2015

Am Freitag, 13. November 2015 werden in Paris an mehreren Stellen nahezu zeitgleich Terroranschläge verübt. Ziele sind in allen Fällen „die ganz normalen Menschen“ und ihre Lebensweise. So töten die Terroristen Menschen in Cafés und in einer Konzerthalle.

Ursprünglich will ein Selbstmordattentäter während des Freundschaftsspiels Deutschland vs. Frankreich ins größte Stadion der Stadt eindringen, wird aber von Sicherheitskräften davon abgehalten.

Hinterher rühmt sich die Terrororganisation Daesh („ISIS“-Miliz) der über 480 Opfer. Spontan solidarisieren sich Menschen aller Nationen und Religionen mit Frankreich – vielfach über Soziale Medien.

Die französische Regierung intensiviert ihre Luftschläge gegen die Terrororganisation in Syrien.

2011

CNN meldet: Osama bin Laden ist tot.

Er wird auf seinem schwer bewachten Grundstück in Abbottabadin, Pakistan, erschossen. Die Operation erfolgt auf Befehl von US-Präsident Barack Obama; durchgeführt wird sie von einem Team aus US Navy SEALs, mit Bodenunterstützung durch CIA-Agenten. Nach erfolgreichem Abschluss der Operation transportieren die Soldaten bin Ladens Leiche zur Identifikation nach Afghanistan und versenken sie – innerhalb von 24 Stunden nach seinem Tod – im Meer.

Kathryn Bigelow Zero Dark Thirty (2012) schildert die jahrzehntelange Jagd nach Osama bin Laden. Ursprünglich arbeiten Bigelow und Mark Boal an einem Drehbuch über die Schlacht um die Bergfestung von Tora Bora im Jahr 2001 und die langen, erfolglosen Bemühungen, Osama bin Laden in der Region aufzuspüren. Sie sind bereits dabei, mit den Dreharbeiten zu beginnen, als sie die Meldung von Bin Ladens Tod erreicht. Sie stellen sofort die Arbeiten ein und beginnen von vorn.

Die Hauptrolle in Zero Dark Thirty spielt Jessica Chastain, die dafür einen Golden Globe in der Kategorie Beste Schauspielerin erhält. Zwei Jahre später spielt sie die Hauptrolle in Christopher Nolans Interstellar (2014).

Munich (2005)

Steven Spielbergs raffinierter Politthriller Munich folgt einem Einsatzteam des israelischen Geheimdienstes Mossad bei der Durchführung ihres geheimen Rachefeldzugs im Auftrag der Regierung. Das Team soll elf Mitglieder der terroristischen Gruppe Schwarzer September aufspüren und töten, die für die Entführung und Ermordung von elf israelischen Sportlern bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München verantwortlich ist. Die Story beruht auf wahren Begebenheiten.

Eric Bana als Avner Kaufman spielt die Hauptrolle. Zur handverlesenen internationalen Besetzung gehören Schauspieler wie Ciarán Hinds, Omar Metwally, Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler, Ayelet Zurer, Gila Almagor, Karim Saleh, Ziad Adwan, Moritz Bleibtreu und Meret Becker. Auch ein künftiger James-Bond-Darsteller (Daniel Craig) sowie Bösewichte aus zurückliegenden (Michael Lonsdale) bzw. bevorstehenden Bond-Filmen (Mathieu Amalric) spielen mit.

Avners Vorgesetzter Ephraim wird von Geoffrey Rush gespielt. Der Part ist ursprünglich für Ben Kingsley vorgesehen. Wegen eines Nachdrehs für das Finale von Steven Spielbergs The Terminal (2004) kommt es jedoch zu Verzögerungen beim Produktionsstart von Munich, so dass sich der Drehplan mit Kingsleys Terminen für Roman Polanskis Oliver Twist (2005) überschneidet und er absagen muss.

Nach sechs Jahren Vorbereitung dreht Spielberg sein ehrgeizigstes Projekt seit Schindler’s List (1993). In dem vollen Bewusstsein, mit Munich möglicherweise seinen Ruf als Filmemacher und seine Anziehungskraft beim Massenpublikum aufs Spiel zu setzen, will sich Spielberg mit einem brisanten Thema künstlerisch auseinandersetzen, das ihn bewegt. Er schildert die Anfangstage der Spirale des Terrors zwischen Israelis und Palästinensern in einer möglichst unvoreingenommenen Weise, gibt beiden Seiten eine Stimme und verurteilt die Gewaltakte auf beiden Seiten.

