Filmanfang: Minority Report (2002)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Minority Report 

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Trommelmusik, Temporeiche Schockschnitte, Hitchcock-Zitate, Collage aus vier Strängen, Rückwärtserzählung, Flashback, Irritation, klassische Musik, Wortsymbolik (gefräste Namen)

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Lincoln-Bild, Schere, Blut und Wasser

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Trommeln während Schwarzfilm und Filmtitel kündigen eine dramatische Einstiegssequenz an. • Diese Sequenz ist kurz und derart komprimiert, dass sie sich mehr an das Unterbewusstsein als an das analytische Auge des Zuschauers richtet. Fast monochrom gefilmt (bereits die vorgelagterten 20th Century Fox- und Dreamworld-Logos sind wie durch eine Wasserwand monochrom bläulich); wirkt düster und setzt sich aus vier Strängen zusammen: (1) Neben dem Bett eines Liebespaares steht plötzlich ein Mann, der die Frau ersticht. In diesen Hauptstrang eingebettet wird mit Bildfetzen (2) der Mord an dem Mann dargestellt – jedoch im „Rückwärtsgang“: Bei den Schlägen ins Wannenwasser spritzt das blutigdunkle Wasser zurück in die Wanne. (3) Flashback: Ein Kind sticht einem Pappgesicht mit der Schere ins Auge (nur im Standbild erkennbar: Abraham Lincoln. Später wird klar, dass der Junge eine Lincoln-Rede für die Schule auswendig lernen muss.). (4) Für Sekundenbruchteile wird zwischen die Bilder einschwarzer Punkt geblendet, der sich allmählich vergrößert und zur Pupille eines aufgerissenen Auges wird. • Die Kamerarückfahrt am Ende der Sequenz zeigt, dass es das Auge einer Frau ist, die im Wasser liegt und untertaucht – sie ist eine der drei Seherinnen, die einen Mord schon erkennen, bevor er ausgeführt wird. • Im Anschluss geht es in erholsamer Realzeit weiter. Doch das Gezeigte ist nicht minder irritierend: Eine Maschine fräst eine Kugel. Die Kugel rollt – ähnlich wie bei einem Lottoautomaten – durch Kanäle in einen Behälter mit der Aufschrift „Victim“. Auf der Kugel stehen zwei Namen: Der einer Frau und der eines Mannes. • John Anderton (Tom Cruise) betritt das Polizeigebäude – konventionell gefilmt, wobei deutlich wird, dass Anderton mit Hilfe der Opfernamen und seines Computers jenen Doppelmord vorhersehen kann, den die Zuschauer aus der gerafften „Traumsequenz“ kennen. • Die von Anderton zu Schuberts Unvollendeten (Sinfonie Nr. 8 h-dur) und mit großer Geste auseinandergenommenen Bilder kommen den Alptraumbildern näher. • Zudem beginnt eine Parallelhandlung: Ein Mann verabschiedet sich von Frau und Kind, das Kind schneidet an einer Gesichtsmaske. Dann tritt der Liebhaber auf den Plan.

Alle Screenshots: © 2002 Dreamworks LLC and Twentieth Century Fox

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Die rasante erste Sequenz enthält Elemente aus mindestens drei Hitchcock-Filmen: Suspicion (Verdacht, 1941), Spellbound (Ich kämpfe um Dich, 1944/45) und Psycho (1959/60): • Anfangs lösen sich zwei Lichtflecken aus dem Schwarz – allmählich ist zu erkennen, dass ein Paar sich leidenschaftlich küsst. Die Überblendung zeigt eine geöffnete Schere auf wasserüberspülten Kacheln. Die blutige Klinge der Schere zielt auf das Auge der Frau. Diese aggressive, sexuelle Symbolik erinnert an die von Salvador Dalí mitgestaltete Traumszene in Spellbound, in der ebenfalls Augen von einer Schere durchschnitten werden. • Die dritte Einstellung – wenn man bei den zahlreichen Überblendungen und Shutter-Effekten von einzelnen Bildern sprechen kann – zeigt eine Treppe von oben, wie in Psycho. • Anschließend geht ein Mann die Stufen hinauf – und sieht dabei ähnlich aus wie in Psycho Inspektor Arbogast. Doch er hält ein Glas in der Hand – wie Cary Grant das berühmte verdächtige Milchglas, das er seiner Frau in Suspicion ans Bett bringt. • Aus Psycho entlehnt scheinen die halb-bekleidete Liebesszene, der Mord im Bad, das fast schwarze Blut in Verbindung mit Wasser und die Großaufnahmen des toten Frauengesichtes in der Dusche – die Kamerafahrt vom toten Auge. • Das wissende Publikum und die ahnungslosen Handelnden – das ist das Herzstück Hitchcock’scher Suspence. • Die gefrästen Kugeln erinnern entfernt an die „Eltern-Lotterie“ in Los Angeles 2017 und in A.I.

UNSERE WERTUNG:
Ein Highlight der Kunst des Filmanfangs: Zum einen die Reise in eine Hitchcock-Schreckenswelt, gespiegelt in einem modern geschnittenen Rätselstück. Zum anderen – mit den Namenkugeln und dem Dirigieren der Bilder – die Erfindung von Symbolen, die Filmgeschichte schreiben und sich auch ins Hirn des Publikums einfräsen.

*****  (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film

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