Filmanfang: Saving Private Ryan (1998)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Saving Private Ryan

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
3 Filmanfänge, Film als – teils täuschende – Rückblende aus der Rahmenhandlung heraus, Kadrierung, Eskalation (Zahl der Kreuze, Zahl der Soldaten und Leichen, viele Typistinnen tippen Kondolenzschreiben), farbliche Eintrübung, Teilnehmer-Perspektive, Ton weg in nur scheinbar friedlichen Kampfpausen, Symbolik (verblasste Farben der Flagge, tote Soldaten / tote Fische), vereinzelt Perspektive des Feindes, von den Nahaufnahmen zur Gottesperspektive

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Flagge, Gräber, Trauernde auf dem Friedhof, Strand, Blut im Wasser, Kriegsgerät, Kampfszenen im Wasser, Hände in Detailaufnahmen, Namen (Ryan), Schreibmaschinen

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Im Grunde sind es drei Filmanfänge: 1. Rahmengeschichte des Veteranen am Grab, 2. Einleitung der Invasionssequenz, 3. der bürokratische Prozess des massenhaften Schreibens von Kondolenzbriefen als Voraussetzung jener menschlichen oder gnadenhaften Geste, den letzten, noch nicht gefallenen Sohn einer Familie aus dem Krieg heraus zu ziehen. Beschränken wir uns hier auf die ersten beiden: 1. Anfang: • Aufblendung: US-Flagge im Wind, in blassen Farben. Ein alter Mann läuft über einen Soldatenfriedhof, hinter ihm seine Familie. Die Trikolore hängt klein am Mast. Seine Schritte sind staksig. Erst als er vor einem der Kreuze weint, sind Geräusche zu hören – das schafft Empathie. Er bricht zusammen, seine Familie ist hilflos. In drei Einstellungen: die Unendlichkeit der strahlendweißen Kreuze auf den Grabesfeldern. Der Unendlichkeitseffekt kommt durch die Kadrierung der Kreuze zustande. Dabei wirkt nicht die Zahl der Kreuze sondern ihre abstrakte Unzählbarkeit. Zweimal ist auch ein granitweißer Judenstern anstelle eines Kreuzes im Bild. • Die Kamera fährt langsam auf die Augen des Mannes zu – gefolgt vom „klassischen Erinnerungs-Schnitt“: die nachfolgende Handlung entspringt – scheinbar – seiner Erinnerung. 2. Anfang: • Zu Beginn der Invasionssequenz sieht man eine stählerne Panzersperre im Wasser und die Einblendung „June 6, 1944“. Schon wird geschossen, auch während des Blicks auf das Landungsschiff. Die zitternde Hand von Tom Hanks wird Leitmotiv. Als Vorbote des Todes streckt Minuten später ein Soldat inmitten des Gefechts seine blutige, zitternde Hand nach Hilfe aus. Teilnehmer-Kameraperspektive. Das Bild wackelt bei jedem Granateneinschlag, das Objektiv wird mit Wasser, Sand und Blut bespritzt. Der Zuschauer als Kriegsteilnehmer ist völlig allein gelassen, mit niemandem kann er sich identifizieren. • Verstärkt wird die Angst durch Augenblicke des Innehaltens: keine Entspannungspausen, nur die Handlung wird verlangsamt, der Ton weggenommen – in diesen Momenten kommt der Schrecken klarer zum Bewusstsein als bei ununterbrochenen Schlachtszenen. • Für Sekunden taucht die Kamera ins Wasser, die Bewegungen in der plötzlichen Stille sehen gleitend und friedlich aus – bis die Kugeln durchs Wasser jagen und Blutschwaden aufsteigen. Ein Soldat schreit, in seinen Gedärmen liegend, um Hilfe, ein anderer sucht im Chaos seinen Arm und findet ihn. • Erst als der Hügelabschnitt mit dem Bunker eingenommen und gesichert ist, erlaubt die Kamera den Überblick in einer „Gottesperspektive“ über den Strand. Jetzt erst, bei der Kamerafahrt über hunderte blutigroter Soldaten und blutigroter Fische, setzt wieder Musik ein. Auf dem Rücken eines toten Soldaten steht der Name Ryan. • Besonders gewagt: Während die Landung am Omaha Beach aus Kriegsberichterstatter-Sicht der Amerikaner gedreht ist, gibt es vier Sekundenschnitte aus der Schussrichtung eines deutschen Gewehrs.

