2011

The Artist (Regie, Drehbuch und Beteiligung am Schnitt: Michel Hazanavicius) ist eine romantische Tragikomödie aus Frankreich, gedreht im Stil eines Stummfilms, mit Jean Dujardin und Bérénice Bejo in den Hauptrollen. Die Handlung ist in Hollywood angesiedelt, in den Jahren zwischen 1927 und 1932: Ein Stummfilmstar verliebt sich in eine ehrgeizige junge Schauspielerin, als der Stummfilm aus der Mode kommt und durch „Talkies“ ersetzt wird.

Die Filmmusik wird weitgehend von Ludovic Bource komponiert, umfasst aber auch Stücke eines anderen Komponisten: Der Höhepunkt des Films wird zur Musik von Bernard Herrmanns „Scène d’amour“ aus Alfred Hitchcocks Vertigo (1954) geschnitten.

The Artist erhält enthusiastische Kritiken und ist der am häufigsten ausgezeichnete Französische Film aller Zeiten: Dujardin gewinnt den Best Actor Award beim Filmfestival in Cannes. Der Film gewinnt drei Golden Globes (Bester Film – Komödie oder Musical, Beste Filmmusik und Bester Schauspieler) und wird in sechs Kategorien mit dem César ausgezeichnet (u.a. Bester Film, Beste Regie und Beste Schauspielerin) sowie in sieben Kategorien mit dem BAFTA Award (u.a. Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Bester Schauspieler).

Bei den Academy Awards gewinnt der Film fünf Oscars (u.a. Bester Film, Beste Regie und Bester Schauspieler – Dujardin ist damit der erste Französische Schauspieler, der einen Oscar für die männliche Hauptrolle erhält). Es ist auch das erste Mal, dass ein Französischer Film den Oscar für den Besten Film gewinnt – gegen Konkurrenten wie Steven Spielbergs War Horse (2011).

Munich (2005)

Steven Spielbergs raffinierter Politthriller Munich folgt einem Einsatzteam des israelischen Geheimdienstes Mossad bei der Durchführung ihres geheimen Rachefeldzugs im Auftrag der Regierung. Das Team soll elf Mitglieder der terroristischen Gruppe Schwarzer September aufspüren und töten, die für die Entführung und Ermordung von elf israelischen Sportlern bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München verantwortlich ist. Die Story beruht auf wahren Begebenheiten.

Eric Bana als Avner Kaufman spielt die Hauptrolle. Zur handverlesenen internationalen Besetzung gehören Schauspieler wie Ciarán Hinds, Omar Metwally, Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler, Ayelet Zurer, Gila Almagor, Karim Saleh, Ziad Adwan, Moritz Bleibtreu und Meret Becker. Auch ein künftiger James-Bond-Darsteller (Daniel Craig) sowie Bösewichte aus zurückliegenden (Michael Lonsdale) bzw. bevorstehenden Bond-Filmen (Mathieu Amalric) spielen mit.

Avners Vorgesetzter Ephraim wird von Geoffrey Rush gespielt. Der Part ist ursprünglich für Ben Kingsley vorgesehen. Wegen eines Nachdrehs für das Finale von Steven Spielbergs The Terminal (2004) kommt es jedoch zu Verzögerungen beim Produktionsstart von Munich, so dass sich der Drehplan mit Kingsleys Terminen für Roman Polanskis Oliver Twist (2005) überschneidet und er absagen muss.

Nach sechs Jahren Vorbereitung dreht Spielberg sein ehrgeizigstes Projekt seit Schindler’s List (1993). In dem vollen Bewusstsein, mit Munich möglicherweise seinen Ruf als Filmemacher und seine Anziehungskraft beim Massenpublikum aufs Spiel zu setzen, will sich Spielberg mit einem brisanten Thema künstlerisch auseinandersetzen, das ihn bewegt. Er schildert die Anfangstage der Spirale des Terrors zwischen Israelis und Palästinensern in einer möglichst unvoreingenommenen Weise, gibt beiden Seiten eine Stimme und verurteilt die Gewaltakte auf beiden Seiten.

