Filmanfang: Murder by the Book (1971)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Murder by the Book (aus der Serie Columbo)

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Stummfilm, Ton-Bild-Dissonanz, schräge Perspektive, Untersicht, ständige Kamerabewegung, enttäuschte Erwartung (Scherz-Mord), Vorwegnahme der Ereignisse (Mord)

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Auto, Schreibmaschine, Zeitungsseite, Portrait-Gemälde, Revolver, Champagnerflasche

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
Keine Titelmelodie. Man hört nichts als das schnelle, intensive Hämmern einer Kugelkopf-Schreibmaschine, mit Synthesizer verstärkt, und sieht dazu (ohne Motorengeräusch) einen Sportwagen durch eine Straßenschlucht fahren. Der Wagen biegt auf ein leeres Parkdeck. Das besagt: in dem Hochhaus hält sich niemand oder kaum jemand auf. Die Kamera zoomt vom Apartmentinneren durch die Fensterscheibe zurück und fährt soweit rückwärts, dass man ein Bücherregal und den tippenden Autor (Ferris) in seinem Büro sieht. In Großaufnahme: das eingerahmte Newsweek-Titelblatt mit der Unterzeile „Best Selling Mistery Team“ samt der Abbildung des Autorenduos Ferris & Franklin. Dann tritt der Autofahrer (Franklin alias Jack Cassidy) auf dem Parkplatz wie ein eleganter Profikiller auf, der sich seiner Waffe versichert und aus schräger Perspektive zum Büro hinauf schaut. Der Autor tippt unwissend weiter, bis die Faust des mutmaßlichen Killers gegen die Bürotür hämmert. Stille. In der Weitwinkelaufnahme wirkt der Autor hilflos in seinem Büro. Er öffnet die Tür und blickt in einen Revolverlauf. Dem Schock folgt nach einem Wortgefecht die Auflösung: Der Mann mit der Waffe ist in Wirklichkeit Franklin, der zweite Mann des Autoren-Duos. Sein Auftritt ist ein Scherz, er zieht eine Champagnerflasche hervor, kommt herein und läuft an dem Ölgemälde der von ihnen beiden erfundenen Detektivin, Mrs. Melville, vorbei.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Verzicht auf Ton bis zu einem ausschlaggebenden Ereignis wie in Spielbergs darauf folgender Fernseharbeit, der Owen Marshall-Folge Eulogy for a Wide Receiver (1971). Dort steht am Anfang der typische Serienvorspann mit Ausschnitten aus der Folge. Nach der Werbung beginnt der Vorspann ohne Ton: Ein Baseballspiel ohne Geräusch. Erst als ein Spieler am Kopf getroffen wird und das „Directed by“ eingeblendet wird, ist der Ton da: Schrill bläst der Schiedsrichter die Pfeife. • Das gemalte Portrait der Ermittlerin erinnert an das Ölgemälde, auf dem Claudia Menlo in Eyes abgebildet ist. • Erwartete Attacken, die nicht eintreffen, aber das Unheil ankündigen: Wie in Jaws. Oder bei der Rettung von Richard Dreyfuss aus der Feuerhölle in Always, auf die 35 Minuten später sein tatsächlicher Feuertod folgt. Oder bei der umstrittenen KZ-Szene in Schindler’s List, in der nur Wasser aus den Duschen kommt. Der erste Schock fesselt die Zuschauer, dann entspannen sie sich. Der spätere Angriff wird zuerst nicht für wahr gehalten, aber der Schock ist umso größer, sobald die Zuschauer realisieren, was geschieht.

UNSERE WERTUNG:
Der Mörder bringt die Waffen seiner beiden Morde mit: Den Revolver und die Champagnerflasche, die er bei der Begrüßung wie eine Keule hält. Den Revolver-Mord hat er geplant, vom zweiten, mit der Champagnerflasche, weiß er selbst noch nichts. • Spielberg nutzt in den ersten 2 Minuten fast jedes Bildmittel: Vogelperspektive, Untersicht, Zoom, Kamerafahrten, Weitwinkeltotale und Detailaufnahme (vom getippten Text oder von der Faust), Handkamera und Schwenks. Passend zum akustischen Fluss der Schreibmaschine setzt er auf ständige, oft gegenläufige Bewegung. Er kreiert Spannung und Dynamik und setzt damit Akzente in der ersten Folge dieser Serie. • Ein sichtbarer Fehler: Während die Kamera vom Autor zurückfährt, huscht ein Schatten über den Mann, weil die Kamera zwischen den Schreibtisch und die Scheinwerfer gerät.

*** (von fünf Sternen)

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