Bridge of Spies (2015)

Steven Spielbergs historisch-biografischer Thriller Bridge of Spies beruht auf einem Drehbuch von Matt Charman und Ethan & Joel Coen. In den Hauptrollen spielen Tom Hanks, Mark Rylance, Amy Ryan und Alan Alda. Zum vierten Mal spielt Tom Hanks in einem Steven Spielberg-Film die Hauptrolle (es ist ihre erste Zusammenarbeit seit mehr als zehn Jahren).

Und Spielberg kann endlich einen Spionagethriller drehen…

“I’ve always wanted to make a spy movie. This is not James Bond. Only James Bond can be James Bond. I’ve always been fascinated with the entertainment value of the James Bond spy series of movies, as well as the serious John le Carre spy novels, especially the Martin Ritt movie „The Spy Who Came in From the Cold“. Also spy pictures like „The Quiller Memorandum“ and „The Ipcress File“, and „Torn Curtain“ by Hitchcock in the ‘60s.”

Fotos: © 2015 Twentieth Century Fox

Zu den Nebendarstellern des Films zählen Austin Stowell, Domenick Lombardozzi, Michael Gaton, Sebastian Koch und Burghart Klaußner. Die Story basiert auf James B. Donovans Buch „Strangers on a Bridge: The Case of Colonel Abel and Francis Gary Powers“ (1964) und Gilles Whittells Buch „Bridge of Spies: A True Story of the Cold War“ (2010).

Der Film erzählt die Geschichte des New Yorker Anwalts James B. Donovan (Tom Hanks): Er erhält den Auftrag, die Freilassung des Piloten Francis Gary Powers zu erwirken, dessen U-2-Spionageflugzeug über dem Territorium der Sowjetunion abgeschossen wurde. Donovan bekommt bald die Auswirkungen des Kalten Kriegs zu spüren, aber er ist entschlossen, seinen Auftrag zu erfüllen, denn: „Der nächste Fehler, den unsere Länder machen, könnte der letzte sein.“

Im offiziellen Begleitvideo für den Film spricht Spielberg über den U-2-Zwischenfall und welche Bedeutung er für ihn persönlich hat. Sein Vater Arnold war 1960 als Elektroingenieur zu Gast in der Sowjetunion, als es zum Vorfall mit dem U-2-Spionageflugzeug kam.

“The Russians were putting the pilot Gary Powers’ helmet and his flight suit and the remains of the U-2 plane on show for everyone in Russia to see. A military man saw my father’s American passport and took him to the head of the queue and repeated really angrily to the crowd, ‘look what your country is doing to us.’ I never forgot that story, and because of that I never forgot what happened to Francis Gary Powers.”

Eine faszinierende Gegenüberstellung der historischen Fakten und der filmischen Umsetzung (nicht nur zum Thema Bridge of Spies) bietet diese Website.

Als Matt Charman sein Drehbuch bei DreamWorks einreicht, trifft Steven Spielberg schnell den Entschluss, die Regie für das Filmprojekt zu übernehmen und lässt Joel & Ethan Coen das Originalskript überarbeiten. Am 3. März 2015 verkündet Co-Produzent Marc Platt den Titel des Films: Bridge of Spies.

Die Dreharbeiten beginnen am 8. September 2014 in Brooklyn, New York, unter dem Arbeitstitel St. James Place und werden in den Bezirken DUMBO, Astoria und Manhattan fortgesetzt. Um dem Stil der 1950er Jahre gerecht zu werden, dreht Kameramann Janusz Kamiński auf 35-mm-Film mit anamorphen Linsen in einem Seitenverhältnis von 2,35:1.

Der zweite Teil der Dreharbeiten erfolgt bis Ende November in den Babelsberg Studios in Potsdam. In Berlin dreht Spielberg u.a. am ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo sich einige der wahren Ereignisse tatsächlich abspielten, z.B. als Donovan aus einer historischen C-54 Skymaster steigt.

In einer Schlüsselszene des Films wird der Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke gezeigt (auch bekannt als die „Brücke der Spione“), wo 1962 die historischen Ereignisse stattfanden. Nicht weit entfernt von der Brücke versammelten sich 20 Jahre zuvor die nationalsozialistischen „Architekten“ des Holocaust zur Wannsee-Konferenz, um die Vernichtung der Juden zu organisieren. Während der Dreharbeiten gegen Ende November lässt dies Spielberg besonders frösteln.