Das Drehbuch von Tony Kushner und Eric Roth orientiert sich an George Jonas‚ umstrittenem Buch Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team (1984 veröffentlicht). Produzentin Kathleen Kennedy weckte mit dem Buch Spielbergs Aufmerksamkeit für das Thema. Nach Erwerb der Filmrechte beauftragt Spielberg drei Drehbuchfassungen: eine von David Webb Peoples und Janet Peoples, eine von Charles Randolph und eine von Eric Roth. Spielberg entscheidet sich für Roths Fassung, die von Tony Kushner nochmals überarbeitet wird. Um klarzustellen, dass der Film historische und fiktive Ereignissen mit dramatischen Mitteln erzählt, beginnt der Film mit der Titelzeile „Inspired by real events“.

Spielberg mutmaßt, viele Menschen hätten es lieber gesehen, dass sein Film eine eindeutige Position vertritt, ob die gezielten Tötungen des Mossad-Teams gutzuheißen oder zu verurteilen sind:

„But the movie doesn’t take either of those positions. It refuses to. Many of those pundits on the left and right would love the film to land somewhere definite. It puts a real burden on the audience to figure out for themselves how they feel about these issues. There are no easy answers to the most complex story of the last 50 years. (…) What I’m trying to say is, if this movie bothers you, frightens you, upsets you, maybe it’s not a good idea to ignore that. Maybe you need to think about why you’re having that reaction.”

Wie Spielberg es ausdrückt, führt jede Gewalttat zu „unbeabsichtigten Konsequenzen“, und in seinem Film demonstriert er die zunehmende Unverhältnismäßigkeit der Anti-Terror-Maßnahmen.

Die vergeblichen Versuche des Mossad-Teams, die Gefahr von „Kollateralschäden“ zu minimieren, bringt Spielberg in einer von Alfred Hitchcock inspirierten Sequenz auf den Punkt (Videoclip): In Paris soll das Team eines ihrer Ziele mit Sprengstoff töten, ohne dass die Frau und Tochter des Mannes Schaden nehmen. Ein Lkw verdeckt die Sicht der Attentäter, und so entgeht ihnen, dass die Tochter ins Haus zurückkehrt und anstelle ihres Vaters den präparierten Telefonhörer abnimmt. Es bleibt ihnen gerade noch genug Zeit, den Sprengstoffauslöser zu deaktivieren, doch als das Mädchen die Wohnung wieder verlässt, bringen sie den Sprengstoff ohne Zögern zur Explosion. Es ist eine kurze Phase der moralischen Überlegenheit gegenüber Terroristen, die in Kauf nehmen, auch unschuldige Zivilisten in Lebensgefahr zu bringen – aber sie ist nicht von Dauer. Ähnlich Schindler’s List setzt Spielberg das Mädchen (wieder in rot gekleidet) als eine Metapher für Menschen ein, die (versehentlich) während der Einsätze getötet werden.

Spielberg zufolge ist Munichthe most European film I have ever made“, inspiriert von Filmklassikern wie Costa-Gavras‘ Z (1969), Fred Zinnemanns The Day of the Jackal (1973) und William Friedkins The French Connection (1971). Kameramann Janusz Kamiński verwendet die für jene Zeit typischen Farben, lange Brennweiten und Zooms. Kamiński bemerkt zu der umstrittenen Sex-Szene mit Eric Bana, in die Szenen von der Ermordung der israelischen Olympioniken wie Orgasmen hineingeschnitten sind: “It’s almost over-the-top to some degree, right?” (…) “It’s not a delicate little scene. It is what it is, and [Spielberg] wanted to take this chance because it reflected the movie: his anger, his primal fear, his primal desire to be alive.” Und das Gefühl von Trauma und Schuld, das ihn seine eigene Menschlichkeit kostet, im Dienst einer zweifelhaften „Auge um Auge“-Mission

Spielberg nennt Munich sein „Prayer for Peace“, mit dem er seine eigene Sicht erforschen will, wie eine zivilisierte Nation auf Terroranschläge reagieren sollte. Indem er im Hintergrund der Schlusseinstellung die Twin Towers des New Yorker World Trade Center erscheinen lässt, verbindet Spielberg den Subtext des Films mit der Gegenwarts-Politik: So wie die Dauerkonflikte zwischen der westlichen und der arabischen Welt zur Zerstörung der Türme geführt haben, könnte George W. Bushs „War on Terror“ eine weitere Gewaltspirale in Gang setzen.