Das Drehbuch von Tony Kushner und Eric Roth orientiert sich an George Jonas‚ umstrittenem Buch Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team (1984 veröffentlicht). Produzentin Kathleen Kennedy weckte mit dem Buch Spielbergs Aufmerksamkeit für das Thema. Nach Erwerb der Filmrechte beauftragt Spielberg drei Drehbuchfassungen: eine von David Webb Peoples und Janet Peoples, eine von Charles Randolph und eine von Eric Roth. Spielberg entscheidet sich für Roths Fassung, die von Tony Kushner nochmals überarbeitet wird. Um klarzustellen, dass der Film historische und fiktive Ereignissen mit dramatischen Mitteln erzählt, beginnt der Film mit der Titelzeile „Inspired by real events“.

Spielberg mutmaßt, viele Menschen hätten es lieber gesehen, dass sein Film eine eindeutige Position vertritt, ob die gezielten Tötungen des Mossad-Teams gutzuheißen oder zu verurteilen sind:

„But the movie doesn’t take either of those positions. It refuses to. Many of those pundits on the left and right would love the film to land somewhere definite. It puts a real burden on the audience to figure out for themselves how they feel about these issues. There are no easy answers to the most complex story of the last 50 years. (…) What I’m trying to say is, if this movie bothers you, frightens you, upsets you, maybe it’s not a good idea to ignore that. Maybe you need to think about why you’re having that reaction.”

Wie Spielberg es ausdrückt, führt jede Gewalttat zu „unbeabsichtigten Konsequenzen“, und in seinem Film demonstriert er die zunehmende Unverhältnismäßigkeit der Anti-Terror-Maßnahmen.

Die vergeblichen Versuche des Mossad-Teams, die Gefahr von „Kollateralschäden“ zu minimieren, bringt Spielberg in einer von Alfred Hitchcock inspirierten Sequenz auf den Punkt (Videoclip): In Paris soll das Team eines ihrer Ziele mit Sprengstoff töten, ohne dass die Frau und Tochter des Mannes Schaden nehmen. Ein Lkw verdeckt die Sicht der Attentäter, und so entgeht ihnen, dass die Tochter ins Haus zurückkehrt und anstelle ihres Vaters den präparierten Telefonhörer abnimmt. Es bleibt ihnen gerade noch genug Zeit, den Sprengstoffauslöser zu deaktivieren, doch als das Mädchen die Wohnung wieder verlässt, bringen sie den Sprengstoff ohne Zögern zur Explosion. Es ist eine kurze Phase der moralischen Überlegenheit gegenüber Terroristen, die in Kauf nehmen, auch unschuldige Zivilisten in Lebensgefahr zu bringen – aber sie ist nicht von Dauer. Ähnlich Schindler’s List setzt Spielberg das Mädchen (wieder in rot gekleidet) als eine Metapher für Menschen ein, die (versehentlich) während der Einsätze getötet werden.

Spielberg zufolge ist Munichthe most European film I have ever made“, inspiriert von Filmklassikern wie Costa-Gavras‘ Z (1969), Fred Zinnemanns The Day of the Jackal (1973) und William Friedkins The French Connection (1971). Kameramann Janusz Kamiński verwendet die für jene Zeit typischen Farben, lange Brennweiten und Zooms. Kamiński bemerkt zu der umstrittenen Sex-Szene mit Eric Bana, in die Szenen von der Ermordung der israelischen Olympioniken wie Orgasmen hineingeschnitten sind: “It’s almost over-the-top to some degree, right?” (…) “It’s not a delicate little scene. It is what it is, and [Spielberg] wanted to take this chance because it reflected the movie: his anger, his primal fear, his primal desire to be alive.” Und das Gefühl von Trauma und Schuld, das ihn seine eigene Menschlichkeit kostet, im Dienst einer zweifelhaften „Auge um Auge“-Mission

Spielberg nennt Munich sein „Prayer for Peace“, mit dem er seine eigene Sicht erforschen will, wie eine zivilisierte Nation auf Terroranschläge reagieren sollte. Indem er im Hintergrund der Schlusseinstellung die Twin Towers des New Yorker World Trade Center erscheinen lässt, verbindet Spielberg den Subtext des Films mit der Gegenwarts-Politik: So wie die Dauerkonflikte zwischen der westlichen und der arabischen Welt zur Zerstörung der Türme geführt haben, könnte George W. Bushs „War on Terror“ eine weitere Gewaltspirale in Gang setzen.