Set-Fotos: © 2015 Steven Spielberg Chroniken

Für den Dreh wird die Glienicker Brücke ein Wochenende lang komplett gesperrt. Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht das Set und nimmt sich Zeit, den Prozess des Filmemachens zu beobachten.

Um Sequenzen zu filmen, in denen die Berliner Mauer zu sehen ist, reist das Produktionsteam nach Wroclaw, Polen, wo Teile der Berliner Mauer und Umgebung unter der Leitung von Produktionsdesigner Adam Stockhausen originalgetreu rekonstruiert werden. Stockhausen erhielt einen Oscar für seine Arbeit an Wes Andersons The Grand Budapest Hotel (2014). Kostüm-Designerin Kasia Walicka Maimone, die bereits beim Film Moonrise Kingdom (2012) mit Wes Anderson and Adam Stockhausen zusammengearbeitet hat, kleidet Haupt- und Nebendarsteller sowie eine Unzahl von Statisten passend zur Mode des Kalten Kriegs ein.

Kameramann Janusz Kamiński kann endlich wieder in seinem Heimatland drehen – nach seiner ersten Zusammenarbeit mit Spielberg, Schindler’s List (1993). Drehschluss ist auf der Beale Air Force Base, nahe Marysville, Kalifornien. Francis Gary Powers, Jr., Gründer des The Cold War Museum und Sohn des Piloten, wird als technischer Berater hinzugezogen und hat einen Cameo-Auftritt.

Die Filmmusik wird von Thomas Newman komponiert. Es ist das erste Mal seit The Color Purple (1985), dass John Williams nicht die Musik für einen Steven Spielberg-Film schreibt. Williams steht aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Verfügung, und da er mit der Musik für J.J. Abrams‘ Star Wars – The Force Awakens (2015) beschäftigt ist.

Das erste Plakat für Bridge of Spies wird am 4. Juni 2015 veröffentlicht, und am darauffolgenden Tag der erste Online-Trailer. In europäischen Fassungen des Filmplakats wird die US-Flagge durch eine abstrakte Darstellung der Glienicker Brücke im Stil der 60er Jahre ersetzt (eine visuelle Anspielung auf den berühmten Grafik- und Filmtiteldesigner Saul Bass).

Bridge of Spies wird produziert von Steven Spielberg, Marc Platt und Kristie Macosko Krieger. In Nordamerika übernimmt Touchstone Pictures den Verleih, in allen anderen Ländern 20th Century Fox.

Der Film feiert seine Weltpremiere am 4. Oktober 2015 im Rahmen des 53th New York Film Festival – in Anwesenheit von Tom Hanks, Steven Spielberg, Amy Ryan, Mark Rylance und Sebastian Koch. Als der Vorhang fällt, reißt es das Publikum von den Stühlen, und es kommt zu einer Standing Ovation. Filmkritik und Publikum reagieren einhellig positiv.

Die Internationale Premiere von Bridge of Spies findet am 13. November in Berlin statt – in Anwesenheit von Steven Spielberg, Kate Capshaw sowie der Darsteller Tom Hanks, Amy Ryan, Sebastian Koch und Burghart Klaußner.

Zu den Besuchern der bejubelten Premiere gehören u.a. John B. Emerson (Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien), Dr. Gideon Joffe (Vorstandsvorsitzende Jüdische Gemeinde Berlin), Sergej M. Maguta (1. Botschaftssekretär und Kulturattaché der Russischen Föderation) sowie die Regisseure Volker Schlöndorff, Tom Tykwer und Lana Wachowski und die Schauspieler Nina Hoss und David Kross.

Im Anschluss an die Premiere in Berlin will Steven Spielberg nach Paris reisen, um an der französischen Uraufführung seines Films teilzunehmen. Doch die Terroranschläge in Paris setzen diesen Plänen ein Ende: Die 20th Century Fox sagt die für den 15. November geplante Veranstaltung ab.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) verleiht Bridge of Spies das Prädikat „besonders wertvoll“. Aus der Begründung:

„Der neue Film von Steven Spielberg ist ein packender und ergreifender Spionage-Thriller, dessen Geschichte eintaucht in die Auseinandersetzungen des Kalten Krieges Ende der 1950er Jahre. Geheimdienste, Agenten, Verschwörungen, politisches Kalkül und Taktieren – das sind die Zutaten, die man aus dem Genre kennt.

