Filmanfang: Raiders of the Lost Ark (1981)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Raiders of the Lost Ark

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Paramount-Logo-Gag (der Para-Mount integriert sich in den Dschungel), Eskalation (Spinnen); eine in sich geschlossene Teaser-Story, die zugleich den Hauptgegner des Protagonisten vorstellt

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Den Paramount, Dschungel, mumifizierte Leichen, gefährliche Tiere

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Nach dem Paramount-Logo-Gag tritt Indiana Jones ins Bild. Zu allererst: sein Hintern… Dann zeigt er seine Silhouette: Cowboyhut, Lederjacke,  Peitsche – das ist die ultimative Insbildsetzung des Helden. Es folgen zwei Scherpas, zweifellos Südamerikaner, womit Spielberg über den Ort der Handlung informiert. Ihnen folgen zwei, die sich in die Kamera umdrehen. Der eine hält ängstlich nach Verfolgern Ausschau, der andere mahnt zur Eile. Weitere Träger… Offenbar ist es eine Expedition auf gefährlichem Terrain. • In diese Einstellungen werden die Titel eingeblendet: Nach dem (wiederholten) Hinweis auf Paramount fallen die magischen Namen: George Lucas Production und A Steven Spielberg Film. Die Zusammenarbeit der Erfolgsmänner war 1981 eine Sensation. Der Filmtitel. Und schließlich die Namen der Hauptdarsteller. • In den folgenden sechs Einstellungen schlägt sich die Gruppe durch den Urwald. Bis in einer Großaufnahme Blattwerk beiseite geschoben wird; Gesicht eines Peruaners – und der Gegenschuss auf eine Götzenfratze. Der Mann erschreckt – und auch das Publikum zuckt 90 Sekunden nach Beginn des Films zusammen. • Weiter geht es mit dem Urwaldmarsch, den Produktionstiteln und der Einblendung „South America 1936“. Die Zuschauer können sich bestätigt fühlen, anhand der Kleidung und der Inka-ähnlichen Götzenstatue den Ort der Handlung erkannt zu haben; die Zeitangabe ist erforderlich, denn Urwald ist zeitlos.

Alle Screenshots: © 1981 Lucasfilm Ltd.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Im Urwald wird ein Maultier angebunden – das erinnert an John Hustons Der Schatz der Sierra Madre (1947). Spielberg erklärt, Indiana Jones sei an der Hauptfigur Fred C. Dobbs orientiert, dargestellt von Humphrey Bogart.[1] • Die Lagerhausszene am Ende ist eine Anspielung an Orson Welles‘ Citizen Kane. • Der Teaser verweist auch auf das Hauptmotiv des Films: Hier wie dort schützen „höhere Mächte“ einen religiösen Schatz gegen Habgier. Im Teaser verteidigt bizarre Tempelmechanik die Inka-Skulptur, im späteren Film löst die Habgier der Nazis den Zorn Gottes aus – und die Verschleierungstaktik des amerikanischen Geheimdienstes. • Optisch unterstützt wird diese Parallele durch eine nahezu identische Pose: Bevor Indy im Teaser das goldene Idol vom Sockel nimmt, lässt er Sand durch die Finger rinnen; der Sand soll das Gegengewicht zur Skulptur sein. Als Belloq am Ende vor der Bundeslade steht, bekommt er statt der beiden Gesetzestafeln nur Sand in die Finger. • Alle James Bond-Filme beginnen mit einem Teaser. Ein Teaser ist ein actionreiches, eigenständiges Filmchen, das handelnde Personen vorstellt und normalerweise nur lockere Verbindungen zum nachfolgenden Film hat. Spielberg wollte schon immer Regie in einem 007-Film führen. Beim Sandburgenbauen mit Lucas entwickelte er die Idee, eine ähnliche Figur zu kreieren, die rund um die Welt Abenteuer erlebt: Indiana Jones. Es gibt Parallelen zu 007. Die bondesken Rückgriffe gipfeln in der Filmreihe im Auftritt von Ur-Bond Sean Connery.

UNSERE WERTUNG:
• Schneller als mit dem sofortigen Auftritt von Prof. Jones im Dschungel kann der Held eines Films – und einer Filmserie – nicht eingeführt werden. • Im Teaser verzichtet Spielberg weitgehend auf Humor, um das Publikum auf Spannung einzustimmen. In die ersten Minuten stopft er alles, was ein Abenteuerfilm haben kann: Urwald, einen mutigen, einfallsreichen Helden neben Feiglingen, eine Schatzkarte, eine verzweigte, geheimnisvolle Höhle, fette Spinnweben und Vogelspinnen (eskalierend: auf dem einen Rücken drei, auf dem anderen unendlich viele), Verrat und Duell (Indy pariert auf die Waffenbedrohung mit der schnellen Peitsche, die ihn berühmt macht), einen Schock mit mumifizierter Leiche, Giftpfeile, eine Schatzkammer mit tödlichen Abwehrtechniken (eine Anleihe beim Banken-Einbruch-Filmgenre), die Gier nach Gold, einen gescheiterter Trick, die Bedrohung des Helden durch eine Felskugel und einen Abgrund, den wiederholten Verrat und die Rache des Schicksals, „Indianer“, einen smarten, verschlagenen Franzose mit Tropenhelm als Gegenspieler, Lianen, eine Schlange und die wundersame Rettung des Helden – mit entlastendem Schluss-Lacher. • Für Filmfreaks schwingen von Anfang an viele Erinnerungen an James Bond, Tarzan und Trash-Filme der 1930er bis 1960er Jahre mit.

*****  (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film


[1] Spielberg: „Zwischen Tailspin Tommy und James Bond … Die Entstehung von Raiders of the Lost Ark“, in: American Cinematographer, Nov. 1981, deutsch in: Goldau/Prinzler: „Spielberg : Filme als Spielzeug“, München 1985, S. 101–118 (hier S. 109)