Filmanfang: The Color Purple (1985)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von The Color Purple

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Vorgetäuschte Idylle im Kontrast mit extremer psychischer und physischer Gewalt, Kameraschwenks links/rechts und entgegengesetzt, die Natur (das Feld) verhüllt eine Zeitlang die Wahrheit, bei den Guten kommt die Kamera „aus dem Himmel“ – der Böse kommt scheinbar „aus dem Boden“ (der Hölle), Erzählerin, extreme Sprünge zwischen Portrait und Landschaft

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Blumenwiese, Kinder, Licht (in der Hütte zeigt es an, dass der Vater eintritt), greifende Hände (nach dem Baby), Sturm, Schweißperlen auf dunkler Haut

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Während anderen Spielberg-Filmen einige Sekunden pures Schwarz – mit Geräuschen oder Musik – vorausgehen, setzen hier unmittelbar die Filmtitel ein – in einer violetten, angedeuteten Schreibschrift. Vogelgezwitscher und Kindergesang. Epische Musik setzt ein. Der Blick öffnet sich auf violette Blüten. In einem lilafarbenen Blumenmeer tanzen und toben Celie und Nettie in kindlicher Ausgelassenheit, sie rennen mal von rechts nach links, mal entgegengesetzt. Einmal „fällt“ die Kamera aus dem Himmel zu den beiden hinab. • Nach einigen Einstellungen kommt Celie aus den Blumen hervor – und man sieht: Das Kind ist schwanger! • Der Vater erscheint, als käme er von unten aus dem Kornfeld, und zerstört die Harmonie, indem er sagt, Celie habe die hässlichste Lache überhaupt. • Harter Schnitt in eine nächtliche Holzhütte bei Schneesturm. Bei der Geburt steht ihr Vater steht im Eingang und fragt, wann sie endlich fertig sei… In theatralisch-dramatischen Einstellungen nimmt er ihr unmittelbar nach der Geburt das Kind weg und trägt es hinaus. • Beim Übergang von dieser Einleitung zu den Szenen im Winter 1909 (bei grün belaubten Bäumen) wendet sich Celie im Laufen als ein Art Erzählerin an Gott. Sie folgt dem Sarg ihrer Mutter, und Celie sagt u.a., dass sie beide Kinder von ihrem Vater bekam. Bald schließt sich eine Hochzeitsszene an, die Braut ist noch ein Kind.

Alle Screenshots: © 1985 Warner Bros. Inc.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Im Wechsel von Idylle und Schock sind The Color Purple (1985) und Amistad (1998) der Anfangsstruktur von Horrorfilmen erstaunlich ähnlich. • Vogelgezwitscher und Kindergesang, das erinnert entfernt an Poltergeist. • Das Bild der Blumenwiese findet sich – noch traumhafter – in Always wieder.

UNSERE WERTUNG:
Das Publikum war nicht darauf vorbereitet, dass Spielberg nach den Indiana Jones-Filmen und nach E.T. einen Film über Inzest, Vergewaltigung und die Gewalt unter Afroamerikanern macht. Auch deshalb wohl fühlen sich viele Zuschauer schon von der Pseudo-Idylle am Anfang „hinters Licht geführt“. Zur Ablehnung mag auch beitragen, dass die körperliche und seelische Gewalt sehr präsent ist – so dass mancher vielleicht schon aus Selbstschutz den Film bereits in den ersten Minuten ablehnt. Das ist eine Frage der gesamten Filmstruktur. Möglicherweise wäre ein „leiser“ Anfang besser gewesen, um sich dann allmählich zu steigern. Technisch gesehen ist der Anfang perfekt gemacht.

*** (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film