Filmanfang: Lincoln (2012)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Lincoln

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Erzählende Texte und Dokufotos, Gewaltausbruch im ersten Bild, von der Totale zu den Details, der Held wird zunächst verschleiert, theaterhafte Szenerie, Wettbewerbssituation zwischen Schwarzen und Weißen, elegische Musik, verfremdete Traumbilder auf einem Schiff,

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Flagge, Schlachtengetümmel mit Gewehren usw., Sumpfwasser, Gewitter und Regen, Spiegel

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Donnern während Schwarzfilms und Titel (Gewitter? Krieg?). • Dokumentarfilmartig werden Texte und alte Fotos eingeblendet, begleitet von epischer Musik. Entscheidender Hinweis auf die Sklaverei. • „And the war came“ heißt es abschließend, während Kriegsgeschrei dröhnt und eine Schlacht im Matsch ins Bild kommt. 1. Einstellung: Die (damalige) US-Flagge wird durchs Gemenge getragen. Die Farben sind blaugrün-lastig wie der sonstige Film (mit Ausnahme der hellen, bunteren Sequenz am Filmende, als der Frieden beginnt). Vom Großen Ganzen richtet sich der Blick auf Details: Der Kopf eines (farbigen) Soldaten wird von einem Stiefel unter Wasser gedrückt. • In diese Handlung schiebt sich eine Erzählerstimme, die über ein „Farbigenregiment“ berichtet. • Schnitt. Nach der Schlacht: Soldaten stehen im Gewitterregen, die Kamera fährt zurück und zeigt den „Erzähler“, einen farbigen Soldaten, der dicht an der Kamera vorbei schaut. „Wie heißen Sie, Soldat?, fragt ihn eine Stimme aus dem Off. Ein zweiter Soldat kommt ins Bild, antwortet ebenfalls, während die Kamerafahrt den Rücken einer sitzenden Person offeriert. Schnitte bestätigen allmählich den Verdacht, dass der Rücken zu Lincoln gehört. • Die Kämpfer klagen: die Farbigen im Krieg würden nicht anerkannt, und es gebe keine „schwarzen Offiziere“. • Der Dialog wird entschärft: Lincoln spottet über seine eigene, ausufernde Frisur; sein Friseur habe aufgegeben und sich verzweifelt erhängt. • Zwei junge weiße Soldaten treten hinzu und können, nachdem sie erst wie Dummköpfe aussehen, Lincolns Rede rezitieren – was sie stark bewegt. • Im Aufbruch beweist einer der schwarzen Soldaten, dass auch er Lincolns Rede auswendig kennt. Abblendung. • Das nächste Kapitel soll nach vier Jahren Bürgerkrieg spielen, aber die Bilder überraschen durch Unschärfe. Es ist ein Traum Lincolns. • Sein anschließendes Gespräch ist über einen Spiegel aufgenommen.

Alle Screenshots: © 2012 DreamWorks and Twentieth Century Fox

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Die Kriegsszenen in Wasser und Schlamm ähneln denen in Saving Private Ryan, auch in der Farbgebung. • Die Musik von John Williams erinnert wie die Darbietung der historischen Fotos an eine preisgekrönte, mehrteilige Dokumentation zum Civil War von Ken Burns.[1] • Lincoln und seine Frau vor dem Spiegel: das gab es in Make Me Laugh zwischen dem Stand-Up Comedian und seinem Agenten. • Die Traumsequenz erinnert an die ähnlich verwirrende Passage am Anfang von Minority Report.

UNSERE WERTUNG:
Mehr als bei anderen seiner Filme lässt es sich zu diesem Anfang gut über die Angemessenheit der künstlerischen Mittel streiten, die Spielberg anwendet. Lincoln sitzt im Trockenen, während die regennassen Truppen seine Rede auswendig vortragen oder Beschwerde führen… Das Theaterhafte dieser Szenen entsteht durch Konstellation, Lichtsetzung, Starrheit der Figuren und durch die veralteten Sprache der zitierten Lincoln-Rede. • Ein mögliches Erklärmuster: Lincoln sitzt hier noch auf dem hohen Sockel, er ähnelt seiner Statue im Washington Memorial; damit soll das Publikum da abgeholt werden, wo es steht: die heutigen Amerikaner kennen den Ex-Präsidenten nur als erhöhtes Denkmal; seine Scherze und die Beschwerden sollen allmählich seine Transformation von einer Marmorfigur in einen Menschen befördern. • Ein anderer Erklärungsansatz: Die theaterhafte Szenerie soll ganz bewusst auf die Wortlastigkeit des Films vorbereiten; dass er nicht selbst die berühmten Worte spricht, sondern einfache Soldaten, unterstreicht das Kammerspielartige von Lincoln. • Im Übrigen schlösse sich ein Kreis: das Theatrale zu Beginn, der Tod im Theater am Ende. • Fraglich aber, ob es der semidokumentarischen und mal wieder textlichen statt filmischen Einführung bedurfte – das ist zugleich eine der größten Schwachstellen von Lincoln.

*** (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film


[1] Ken Burns: „The Civil War“, 675 min. (9 Episoden), 1990. Im Original lesen u.a. Jason Roberts, Morgan Freeman, Arthur Miller und Jeremy Irons schriftliche Quellen vor. Gezeigt werden keine Filmsequenzen, sondern ca. 16.000 alte Fotografien im „Ken-Burns-Effekt“. Titelmusik von Jay Ungar. Spielberg erhielt 2013 den Records of Achievment Award (Preis für die Vermittlung der US-Geschichte), den zuvor auch Ken Burns und der Sprecher der Doku, David McCullough (Autor von vier Präsidenten-Biografien), verliehen bekamen.