Die Zeitspanne zwischen dem Beginn der Produktion und der Film-Premiere beträgt weniger als sechs Monate. Gedreht wird in Malta, Budapest, Paris, New York und München. Um den Film rechtzeitig fertigzustellen, bearbeitet Cutter Michael Kahn die in Malta und Ungarn entstandenen Szenen direkt am Set. So kann Spielberg jeden Tag die Szenen, die er zwei Tage zuvor gedreht hat, bereits im Rohschnitt betrachten. Zwei Kopien des Rohschnitts werden verschickt: eine als Referenz für Filmkomponist John Williams, die andere an Ben Burtt für die Umsetzung der Sound-Effekte. Der Schnitt für die in Paris und New York gedrehten Szenen erfolgt zwei Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten, und der Final Cut ist nach weiteren zwei Wochen fertiggestellt.

Die melancholische Stimmung des Films untermalt John Williams mit subtil orchestrierten Themen, die zwischen den Kulturen der Israelis und Palästinenser wechseln.

Der Film wird von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen, allerdings zählt Munich zu Spielbergs Filmen mit den niedrigsten Einnahmen: Munich spielt weltweit nur 130,4 Millionen Dollar ein, bei einem Budget von 70 Millionen Dollar.

Konservative Medien in Israel und den USA werfen Spielberg vor, er würde die Israelis mit den Terroristen gleichsetzen. Als Folge der hitzig geführten Debatte prangt Spielberg auf den Titelseiten internationaler Zeitschriften, darunter TIME Magazine und DER SPIEGEL.

Bei den Academy Awards erhält Munich fünf Nominierungen in den Kategorien Best Picture, Best Director, Best Adapted Screenplay, Best Film Editing und Best Original Score – geht aber leer aus.

In seiner Rezension zieht Roger Ebert das Fazit:

“With this film [Spielberg] has dramatically opened a wider dialogue, helping to make the inarguable into the debatable.“

Ian Nathan schreibt in seiner Kritik für Empire:

Munich is Steven Spielberg’s most difficult film. It arrives already inflamed by controversy… This is Spielberg operating at his peak — an exceptionally made, provocative and vital film for our times.“

Munich beschließt Spielbergs Doppelsalve im Jahr 2005. Sowohl War of the Worlds, als auch Munich können als Parabeln zur Stimmung in den USA nach 9/11 gelesen werden.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Munich

2002

Billy Wilder stirbt. Von Beginn an war er ein großer Förderer von Spielbergs Karriere. Ein Jahr vor seinem Tod wird er für ein Buch von Regisseur Cameron Crowe interviewt.

Conversations with Wilder entpuppt sich als eine Art Remake von François Truffauts Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? – diesmal mit Cameron Crowe in der Rolle des neugierigen Truffaut und der 93-jährige Billy Wilder als Meister-Regisseur.

Martin Scorsese über das Buch: “Cameron Crowe’s book is like Wilder’s best films: sharply observed, absolutely succinct and precise, funny but always with a very strong, serious foundation. Billy Wilder is one of the few genuine masters we have left, from a period in film history that is now gone.”

Minority Report (2002)

Steven Spielbergs Minority Report zählt zu den bedeutendsten Filmadaptionen einer von Philip K. Dick verfassten Geschichte. Spielberg erweitert Philip K. Dicks Kurzgeschichte The Minority Report zu einem abendfüllenden Kinofilm (mit Überlänge: 145 Minuten). Seine größte Herausforderung besteht jedoch darin, die im Jahre 1956 veröffentlichte Geschichte in einen aktuellen Kontext zu überführen, mit der sowohl Kenner der Kurzgeschichte, als auch das heutige Durchschnittspublikum etwas anfangen können.

Die dystopische Story ist in Washington DC angesiedelt und beschäftigt sich mit den Folgen eines Strafverfolgungs-Systems namens „Precrime“, welches von den Behörden dazu autorisiert ist, Menschen für Morde zu verhaften und einzusperren, noch bevor sie begangen werden. Darüber entscheiden drei so genannte „Precogs“, die künftige Morde aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten voraussagen können. Die Einsatzteams werden von John Anderton (Tom Cruise) geleitet, sein Vorgesetzter ist Precrime-Chef Lamar Burgess (Max von Sydow).

