Filmanfang: Poltergeist (1982)

Analyse und Bewertung zum Filmanfang von Poltergeist

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Verwirrung, Blick in den Fernseher, Perspektive des Hundes mit Kamerafahrt, Ironie, indirekter (nicht gezeigter) Horror, Kontrast zwischen Grusel und humorvollem Alltag – unterstützt durch den jeweiligen Musikstil

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Fernseher, rauschender Bildschirm, Hund, herumliegendes Spielzeug, kleines Mädchen, Vorstadt-Wohnzimmer mit Treppe und Familienversammlung

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Schemenhafte Gestalten werden allmählich als unscharfe Fernsehbilder erkennbar. Es ist Sendeschluss, auf der Mattscheibe rauscht es nur noch. • Einzig aktiv in der Familie Freeling ist der Hund, der umherläuft, sie alle im Schlaf beschnuppert, sie anleckt und – Chips aus der Tüte frisst. • Auf das erste Schmunzeln folgt Verwunderung, denn die kleine Tochter, Carol Anne, wird wach und von Jerry Goldsmiths mystischer Musik ins Wohnzimmer gelockt, wo der Vater im Sessel vor dem Fernseher eingeschlafen ist. Sie kniet vor dem Bildschirm, grinst und scheint Fragen zu beantworten, die aus dem Rauschen kommen. Die Familie erwacht und findet’s gruselig. • Harter Kontrast zur zweiten Sequenz: Ein Schwenk über die scheinbar heile Welt des Suburbs Questa Verde mit seinen geklonten Familienhäusern und Straßenzügen, dazu kindlich-naive Musik und Vorstadt-Gags.

Alle Screenshots: © 1982 Metro-Goldwyn-Mayer Film Company and SLM Entertainment Ltd.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Rascher Spannungsaufbau und humorvolle Entspannung bis zu den nächsten Anschlägen – ein klassisches Spielberg-Schema (Jaws). • Den Hund am Anfang zum Hauptdarsteller zu machen, indem die Kamera ihm folgt – die Idee hatte Spielberg schon bei einem seiner Super-8-Filme. • Eine Zeitlang konnte man den Eindruck haben, Spielberg könne nur noch Filme machen, in denen je ein niedliches kleines Kind im Mittelpunkt steht: Close Encounters, E.T. und nun mit Carol Anne ein Mädchen. Fortgesetzt später mit Empire of the Sun. • Poltergeist reiht sich in die Trilogie der Vorstadt-Filme ein, zu der auch Close Encounters und E.T. zählen. (In unserem Buch widmen wir diesem Thema ein ausführliches Kapitel.) • Das Bildschirmrauschen wird noch einmal am Beginn von Catch Me if You Can verwendet. • Mit Tobe Hoopers The Texas Chain Saw Massacre (1974) hat Poltergeist fast nichts zu tun; der Name des Regisseurs Hooper mochte immerhin für grenzenlosen Horror werben. Derartige Momente gibt es in Poltergeist, nicht jedoch am Anfang. Der trägt eindeutig Spielbergs Handschrift.

UNSERE WERTUNG:
• 1982 endete das Fernsehprogramm allabendlich mit der amerikanischen Nationalhymne, gefolgt vom konturlosen Senderauschen. Dieser Moment am Anfang von Poltergeist war dem US-Publikum also vertraut und dennoch in der Kino-Umgebung zunächst verwirrend. Genial: Der Horror kommt direkt ins Wohnzimmer, er schleicht heran über den Fernseher und in einer Situation, die jeder täglich erleben kann. • Das ist einer von Spielbergs eindrucksvollsten Grusel-Momenten: Die Familie sieht Carol Anne vor dem Fernseher hocken. Ohne dass eine Frage aus dem Gerät zu hören wäre, antwortet das Mädchen wie selbstverständlich, es sei fünf Jahre alt. Was stimmt nicht mit dem Kind? • Spielberg-Anfang par excellence: Erst Verwirrung und zügiger Spannungsaufbau, dann ein Schwall übermäßig harmloser, lustiger Szenen.

*****  (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film

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