1959) beruht – damals wäre die Umsetzung zu kostspielig gewesen. Für Minority Report wird die Sequenz in einer echten Kfz-Produktionsanlage mit einem Schweißroboter und physischen Special-Effects verfilmt.

In der Vorbereitungsphase lädt Spielberg 15 Experten aus verschiedenen Disziplinen zu einem dreitägigen „Think-Tank“ ein, um von ihnen zu erfahren, wie das tägliche Leben im Jahr 2054 aussehen könnte. Produktionsdesigner Alex McDowell – der schon für David Finchers Fight Club (1999) arbeitete – protokolliert die Ideen in einer „2054 Bibel“, einem 80-seitigen Leitfaden zu allen Aspekten der zukünftigen Welt, z.B. Architektur, Sozio-Ökonomie, Politik und Technik. Einige der im Film gezeigten Technologien finden einige Jahre später tatsächlich ihren Weg in den Alltag (z.B. Multi-Touch-Schnittstellen, Netzhaut-Scanner, Tablets mit elektronischen Zeitungen und 1-to-1 Marketing).

Für Minority Report entwickelt Kameramann Janusz Kamiński einen außergewöhnlichen visuellen Stil, indem er High-Speed-Film einsetzt und zwischen Handheld und Steadicam-Aufnahmen wechselt. Mittels hohem Kontrast erzeugt er dunkle Farben und Schatten (wie im Film noir) sowie überbelichtete Aufnahmen mit verblassenden Farben, die durch einen Bleichungsprozess in der Post-Production entstehen.

Die 14-minütige Eröffnungssequenz des Films mit der verzerrten Precog-Vision eines bevorstehenden Mordes ist die bis heute komplexeste Intro in Spielbergs Gesamtwerk und markiert einen Höhepunkt in Michael Kahns Arbeit als Editor.

Minority Report ist der erste Film, der auf Basis eines vollständig digitalen Produktionsdesigns entsteht. „Previz“ (ein Begriff, der auf die Story des Films anspielt) ermöglicht der Crew den Einsatz von Photoshop und 3-D-Animationsprogrammen, um ein simuliertes Set mit virtuellen Akteuren zu erstellen. So kann Spielberg im Voraus Bildausschnitte und Kamerafahrten planen. Industrial Light & Magic liefert die meisten der atemberaubenden visuellen Effekte, während die Dreamworks-Effektschmiede PDI für die Umsetzung der Spyder-Roboter zuständig ist.

John Williams komponiert einen packenden „Black and White Score“, der von Bernard Herrmanns Werk inspiriert ist, und untermalt die Anne Lively-Szenen mit einer Sängerin im Film noir-Stil. Franz Schuberts Symphonie Nr. 8, h-Moll („Die Unvollendete“) ist zu hören, als Anderton seine Precrime-Untersuchung am Bildschirm „dirigiert“, weil ihn das Script als Fan klassischer Musik beschreibt. Diese aufwendig choreografierten Szenen zählen zu den einprägsamsten Bildern aus Spielbergs Film.

Minority Report ist einer der von der Kritik am besten bewerteten Filme des Jahres 2002. Gelobt wird er vor allem für die innovative Optik und seine Themen. Vielfach bemängelt wird das „Happy End“, das als inkonsistent zum Rest des Films bewertet wird (von Kritikern, die Spielbergs Absicht nicht erkennen, den Film mit einem “ falschen Ende“ zu versehen, das nur in der Fantasie des Protagonisten existiert; ein Kniff, der das Thema des Films unterstreicht: „Realität vs. Wahrnehmung“).

Roger Ebert nennt den Film ein „Meisterwerk“ und stellt fest, dass die meisten Regisseure ihre Energie in Tricktechniken setzen, während Spielberg Handlung und Charaktere in den Vordergrund stellt und Technologie nur wie ein Fachmann einsetzt, der seine Werkzeuge beherrscht.

Der Film entsteht als Co-Produktion von Amblin Entertainment und Cruise / Wagner Productions, den Verleih übernimmt 20th Century Fox (in Nordamerika) bzw. Dreamworks SKG (international). Minority Report entpuppt sich als ein großer kommerzieller Erfolg und nimmt weltweit mehr als 358 Mio. Dollar ein – bei einem Gesamtbudget von 142 Mio. Dollar (einschließlich Marketing-Kosten).

Minority Report erhält eine Oscar-Nominierung für Best Sound Editing, wird aber ansonsten von der Akademie ignoriert.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Minority Report

Amistad (1997)

Steven Spielbergs Historiendrama Amistad – sein erster Film unter dem Banner von DreamWorks SKG – beruht auf der wahren Geschichte einer Meuterei an Bord des Sklavenschiffs La Amistad im Jahre 1839. Angeführt von Joseph Cinque, übernehmen 53 verschleppte Afrikaner, die auf den Zuckerplantagen von Kuba arbeiten sollen, die Kontrolle über das Schiff und enden schließlich in einer Gerichtsverhandlung des U.S. Supreme Court, wo sich der ehemalige US-Präsident John Quincy Adams in einer leidenschaftlichen Rede für ihre Freilassung einsetzt.

David Franzoni schreibt das Drehbuch, das anschließend auf Spielbergs Wunsch von Steven Zaillian (Schindler’s List) überarbeitet wird.