Nebendarsteller sind u.a. Colin Farrell, Samantha Morton, Peter Stormare, Lois Smith, Tim Blake Nelson und Jessica Capshaw.

Versteckt in einer faszinierenden Mischung aus Film noir, Science Fiction, Thriller und Krimi verkleidet, teilt Spielberg seine kritische Sicht auf die aktuelle US-Politik, insbesondere die Aktivitäten der Bush-Regierung in Bezug auf „Homeland Security“ und das Gefangenenlager Guantanamo Bay.

Der Film stellt die Frage, ob ein freier Wille weiter existieren kann, wenn die Zukunft im Voraus „bekannt“ ist. Er untersucht zudem die Wirkung der Medien und der Werbung, wenn sie durch technologische Fortschritte allgegenwärtig werden (heute bereits teilweise umgesetzt). In Spielbergs Worten:

„The Internet is watching us now. If they want to. They can see what sites you visit. In the future, television will be watching us, and customizing itself to what it knows about us. The thrilling thing is, that will make us feel we’re part of the medium. The scary thing is, we’ll lose our right to privacy. An ad will appear in the air around us, talking directly to us.“

Spielbergs Lieblingsthemen wie Massenmedien-gesteuerte Paranoia („Everybody runs“) und dysfunktionale Familien sind ebenfalls im Film enthalten.

Bevor Spielberg einsteigt, befindet sich das Projekt viele Jahre lang in „Turnaround“. Ursprünglich plant Ronald Shusett, Co-Autor von Alien (1979), Philip K. Dicks Kurzgeschichte für eine Fortsetzung von Total Recall (1990) aufzubereiten. In dieser Version hat die Erdbevölkerung auf den Mars umgesiedelt. Aufgrund der schlechten Sauerstoffversorgung in den Bergarbeiterkolonien, mutieren einige Siedler in die Precogs aus Philip K. Dicks Story. Jan de Bont ist zu diesem Zeitpunkt als Regisseur vorgesehen, doch das Projekt wird schließlich abgebrochen, so dass Drehbuchautor Jon Cohen alle Total Recall-Elemente wieder entfernt. Er verlegt seinen Entwurf in eine Retro-Zukunft, in einen Stadtteil, der den 1950er Jahren entsprungen zu sein scheint.

Diese Version weckt die Aufmerksamkeit von Tom Cruise, und zwar während der Dreharbeiten zu Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (1999). Seit seiner ersten Begegnung mit Spielberg am Set von Risky Business (1983) setzt Cruise alles daran, einmal in einem Spielberg-Film mitzuwirken. Als Spielberg jedoch aus Termingründen beim Film Rain Man (1988) aussteigen muss, zieht sich die Wartezeit noch länger hin. Schließlich gibt Spielberg „grünes Licht“ für Minority Report, nachdem Cruise ihm den Script-Entwurf zugespielt hat. Allerdings muss Cruise zuvor noch Mission Impossible 2 (2000) beenden, und Spielberg führt Regie bei A.I. – Artificial Intelligence (2001), so dass zwei weitere Jahre vergehen.

Als Spielberg an Bord kommt, plant er zunächst eine ganz andere Besetzung der Nebenrollen: Matt Damon soll John Andertons Widersacher Danny Witwer spielen, Meryl Streep ist für den Part von Iris Hineman vorgesehen, Ian McKellen soll Precrime-Chef Lamar Burgess spielen, und Cate Blanchett soll Agatha, eine der Precogs verkörpern. Meryl Streep lehnt die Rolle ab, Matt Damon steigt aus, und die anderen Rollen werden wegen des verschobenen Drehstarts neu besetzt.

Spielberg macht das Beste aus den Verzögerungen und beauftragt Scott Frank mit der Überarbeitung des Drehbuchentwurfs. Frank verwirft die meisten Ideen aus Cohens Fassung, aber er übernimmt die Idee für die Sequenz in der Autofabrik, die auf einem unverfilmten Konzept von Alfred Hitchcocks North by Northwest (1959) beruht – damals wäre die Umsetzung zu kostspielig gewesen. Für Minority Report wird die Sequenz in einer echten Kfz-Produktionsanlage mit einem Schweißroboter und physischen Special-Effects verfilmt.