Die Zeitspanne zwischen dem Beginn der Produktion und der Film-Premiere beträgt weniger als sechs Monate. Gedreht wird in Malta, Budapest, Paris, New York und München. Um den Film rechtzeitig fertigzustellen, bearbeitet Cutter Michael Kahn die in Malta und Ungarn entstandenen Szenen direkt am Set. So kann Spielberg jeden Tag die Szenen, die er zwei Tage zuvor gedreht hat, bereits im Rohschnitt betrachten. Zwei Kopien des Rohschnitts werden verschickt: eine als Referenz für Filmkomponist John Williams, die andere an Ben Burtt für die Umsetzung der Sound-Effekte. Der Schnitt für die in Paris und New York gedrehten Szenen erfolgt zwei Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten, und der Final Cut ist nach weiteren zwei Wochen fertiggestellt.

Die melancholische Stimmung des Films untermalt John Williams mit subtil orchestrierten Themen, die zwischen den Kulturen der Israelis und Palästinenser wechseln.

Der Film wird von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen, allerdings zählt Munich zu Spielbergs Filmen mit den niedrigsten Einnahmen: Munich spielt weltweit nur 130,4 Millionen Dollar ein, bei einem Budget von 70 Millionen Dollar.

Konservative Medien in Israel und den USA werfen Spielberg vor, er würde die Israelis mit den Terroristen gleichsetzen. Als Folge der hitzig geführten Debatte prangt Spielberg auf den Titelseiten internationaler Zeitschriften, darunter TIME Magazine und DER SPIEGEL.

Bei den Academy Awards erhält Munich fünf Nominierungen in den Kategorien Best Picture, Best Director, Best Adapted Screenplay, Best Film Editing und Best Original Score – geht aber leer aus.

In seiner Rezension zieht Roger Ebert das Fazit:

“With this film [Spielberg] has dramatically opened a wider dialogue, helping to make the inarguable into the debatable.“

Ian Nathan schreibt in seiner Kritik für Empire:

Munich is Steven Spielberg’s most difficult film. It arrives already inflamed by controversy… This is Spielberg operating at his peak — an exceptionally made, provocative and vital film for our times.“

Munich beschließt Spielbergs Doppelsalve im Jahr 2005. Sowohl War of the Worlds, als auch Munich können als Parabeln zur Stimmung in den USA nach 9/11 gelesen werden.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Munich

1993

Bombenanschlag auf das World Trade Center in New York: Die Explosion verfehlt das Ziel, den Nordturm in den Südturm stürzen zu lassen – dennoch werden sechs Menschen getötet und mehr als tausend verletzt. Der Anschlag wird von Anhängern des islamistischen al-Qaida-Netzwerks verübt.

1981

Der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat erliegt einem Attentat. Der Friedensnobelpreisträger verfolgte eine Versöhnungspolitik mit Israel. Für seine Bemühungen um einen Friedensvertrag mit Israel wurde er (gemeinsam mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin) 1978 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

1981

Attentat auf Johannes Paul II.: Der Papst wird in seinem offenen Fahrzeug von mehreren Schüssen getroffen, überlebt aber den Anschlag. Das „Papamobil“ wird mit einer kugelsicheren Scheibe versehen.

1981

Der Ex-Filmschauspieler Ronald Reagan tritt sein Amt als US-Präsident an. Er beschließt massive Steuersenkungen und erhöht die Militärausgaben, die US-Wirtschaft erholt sich allmählich.

Ende der Geiselnahme von Teheran – darauf basierend wird Ben Affleck einen spannenden Politthriller drehen: Argo (2012).

Attentat auf den US-Präsidenten: Reagan wird von einer Kugel getroffen, überlebt aber den Anschlag. Attentäter John Hinckley ist von Jodie Foster besessen und wollte die Schauspielerin damit beeindrucken.