Doch Spielberg und seine Autoren Matt Charman und Joel und Ethan Coen schaffen es, die Individuen hinter den globalen Prozessen sichtbar zu machen. Tom Hanks als James Donovan steht für all die kleinen Rädchen im großen Getriebe der Macht. Menschen, die nicht nur einen Job erledigen, sondern das Richtige tun wollen. Hanks ist als Donovan eine moralische Figureninstanz und grundsympathisch. Der Zuschauer folgt und fiebert mit ihm mit. Doch auch die Figur des russischen Agenten Abel – glaubhaft und charismatisch verkörpert von Mark Rylance – ist positiv gezeichnet.

Spielberg verzichtet auf eine stereotype Sicht auf Dinge und Positionen, unterstreicht aber die Tragweite der wichtigen Handlungsmomente durch große Gesten deutlich. Dazu passen auch der epische Score von Thomas Newman und die atmosphärisch aufgeladenen Bilder des Kameramanns Janusz Kaminski. Bis zum letzten dramaturgischen Höhepunkt, dem Austausch der Agenten auf der Glienicker Brücke, hält BRIDGE OF SPIES – DER UNTERHÄNDLER seine Spannung.

Ein spannender, mitreißender und klug erzählter Agententhriller, der bis zur letzten Minute fesselt.“

Variety-Korrespondent Kristopher Tapley lobt Spielbergs große Handwerkskunst, die starke darstellerische Leistung von Tom Hanks und Mark Rylance sowie die Handlung des Films, die er wie folgt beschreibt: “thematically potent, dealing in notions of idealism particularly meaningful in the face of today’s perceived Constitutional slippery slopes.”

Bridge of Spies spielt weltweit mehr als 162 Millionen Dollar ein (bei einem moderaten Budget von 40 Millionen Dollar).

Bei den Nominierungen für die Golden Globe Awards wird Bridge of Spies weitgehend ignoriert. Der Film erhält lediglich eine Nominierung für den Besten Nebendarsteller, Mark Rylance.

Hintergrundinformationen, Fotos und Videos zur Entstehung des Films sind in den englischsprachigen Steven Spielberg Chronicles enthalten. Hier geht’s zum Bridge of Spies Special.

Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Bridge of Spies

2006

Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad organisiert in Teheran die so genannte “International Conference to Review the Global Vision of the Holocaust” und provoziert damit weltweite Kritik.

Holocaust-Historiker, die an einer separaten Konferenz in Berlin teilnehmen, protestieren gemeinsam gegen die Veranstaltung im Iran und bezeichnen sie als „Versuch, Anti-Semitismus in akademischer Sprache zu verhüllen.“

 

2005

Angela Merkel gewinnt die Bundestagswahl und wird Deutschlands erster Kanzlerin.

Die ehemalige Physikerin ist in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen. Nach dem Fall der Mauer wird sie zunächst Umweltministerin unter Bundeskanzler Helmut Kohl und später Parteichefin der Christlich Demokratischen Union (CDU).

Die internationale Presse charakterisiert Merkel als De-facto-Chefin der Europäischen Union. Im Jahr 2013 wird sie von der Zeitschrift Forbes als weltweit zweitmächtigste Person gelistet. Ein Jahr später ist sie dienstältester amtierender Regierungschef der Europäischen Union.

Als Steven Spielberg seinen Film Bridge of Spies (2015) an der Glienicker Brücke nahe Berlin dreht, besucht Angela Merkel das Set – und trifft den Regisseur und Tom Hanks bei einem improvisierten Foto-Termin.

1998

Lola rennt (Drehbuch und Regie: Tom Tykwer) ist ein aufregender Staccato-Mix aus Animation, Standfotos und Live-Action. Die Hauptrollen spielen Franka Potente und Moritz Bleibtreu.