In der Vorbereitungsphase lädt Spielberg 15 Experten aus verschiedenen Disziplinen zu einem dreitägigen „Think-Tank“ ein, um von ihnen zu erfahren, wie das tägliche Leben im Jahr 2054 aussehen könnte. Produktionsdesigner Alex McDowell – der schon für David Finchers Fight Club (1999) arbeitete – protokolliert die Ideen in einer „2054 Bibel“, einem 80-seitigen Leitfaden zu allen Aspekten der zukünftigen Welt, z.B. Architektur, Sozio-Ökonomie, Politik und Technik. Einige der im Film gezeigten Technologien finden einige Jahre später tatsächlich ihren Weg in den Alltag (z.B. Multi-Touch-Schnittstellen, Netzhaut-Scanner, Tablets mit elektronischen Zeitungen und 1-to-1 Marketing).

Für Minority Report entwickelt Kameramann Janusz Kamiński einen außergewöhnlichen visuellen Stil, indem er High-Speed-Film einsetzt und zwischen Handheld und Steadicam-Aufnahmen wechselt. Mittels hohem Kontrast erzeugt er dunkle Farben und Schatten (wie im Film noir) sowie überbelichtete Aufnahmen mit verblassenden Farben, die durch einen Bleichungsprozess in der Post-Production entstehen.

Die 14-minütige Eröffnungssequenz des Films mit der verzerrten Precog-Vision eines bevorstehenden Mordes ist die bis heute komplexeste Intro in Spielbergs Gesamtwerk und markiert einen Höhepunkt in Michael Kahns Arbeit als Editor.

Minority Report ist der erste Film, der auf Basis eines vollständig digitalen Produktionsdesigns entsteht. „Previz“ (ein Begriff, der auf die Story des Films anspielt) ermöglicht der Crew den Einsatz von Photoshop und 3-D-Animationsprogrammen, um ein simuliertes Set mit virtuellen Akteuren zu erstellen. So kann Spielberg im Voraus Bildausschnitte und Kamerafahrten planen. Industrial Light & Magic liefert die meisten der atemberaubenden visuellen Effekte, während die Dreamworks-Effektschmiede PDI für die Umsetzung der Spyder-Roboter zuständig ist.

John Williams komponiert einen packenden „Black and White Score“, der von Bernard Herrmanns Werk inspiriert ist, und untermalt die Anne Lively-Szenen mit einer Sängerin im Film noir-Stil. Franz Schuberts Symphonie Nr. 8, h-Moll („Die Unvollendete“) ist zu hören, als Anderton seine Precrime-Untersuchung am Bildschirm „dirigiert“, weil ihn das Script als Fan klassischer Musik beschreibt. Diese aufwendig choreografierten Szenen zählen zu den einprägsamsten Bildern aus Spielbergs Film.

Minority Report ist einer der von der Kritik am besten bewerteten Filme des Jahres 2002. Gelobt wird er vor allem für die innovative Optik und seine Themen. Vielfach bemängelt wird das „Happy End“, das als inkonsistent zum Rest des Films bewertet wird (von Kritikern, die Spielbergs Absicht nicht erkennen, den Film mit einem “ falschen Ende“ zu versehen, das nur in der Fantasie des Protagonisten existiert; ein Kniff, der das Thema des Films unterstreicht: „Realität vs. Wahrnehmung“).

Roger Ebert nennt den Film ein „Meisterwerk“ und stellt fest, dass die meisten Regisseure ihre Energie in Tricktechniken setzen, während Spielberg Handlung und Charaktere in den Vordergrund stellt und Technologie nur wie ein Fachmann einsetzt, der seine Werkzeuge beherrscht.

Der Film entsteht als Co-Produktion von Amblin Entertainment und Cruise / Wagner Productions, den Verleih übernimmt 20th Century Fox (in Nordamerika) bzw. Dreamworks SKG (international). Minority Report entpuppt sich als ein großer kommerzieller Erfolg und nimmt weltweit mehr als 358 Mio. Dollar ein – bei einem Gesamtbudget von 142 Mio. Dollar (einschließlich Marketing-Kosten).

