Filmanfang: Munich (2005)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Munich

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Schrift-, Wort- und Farbsymbolik, Gesang, Hinweis auf Inspiration durch real events, Geraffte Handlung, Schwenk zu einem anderen Handlungsstrang nach achteinhalb Minuten, Fremdsprachen-Verwirrung, Flash-Backs …

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Wörter, Zaun, Lichter in der Nacht …

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Schon während der Vortitel (Dreamworks) ertönt Trauergesang. • Die Titelsequenz dauert nur 10 Sekunden. Sie zeigt ein Meer aus Städtenamen.[1] Aus den grauen Namen der Städte, die verblassen, tritt MUNICH weiß hervor und färbt sich rot. • Ebenfalls in roten Großbuchstaben auf schwarzem Grund heißt es: Inspired by real events. • 1. Einstellung: Zaun. Gegenlicht. Pochender Rhythmus. Eine Hand greift hinein, ein Mann klettern über den Zaun, schaut sich um und springt wieder herunter. Das Bild zoomt auf und enthüllt, dass 7 (später 8) Männer in Trainingsanzügen vor dem Zaun stehen, während im Hintergrund 4 andere Typen in Freizeitleidung eine Stadionaußentreppe herunter kommen: „… Hey, oh, schämt Euch, schämt Euch, Ihr wart saufen im Biergarten, Hundertmeter-Laufen mit Knackwurst und Fassbier im Tank…“ – „Wo kommt Ihr’n her?“ – „Wir… sind Amerikaner. – Die verstehen nur Bahnhof… Helfen wir ihnen rüber.“ Die US-Sportler verhelfen den palästinensischen Attentätern unwissend, die Juden zu töten. • Bald darauf geschieht etwas Ungewöhnliches: Spielberg weicht von der geradlinig erzählten Handlung ab, rafft, lässt aus. Das Entführungsdrama und die Reaktionen der deutschen Sicherheitskräfte, die Gefühle sowohl in Israel als auch bei den Palästinensern und den Angehörigen sowie Berichte im Fernsehen, alles fasst Spielberg zusammen; bereits nach achteinhalb Minuten geht es stattdessen um eine andere Story, nämlich um die israelische Gegenmaßnahme. Während im Fernsehen die Bilder der Toten israelischen Sportler gezeigt und ihre Namen genannt werden, legt jemand auf einen Tisch Fotos arabischer Männer und nennt deren Namen – die Attentäter und ihre Hintermänner. Nachdem Spielberg am Anfang nicht alle Details der Anschläge zeigt, reicht er sie später als Flashbacks nach. Und zwar so, als sei Avner dabei gewesen. Er sieht die Bilder, die er sich irgendwie angeeignet haben muss, während er aus dem Flugzeugfenster schaut, während der Himmel sich blutrot färbt – oder beim Sex.

Alle Screenshots: © 2005 Dreamworks LLC and Universal Studios

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
Die Einfärbung des Städtenamens in Weiß und Rot hat seine Entsprechung im ersten Rachemord, als Milch und Blut ineinander fließen. Dies ist zugleich die Symbolik des gesamten Films. • Schrift, Namen, Städtenamen als Sinnbilder – hier finden sich auch religiöse Anklänge, weil alle drei typisch sind für die mosaischen Religionen. • Auch wenn sich der unmittelbare Vergleich verbietet, lässt sich eine ähnliche Rolle der Gewalt wie in Jaws am Anfang feststellen. Es bedarf des brutalen Aktes zu Beginn, um die folgenden Elemente Angst, Abwehrhaltung und Rachegefühle zu begreifen.

UNSERE WERTUNG:
Die Gewalttaten der palästinensischen Terroristen werden in spätere Flashbacks verschoben, das ist filmisch interessant und soll betonen, dass es in Munich nur am Rand um den Auslöser der israelischen Vergeltung geht. • Ansonsten ist der Anfang hier ein Schwachpunkt des Films. Leider wirken die Spielszenen vor dem Anschlag etwas ungelenk, auch schauspielerisch. • Spielberg zeigt ein Münchner Olympiastadion, das es so – in schwerer Naziarchitektur – gar nicht gibt. Unverständlich, weshalb er nicht das von Frei Otto so licht und leicht gestaltete Zeltdach-Stadion zeigt, das 1972 den Auftakt für zunächst fröhliche Spiele gab. Deutschland hatte sich ja gerade ein demokratisches Image gegeben, das nichts mehr mit dem Olympia-Pathos von Berlin 1936 gemein hatte. Das Zeltdachstadion hätte auch zu der unbeschwerten Stimmung der US-Sportler am Filmanfang gepasst. (Spielberg hatte ja bereits die Haupthalle des Flughafens Tempelhof nicht für die Zeppelin-Sequenz in Indiana Jones and the Last Crusade nicht genutzt, sondern sie durch einen Phantasiebau ersetzt.) Erst mit Bridge of Spies begibt er sich an den Berliner Originalschauplatz (nun auch nach Tempelhof).

** (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film


[1] Die anderen Städtenamen neben Munich im „Wörtermeer“ sind: Jerusalem, Frankfurt, Lillehammer, Bethlehem, Hebron, Jaffa, Geneva, Battice, Tarifa, London, Rome, Madrid, New York, Madrid, Barcelona, Amsterdam, Athens, Cairo, Nicosia, Paris, Tel Aviv. Orte der Handlung, Orte von Avners Leben und Handeln. Wie sein Auftraggeber vorgibt, sind keine rein arabischen Städte darunter („die gehören ihnen“), und auch der Ostblock ist ausgeklammert, um die Russen nicht hineinzuziehen.