Entstanden in den Straßen von Berlin, erzählt der Film die Geschichte von Lola, einem Punk-Mädchen mit leuchtend roten Haaren. Sie muss binnen 20 Minuten einen Weg finden, ihrem Freund, Manni, 100.000 Mark zu besorgen, um ihn vor Gangstern zu schützen, die ihm nach dem Leben trachten. Inspiriert von Krzysztof Kieslowskis Blind Chance (1981 entstanden), besteht Tom Tykwers Film aus drei „Läufen“, die alle von der gleichen Situation ausgehen, durch Zufälle unterschiedlich ablaufen und so das Ergebnis verändern. Jeder von ihnen enthält mehrere Flash-Forward-Sequenzen aus Standbildern, die zeigen, wie sich das Leben der Menschen, denen Lola begegnet, jeweils anders entwickelt.

So wie Spielbergs Duel (1971) im Wesentlichen aus einer langen, stilisierten Verfolgungsjagd besteht, so ist Tykwers Lola rennt eine wunderbar choreografierte Studie von Raum und Zeit, die Themen berührt wie freier Wille vs. Determinismus und den Schmetterlingseffekt der Chaostheorie. Der Puls-treibende Techno-Soundtrack, komponiert von Tykwer, Johnny Klimek und Reinhold Heil, betont die Motive des Films.

Der Film enthält Anspielungen auf Alfred Hitchcocks Film Vertigo (1958), z.B. wiederkehrende Bilder von Spiralen und Wendeltreppen sowie ein Gemälde mit dem Hinterkopf einer Frau.

Lola Rennt gibt dem deutschen Kino neue Impulse und hat einen großen Einfluss auf die Popkultur. Sebastian Schippers ähnlich energiegeladener Film Victoria (2015) erzählt ebenfalls die Geschichte einer jungen Heldin, die zu allem bereit ist, um ihrem Freund aus ernsten Schwierigkeiten zu helfen. Auch Victoria wird (diesmal in einem Take) in den Straßen von Berlin gedreht. Nicht zufällig war Schipper einer der Darsteller von Lola rennt und spielte die Rolle des Mike.

Lola rennt kommt bei Kritikern und Publikum außerordentlich gut an. Der Film wird für 41 Auszeichnungen nominiert, darunter den BAFTA Award für den besten nicht-englischsprachigen Film und gewinnt 26 Preise. Bei einem Budget von nur 1,75 Millionen Dollar ist Lola rennt auch ein Kassenerfolg und nimmt weltweit 22,9 Millionen Dollar ein.

Steven Spielberg ist ein erklärter Bewunderer von Lola rennt. Einige Jahre später unterstützt er Tykwer beim Schnitt der Endfassung von The Perfume (2006), den er ursprünglich produzieren will – bevor Bernd Eichinger ihm die Filmrechte vor der Nase wegschnappt. Spielberg besetzt Moritz Bleibtreu als Andreas Bader in Munich (2005). Minority Report (2002) enthält Anspielungen auf Lola rennt.

Jaws (1975) und Close Encounters of the Third Kind (1977) zählen zu Tom Tykwers Lieblingsfilmen.

1990

Wiedervereinigung Deutschlands – auch die beiden Stadthälften von Berlin sind wieder eins. Ost- und Westdeutsche haben einen langen Weg vor sich, bis der Vereinigungsprozess abgeschlossen ist.

Eine Welle rassistisch motivierter Gewalt – ausgelöst von glatzköpfigen Neo-Nazis – rufen Besorgnis über die Rückkehr des „hässlichen Deutschen“ hervor. Auch anderswo auf der Welt verbreitet sich rassistisches und anti-semitisches Gedankengut.

Es ist eine Zeit des Wandels, und Spielberg bereitet sich auf den größten Wandel seines beruflichen und privaten Lebens vor: Er arbeitet gemeinsam mit Steven Zaillian am Drehbuch für einen Film namens Schindler’s List.

1989

Die Öffnung der ungarischen Grenze nach Österreich sorgt in der DDR für eine Kettenreaktion von Ereignissen: Friedliche Demonstrationen für Reformen und Reisefreiheit bringen das SED-Regime in die Defensive und führen schließlich zum Fall der Berliner Mauer.

1987

US-Präsident Ronald Reagan besucht Berlin. Am Ende seiner historischen Rede am Brandenburger Tor fordert er den sowjetischen Staatspräsidenten heraus: “Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!“