Minority Report erhält eine Oscar-Nominierung für Best Sound Editing, wird aber ansonsten von der Akademie ignoriert.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Minority Report

1998

Lola rennt (Drehbuch und Regie: Tom Tykwer) ist ein aufregender Staccato-Mix aus Animation, Standfotos und Live-Action. Die Hauptrollen spielen Franka Potente und Moritz Bleibtreu.

Entstanden in den Straßen von Berlin, erzählt der Film die Geschichte von Lola, einem Punk-Mädchen mit leuchtend roten Haaren. Sie muss binnen 20 Minuten einen Weg finden, ihrem Freund, Manni, 100.000 Mark zu besorgen, um ihn vor Gangstern zu schützen, die ihm nach dem Leben trachten. Inspiriert von Krzysztof Kieslowskis Blind Chance (1981 entstanden), besteht Tom Tykwers Film aus drei „Läufen“, die alle von der gleichen Situation ausgehen, durch Zufälle unterschiedlich ablaufen und so das Ergebnis verändern. Jeder von ihnen enthält mehrere Flash-Forward-Sequenzen aus Standbildern, die zeigen, wie sich das Leben der Menschen, denen Lola begegnet, jeweils anders entwickelt.

So wie Spielbergs Duel (1971) im Wesentlichen aus einer langen, stilisierten Verfolgungsjagd besteht, so ist Tykwers Lola rennt eine wunderbar choreografierte Studie von Raum und Zeit, die Themen berührt wie freier Wille vs. Determinismus und den Schmetterlingseffekt der Chaostheorie. Der Puls-treibende Techno-Soundtrack, komponiert von Tykwer, Johnny Klimek und Reinhold Heil, betont die Motive des Films.

Der Film enthält Anspielungen auf Alfred Hitchcocks Film Vertigo (1958), z.B. wiederkehrende Bilder von Spiralen und Wendeltreppen sowie ein Gemälde mit dem Hinterkopf einer Frau.

Lola Rennt gibt dem deutschen Kino neue Impulse und hat einen großen Einfluss auf die Popkultur. Sebastian Schippers ähnlich energiegeladener Film Victoria (2015) erzählt ebenfalls die Geschichte einer jungen Heldin, die zu allem bereit ist, um ihrem Freund aus ernsten Schwierigkeiten zu helfen. Auch Victoria wird (diesmal in einem Take) in den Straßen von Berlin gedreht. Nicht zufällig war Schipper einer der Darsteller von Lola rennt und spielte die Rolle des Mike.

Lola rennt kommt bei Kritikern und Publikum außerordentlich gut an. Der Film wird für 41 Auszeichnungen nominiert, darunter den BAFTA Award für den besten nicht-englischsprachigen Film und gewinnt 26 Preise. Bei einem Budget von nur 1,75 Millionen Dollar ist Lola rennt auch ein Kassenerfolg und nimmt weltweit 22,9 Millionen Dollar ein.

Steven Spielberg ist ein erklärter Bewunderer von Lola rennt. Einige Jahre später unterstützt er Tykwer beim Schnitt der Endfassung von The Perfume (2006), den er ursprünglich produzieren will – bevor Bernd Eichinger ihm die Filmrechte vor der Nase wegschnappt. Spielberg besetzt Moritz Bleibtreu als Andreas Bader in Munich (2005). Minority Report (2002) enthält Anspielungen auf Lola rennt.

Jaws (1975) und Close Encounters of the Third Kind (1977) zählen zu Tom Tykwers Lieblingsfilmen.

1997

Steve Jobs kehrt zu Apple zurück. Durch die Einführung ansprechender Produkte (z.B. iMac) und radikaler Veränderungen im Unternehmen rettet er Apple nicht nur vor dem kurz bevorstehenden Bankrott, sondern macht das Unternehmen zu einem der weltweit innovativsten und umsatzstärksten Informationstechnologie-Unternehmen.

