Filmanfang: Jaws (1975)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Jaws

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
subjektive Perspektive des Hais, bedrohliche Musik, Gottesperspektive, grotesker und rascher Gewaltausbruch, Schicksalsglocken (Bojen)

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Strand, Gitarre, Joint, Meer, Attacke, ohnmächtige Helfer

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Viertelminute Schwarzfilm, Synthesizer-verfremdete Unterwassergeräusche. Einsetzen der Bass-Melodie. Erste Filmtitel: die Hauptdarsteller. • Bild 1 zeigt eine bunte Unterwasservegetation; eine halbminütige, schlingernde Tauchfahrt, aus der Perspektive eines Jacques-Cousteau – oder eines Haies. • Dann fährt die Kamera am Strand eine Gruppe Jugendlicher ab, die am Lagerfeuer sitzt. Bei der Kamerafahrt spielen sich Miniaturgeschichten ab: Da sitzen zwei im Gespräch, die Frau raucht genüsslich; ein Pärchen küsst sich; jemand hält etwas ins Feuer; ein Junge spielt Gitarre, während neben ihm ein Joint die Runde macht. Wie zufällig pickt sich die Kamera ein Opfer heraus: Einer der Jungen flirtet stumm mit einer jungen Frau (Chrissie), die ihn verführt, ihr zu folgen. • Eine „Gottesperspektive“ fasst alles zusammen: Das Lagerfeuer auf der einen Seite, am anderen Bildrand der Strand, während sich nach vorn hin eine Düne erhebt, die die beiden hinauf rennen. • Die Kamera schwenkt zwischen den beiden übermütigen Jugendlichen. Chrissie wirft Kleidung ab und schwimmt hinaus, während der betrunkene Junge mit seiner Hose kämpft. • Das Meer ist dunkel, die Wellen schimmern silbern im Mondlicht. Zweimal schlägt die Bojenglocke an. Wie eine Schwimmdiva streckt Chrissie ihr Bein aus dem Wasser und taucht. In mittlerweile weltbekannten Gegenschnitten ist das Mädchen als Silhouette aus der Hai-Perspektive zu sehen – wie zappelnde Beute. Diese Sicht ist begleitet von zunehmend aufwühlenden Streicher-Klängen. • Als der Angriff kommt, hat sie grausam viel Zeit, sich zu wundern und in Todesangst zu geraten. Die Attacken bleiben unsichtbar, Spielberg verzichtet jetzt auf Unterwasserperspektive. Phantasie macht alles schlimmer. Das Mädchen wird herumgewedelt wie ein Stück Fisch, grotesk wird sie durchs Wasser gezogen und schreit um ihr Leben. • Im Gegenschnitt Hoffnungslosigkeit: Der Junge liegt ahnungslos im Sand. • Chrissie verschwindet von der Oberfläche. Das Meer ist glatt und ruhig. • In einer geschickten Überblendung wird es Tag, die Kamera fährt zurück und zeigt den Sheriff (Roy Scheider) beim idyllischen Ausguck am Fenster.

Alle Screenshots: © 1975 Universal Pictures

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Mit einem sehr ähnlichen subjektiven (Taucher-)Blick auf Unterwasservegetation begann 1962 James B. Clark’s Flipper. • Die Sicht aus dem Fenster des Sheriffs ist eine Referenz an den Beginn von The Searchers (1956) unter der Regie von John Ford. [1] • Die Brutalität der ersten Haiattacke wird oft verglichen mit Hitchcocks Duschen-Mord in Psycho. Allerdings überwiegen die Unterschiede: Chrissie ist uns nicht schon bestens bekannt, als sie stirbt. Und bei Spielberg geschieht das Gemetzel am Anfang, als stimmungsgebender Auftakt. • Spielberg wird den emblematischen Anfang von Jaws bereits in 1941 wiederholen und parodierend aufs Korn nehmen. • Jaws löst eine Welle von Nachahmungsfilmen auf, bis heute. Egal, ob es um Haie, Piranhas oder Orkan geht. Die Qualität dieser Wellenreiter ist meist unterseeisch.

UNSERE WERTUNG:
• Versuche anderer Regisseure, innerhalb dieses Genres die Qualität von Jaws zu erreichen, scheitern nicht an immer bestialischeren Effekten, sondern an deren Unvermögen, Schrecken und Komik ins Gleichgewicht zu bringen, wie Spielberg es vermag. Manche Regisseure verwenden Humor nur, um die Naivität der Horroropfer zu zeigen. Spielberg transportiert mit dem Witz seiner Situationen und Helden einen wesentlichen Inhalt des Films. Auf diesen entscheidenden, charakteristischen Mix verzichtet er aber beim Filmanfang. Hier geht es gekonnt um den Aufbau von böser Ahnung und Horror.

****  (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film


[1] „At Sea With Steven Spielberg“ (Interview by David Helpern), in: Take One, March/April 1974

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