Filmanfang: Schindler’s List (1993)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Schindler’s List

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Rahmenhandlung in Farbe, Symbolik: Feuer (Kerzen) und Rauch, Wechsel von Farbe zu Schwarzweiß, Sprechgesang, Metaphern, Erklärende Texteinblendung, Detailaufnahmen von Gegenständen, Eskalation: vom Einzelnen zur Masse

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Kerzen, Spiegel, kleiner Junge, Wohnzimmertisch, Lokomotive, Schreibmaschine, Gegenstände der Bürokratie

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Rahmenelemente: Ein Streichholz in Detailaufnahme wird entzündet, zwei Kerzen angezündet, bei der zweiten setzt jiddisch-hebräischer Sprechgesang ein. Sechs Menschen stehen um den Wohnzimmertisch, Schnitt auf den kleinen Jungen mit Mütze. Überblendung zum Tisch mit den beiden Kerzen, wobei die Familie verschwunden ist; der Gebetsgesang geht weiter, „Universal Pictures“ eingeblendet. Beide Kerzen in Großaufnahme, „Amblin Entertainment“. Die Kerzen fast heruntergebrannt, „Schindler’s List“. Dann nur noch eine Kerze – Leuchter und Tisch in Schwarzweiß, die Flamme rötlich (wie das Mädchen im Mantel später rot in schwarz-weißer Umgebung dargestellt wird), die Flamme verlöscht, mit ihr verschwindet der Gesang – Rauch steigt aus ihrem Stumpf auf. Die Kamera folgt ihm nach oben. • Schwarzweiß: Schnitt auf eine Rauchwolke, die Kamera von oben nach unten auf einen Lokomotiv-Schornstein (Pfeifen). • Die Kamera schwenkt von der Lok zum Bahnsteig, wo ein Tisch aufgebaut wird. Dabei werden zwei Erläuterungen eingeblendet: „September 1939. Die deutsche Wehrmacht besiegte in zwei Wochen die polnische Armee.“ – „Alle Juden mußten sich registrieren lassen und in größere Städte umsiedeln. Über 10.000 Juden vom Land treffen täglich in Krakau ein.“ • Gegenstände, die als Metaphern für Bürokratie stehen, werden in Großaufnahmen aufgefahren: Stempelkissen, Klemmbrett, Löscher, Hefter, Zahlenstempel, Tintenfass. • Eine jüdisch-orthodoxe Familie bewegt sich auf die Kamera zu, ein Beamter fragt nach Namen. Bei der Antwort schwenkt die Kamera nach links über die Familie in die inzwischen entstandene Menschenmenge: Auf der einen Seite die sitzenden und registrierenden Beamten, auf der anderen die Menschen, die in östlichen Dialekten ihre Daten angeben müssen. Natürlich kann sich so schnell keine Menschenmenge angesammelt haben, es ist Spielbergs Stilmittel der Eskalation – hier: vom Einzelschicksal zur Massendeportation. • Die Menschen nennen ihre Namen. Die Namen werden getippt.

Alle Screenshots: © 1993 Universal City Studios Inc. and Amblin Entertainment Inc.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Als sich Spielberg 1993 mit Schindler’s List und 1998 mit Saving Private Ryan heiklen historischen Themen zuwendet, greift er – anders als in Amistad (1998) – auf eine Art Rahmen oder Klammer zurück, wie er dies schon beim harmloseren E.T. getan hat (E.T. wird am Anfang zurückgelassen und am Ende abgeholt). • Spielberg verhindert mit der Eskalation von wenigen auf viele Menschen am Bahnhof, dass Schindler’s List ein Film über wenige „Schindlerjuden“ ist. Es ist eine exemplarische Geschichte, die den Holocaust als Ganzes thematisiert – anders als in der Fernsehserie Holocaust, die in ihrer erzählerischen Breite wie eine Soap-Opera strukturiert ist. • Anfangs müssen Juden ihre Namen nennen. Namen begegnen uns wieder am Ende, wenn die Menschen am Grabstein von Oskar Schindler vorbei schreiten und ihre Steine hinterlegen. Dort schließt sich der Kreis in die farbig gefilmte Gegenwart. • Ein in den Jahren 1993 bis 2004 häufig wiederkehrendes Motiv ist die Verbindung von Namen mit Schicksal: Saving Private Ryan, A.I. (David), Minority Report (in Holzkugeln gefräste Namen von Verdächtigen), Catch Me If You Can (falsche Namen), Terminal (Navorskis Pass-Identität). Oft müssen Spielberg-Protagonisten ihre Namen gegen den Lärm oder die Ignoranz der Umwelt behaupten.

UNSERE WERTUNG:
• Die Verwendung von Erklärtexten zu Beginn ist filmisch generell nicht optimal. • Der Schnitt vom Rauch der verlöschenden Kerze auf den Rauch einer Lokomotive ist eine Metapher des ausgelöschten Lebens und des Holocaust. Die Entmenschlichung des Verbrechens wird durch die in Detailaufnahme zu sehenden Gegenstände der Bürokratie repräsentiert. Nicht Maschinengewehre sind das teuflischste Werkzeug des Massenmordes, sondern die bürokratische Perfektion, die mit der Erfassung der Daten die Vernichtung der Identitäten einleitet.

****  (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film

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