Als Motive für die “Think Different”-Werbekampagne wählt Jobs Berühmtheiten wie Albert Einstein, Martin Luther King Jr., Frank Lloyd Wright, Pablo Picasso, Mahatma Gandhi, John Lennon, Alfred Hitchcock, Jim Henson, Ted Turner und sein persönliches Idol, Bob Dylan. Als Sprecher der an die Kreativ-Szene gerichteten Texte (“Here’s to the crazy ones. The misfits. The rebels…”) wählt er den Schauspieler Richard Dreyfuss.

 

2015

Colin Trevorrows  Jurassic World, vierter Teil der Jurassic Park-Reihe, spielt 22 Jahre nach den Ereignissen von Steven Spielbergs Jurassic Park (1993). Die Handlung ist auf derselben fiktiven Insel namens Isla Nublar angesiedelt. Hier ist seit zehn Jahren ein Dinosaurier-Themenpark in Betrieb, bis ein genetisch modifizierter Dinosaurier der Gattung Indominus rex entkommen kann und das zu erwartende Chaos ausbricht.

Die Hauptrollen spielen Chris Pratt und Bryce Dallas Howard. In den Nebenrollen treten u.a. auf: Vincent D’Onofrio, Ty Simpkins, Nick Robinson, Omar Sy und Irrfan Khan. Jurassic World ist eine Koproduktion zwischen Amblin Entertainment und Legendary Pictures, mit Frank Marshall und Patrick Crowley als Produzenten und Steven Spielberg als Executive producer. Zum ersten Mal in der Jurassic Park-Reihe ist Kathleen Kennedy nicht involviert, da sie als Produzentin für Star Wars – The Force Awakens (2015) arbeitet.

Der ursprüngliche Plan von Universal Pictures sieht vor, mit der Produktion eines vierten Jurassic Park-Films im Jahr 2004 zu beginnen, mit einem Kinostartdatum im Sommer 2005. Doch das Projekt bleibt mehr als zehn Jahre lang in “development hell”, während das Script immer wieder überarbeitet wird. Steven Spielberg schlägt den Autoren Rick Jaffa und Amanda Silver vor, die Idee eines voll funktionsfähigen Dinosaurier-Themenparks auszuarbeiten. Colin Trevorrow wird 2013 als Regisseur unter Vertrag genommen und ersetzt damit die ursprüngliche Wahl der Produzenten, Brad Bird, der aus Termingründen absagen muss. Trevorrow verfolgt Spielbergs Idee weiter, schreibt aber gemeinsam mit Derek Connolly in ein paar Wochen ein komplett neues Drehbuch. Diese Fassung erfordert einen viel höheren Aufwand bei der Umsetzung, daher verschiebt die Universal-Chefetage das Startdatum vom 13. Juni 2014 auf unbestimmte Zeit. Somit können Trevorrow and Connolly weiter an ihrem Drehbuch arbeiten, was Spielberg für notwendig hält.

Vor seinem Tod im Jahr 2014 ist Sir Richard Attenborough für einen erneuten Auftritt als John Hammond vorgesehen. Auch die Darsteller aus den ersten Teilen, Jeff Goldblum und Laura Dern, werden kontaktiert, müssen aber wegen anderer Projekte absagen. Nur B. D. Wong als Dr. Henry Wu aus dem ersten Jurassic Park-Film ist zu sehen. Wie Marcus Brody im vierten Indiana Jones-Teil wird auch John Hammond als Statue in die Handlung eingebaut, um den verstorbenen Darsteller zu ehren. Dr. Ian Malcolm sieht man als Foto auf einem Buchcover während der Monorail-Fahrt.

Für die Hauptrolle des Owen Grady, ein Velociraptor-Experte und -Trainer, werden viele Darsteller in Betracht gezogen (darunter Armie Hammer, Henry Cavill, Josh Brolin, John Krasinski und Jason Statham), bevor der Part an Chris Pratt geht. Bryce Dallas Howard stiehlt im allerdings die Show als smarte Park-Managerin Claire Dearing.

Die Dreharbeiten finden zwischen April und August 2014 hauptsächlich in Louisiana statt. Einige Aufnahmen enstehen auch an den Original-Drehorten des ersten Jurassic Park-Films, in Hawaii. Wieder einmal entstehen die Dinosaurier durch CGI von Industrial Light & Magic (Phil Tippett und Dennis Muren sind als Berater beteiligt) und lebensgroße Animatronic-Wesen, gebaut von Legacy Effects, eine Firma mit ehemaligen Kollegen des Jurassic Park-Veteranen Stan Winston, der 2008 verstarb.