Alle Screenshots: © 1998 DreamWorks LLC, Paramount Pictures and Amblin Entertainment

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Die Rahmenhandlung, ein von Spielberg selten gebrauchtes Stilmittel, enthält am Anfang eine Täuschung, am Ende die passende Ent-Täuschung: Der rückblickende Veteran auf dem Friedhof ist nicht der Soldat, den wir zuerst auf dem Landungsboot sehen (Tom Hanks). Die Verwechslung wird auf die Spitze getrieben durch eine spätere Kamerafahrt auf Hanks‘ Augen – im Stil der Aufnahme vom Friedhof. Der Film wird mit dem trauernden Veteranen enden. Im Morphing-Verfahren wird der junge zum alten Ryan. Der Alte salutiert, und der Kreis schließt sich, indem die blasse US-Flagge bei einem Abraham Lincoln-Zitat im Wind ausgeblendet wird. • Zunächst ein ungewöhnlicher Vergleich, aber filmisch relevant: Blut unter Wasser – Motiv und Einstellung erinnern an den Horror von Jaws. • Die Intensität der Kampfszenen und das Gefühl, mitten drin zu sein, gemahnt an Stanley Kubricks Full Metal Jackett (1987). • Um den Dokumentarismus zu verstärken, verzichtete Spielberg, wie schon bei E.T., auf seine gewohnten Storyboards und drehte die Ereignisse in der Abfolge ihres Geschehens – wie es ein Kriegsberichterstatter getan hätte. • Spielberg gewährt dem Zuschauer lange keine Distanz, sondern zieht ihn durch subjektive Kamera, Naheinstellungen, Geräusche usw. in die Hölle. Von der sogenannten Gottesperspektive, die er erst spät einsetzt, hatte hingegen Darryl F. Zanucks The Longest Day (1961, dt: Der längste Tag, Regie: Ken Annakin, Andrew Marton, Bernhard Wicki) noch reichlich Gebrauch gemacht. Dies erlaubte dem Zuschauer viel mehr Distanz zum Geschehen. • Parallelen zu Schindler’s List: Die Versammlung am Grab, die Deutschen, die Bürokratie des Todes (hier aber passiv, die Opfer des Krieges verwaltend).

UNSERE WERTUNG:
• Der Übergang von Filmtechnik zur Kunst wird beispielhaft in einem Detail sichtbar: Interessanterweise verwirrt es nicht, wenn Spielberg in der subjektiv gefilmten Kriegshölle einige Male zur Perspektive der Nazis wechselt. Das passt absolut nicht in das Klischee vom Klischee-Regisseur, der Nazi-Soldaten – wie in Raiders of the Lost Ark angeblich nur als Kanonenfutter des Teufels darzustellen vermag. • Die Diskussion mag anhalten, ob Saving Private Ryan ein Kriegsfilm oder vornehmlich ein Antikriegsfilm ist. Die Schlacht am Omaha-Beach gehört zu den eindrucksvollsten Kriegsszenen der Filmgeschichte. Nicht ohne Grund haben viele Veteranen ein besonderes Verhältnis zu Spielbergs Film. • Die Verschachtelung mit der Rahmenhandlung lehnt sich ein bisschen zu eng an das Ende von Schindler’s List (Grabszene), und die Frage ist, ob diese Metaebene und nochmalige Überemotionalisierung überhaupt notwendig war.

****  (von fünf Sternen)