John Quincy Adams wird von Anthony Hopkins gespielt, nachdem Sean Connery die Rolle abgelehnt hat. Spielberg zufolge waren einige US-Darsteller erzürnt, da ihrer Meinung nach der Präsident von einem amerikanischen Schauspieler gespielt werden solle. Dies hält Spielberg später nicht davon ab, mit Daniel Day-Lewis wiederum einen Briten für die Hauptrolle in Lincoln (2012) zu besetzen – ein weiteres Historiendrama mit dem Fokus auf Afro-Amerikanischer Geschichte. Hopkins hält die gesamte 7-seitige Rede in einer einzigen Einstellung.

Spielberg entscheidet sich für Djimon Hounsou als Darsteller des Cinque, nachdem mehr als 150 Schauspieler zur Auswahl standen (darunter auch Will Smith, Denzel Washington und Cuba Gooding Jr.). In einem 10-tägigen Crashkurs lernt Hounsou die Tonsprache Mende, die in der Heimat von Cinque gesprochen wird.

Der Sklavereigegner Theodore Joadson, gespielt von Morgan Freeman, ist eine fiktive, aus mehreren historischen Personen zusammengesetzte Figur – eine Erzähltechnik, die Spielberg schon in Schindler’s List (1993) zur Anwendung brachte.

Zum eindrucksvollen Schauspieler-Ensemble zählen Matthew McConaughey, Nigel Hawthorne, Anna Paquin, Stellan Skarsgård, Chiwetel Ejiofor und Arliss Howard. Harry A. Blackmun (Richter am US Supreme Court von 1970 bis 1994) spielt die Rolle des US Associate Supreme Court Justice, Joseph Story.

Die treibende Kraft hinter Amistad ist die Ausführende Produzentin Debbie Allen. Schon 1978 stolperte sie über ein literarisches Journal, das die Geschichte der La Amistad-Meuterei enthielt. Doch als sie die Story den Hollywood-Studios zur Verfilmung anbietet, schlägt ihr nur Ablehnung entgegen, von schwarzen und weißen Produzenten gleichermaßen. Niemand wolle einen Film über Sklaven sehen, sagt man ihr. Nachdem sie Spielbergs Schindler’s List (1993) angeschaut hat, ist sich Allen sicher, den Mann gefunden zu haben, der Cinques Geschichte in einen fesselnden Film verwandeln könnte.

Spielberg nimmt die Herausforderung an, die verwickelten historischen Ereignisse rund um die Amistad-Meuterei in einem Spielfilm nachzuerzählen, weil er davon überzeugt ist, dass jeder – besonders seine eigenen Kinder – diesen Vorfall kennen sollte, der im Geschichtsunterricht eine so geringe Rolle spielt. Spielberg will eine historische Fußnote in ein menschlich nachvollziehbares Drama übersetzen, das Zeit und Raum überwindet. Später kritisieren Akademiker seinen Film wegen historischer Ungenauigkeit und einer irreführenden Darstellung des Amistad-Verfahrens als „Wendepunkt“ der amerikanischen Sicht auf die Sklaverei.

Die Dreharbeiten enden bereits nach 48 Tagen. An der Post-Production nimmt Spielberg kaum teil, da er bereits an seinem nächsten Film arbeitet: Saving Private Ryan (1998). Kameramann Janusz Kamiński vermeidet die Klischees des historischen Genres, denn die Story “required photography that was not too pretty. (…) The movie is about a slave rebellion in 1830, so it would have been wrong to apply lighting that conveyed romantic notions.” Spielberg fügt hinzu: “I didn’t want to bring modern times – which I would equate with long, slick dolly shots – into the nineteenth century.“

Produktionsdesigner Rick Carter orientiert sich bei der Festlegung der visuellen Anmutung an den Werken von Francisco Goya. Kostümdesignerin Ruth E. Carter kleidet Hunderte von Komparsen in Lendenschurz und muss gleichzeitig historische Garderobe für Anwälte, Königinnen und Präsidenten entwerfen.

Anders als bei The Color Purple (für den Quincy Jones den Score schrieb) erhält diesmal John Williams den schwierigen Auftrag, für Spielbergs zweiten Film über ein Afro-Amerikanisches Thema eine passende Musik zu liefern. Es ist der fünfzehnte Film ihrer inzwischen 24-jährigen Zusammenarbeit. Williams komponiert einen Score mit einem mitreißenden Hauptthema – eine musikalische Adaption des Gedichts “Dry Your Tears, Africa” mit afrikanischem Sprechgesang.

Amistad kann über die Länge von 152 Minuten nicht immer überzeugen, erhält aber überwiegend positive Kritiken. Der Film wird für vier Academy Awards nominiert: Anthony Hopkins in der Kategorie Best Actor in A Supporting Role, Best Cinematography, Best Costume Design und Best Music.

Filmkritiker Roger Ebert urteilt: “Amistad, like Spielberg’s Schindler’s List, is […] about the ways good men try to work realistically within an evil system to spare a few of its victims. […] Schindler’s List works better as narrative because it is about a risky deception, while Amistad is about the search for a truth that, if found, will be small consolation to the millions of existing slaves. As a result, the movie doesn’t have the emotional charge of Spielberg’s earlier film — or of The Color Purple, which moved me to tears. […] What is most valuable about Amistad is the way it provides faces and names for its African characters, whom the movies so often make into faceless victims.”

Spielbergs Doppelsalve (wie zuvor Jurassic Park und Schindler’s List erscheinen The Lost World: Jurassic Park und Amistad im selben Jahr) bleibt hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück: Bei einem Budget von ca. 36 Millionen Dollar und trotz großem Staraufgebot erwirtschaftet Amistad mit ca. 44 Millionen Dollar nur einen relativ kleinen Profit.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Amistad