Das einfallsreiche Produktionsdesign steuert Ed Verraux bei, der als Produktions-Illustrator bei Raiders of the Lost Ark (1981) anfing. Die Gyrosphere in Jurassic World geht auf Spielbergs Idee zurück. Colin Trevorrow zufolge wollte Spielberg damit eine Möglichkeit schaffen, dass die Zuschauer “get up close and personal with the animals, to make it a self-driving, free-roaming experience. It loads on a track, but once you’re out there, you actually get to navigate around the valley”.

Colin Trevorrow schlägt Spielberg vor, einen Riesendinosaurier der Gattung Mosasaurus mit einem Hai zu füttern. Spielberg ist von der Idee begeistert und baut sie weiter aus: Wenn der Hai geschnappt wird, soll sich die Tribüne des Parks per Hydraulik unter die Wasseroberfläche bewegen, so dass die Zuschauer der Fütterung unter Wasser „beiwohnen“ können.

Der Regisseur von Jurassic World inszeniert den Saurier Indominus rex als Symbol des Überflusses. Er verkörpert “[humanity’s] worst tendencies. We’re surrounded by wonder and yet we want more, and we want it bigger, faster, louder, better. And in the world of the movie, the animal is designed based on a series of corporate focus groups.” Das Product Placement in Jurassic World möchte Colin Trevorrow als Satire auf die Kommerzialisierung der Populär-Kultur verstanden wissen und orientiert sich dabei an Spielbergs ganz ähnlicher Aussage im ersten Teil. Jurassic World enthält etliche Referenzen an andere Filme. Dazu zählt der Angriff der Flugsaurier auf die Parkbesucher, den Trevorrow aus Vogelperspektive zeigt, als Hommage an Alfred Hitchcocks The Birds (1963).

Den Filmscore für Jurassic World komponiert Michael Giacchino, der Themen aus John Williams‚ Jurassic Park-Kompositionen einarbeitet.

Jurassic World feiert seine Weltpremiere am 10. Juni 2015, 22 Jahre nach dem Originalfilm. Der Film erhält positive Kritiken. Hervorgehoben werden die visuellen Einfälle, die Actionszenen und die Musik.

Einige Kritiker beginnen eine Sexismus-Debatte über die Darstellung der weiblichen Hauptrolle, da man Claire Dearing den meisten Teil des Films in High Heels herumlaufen sieht. Colin Trevorrow reagiert darauf, indem er feststellt:

‚The real protagonist of the movie is Claire, and we embrace her femininity in the story’s progression. (…) There’s no need for a female character that does things like a male character, that’s not what makes interesting female characters in my view. Bryce and I have talked a lot about these concepts and aspects of her character.’

Paul Bullock (fromdirectorstevenspielberg.tumblr.com) bringt in seiner Kritik zu Jurassic World die Gegenthese auf den Punkt:

“The film (…) sees her as a human being, regardless of her gender. At the start of the film, she’s cold and unfeeling. She views the dinosaurs as assets, the park patrons as walking dollar signs, and her nephews as an inconvenience. Her experiences in the park teach her humility and the real value of life. She ends not as a mother, not defined by her gender, but as a rounded, compassionate human being who understands the need to reach out to other human beings and connect with them. (…) Claire is an amalgam of the three core male characters from Spielberg’s film. She has Grant’s lack of connection, Malcolm’s irresponsibility, and Hammond’s inability to see the bigger picture. All those characters develop, becoming better, or at least different, people, and Claire does the same. Yet, when talking about Grant, Malcolm, or Hammond, we don’t consider them solely through their gender.”

In einem Rekord-Wochenende nimmt Jurassic World weltweit mehr als 500 Millionen Dollar ein und entwickelt sich zum lukrativsten Film des Jahres 2015, mit weltweit mehr als 1,6 Milliarden Dollar Einnahmen.

Nach dem großen Erfolg des Films entwickeln Steven Spielberg und Colin Trevorrow  die Story für eine Trilogie – mit Jurassic World als erstem Teil. Die erste Fortsetzung startet am 22. Juni 2018 in den Kinos.