Filmanfang: Indiana Jones and the Temple of Doom (1984)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Indiana Jones and the Temple of Doom

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Paramount-Gag, dreifacher Filmanfang, Verwirrung / Überraschung / Überwältigung, Musical(-Parodie), James Bond-Parodie, das Lachen der Bösen choreographierte Schlägerei, Injoke (Obi-Wan), Verfolgungsjagd, Slapstick, Casablanca-Parodie

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Diner-Jackett, Cocktails, Pistolen, Champagnerflaschen, Diamant zwischen Eiswürfeln, MGs, Autos, Slapstick-Trödel (in den Straßen), PAN AM (Terminal), Flugzeug, Sonnenuntergang

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
Eine Triole: ein dreifacher Filmanfang: 1. das Musical, 2. die Jagd um die Asche des Kaisers, einen Diamanten und ein Gegengift, 3. Verfolgung und Flughafenszene.

Anfang Nr. 1: • Paramount-Gag: Der Berg befindet sich auf einem Gong, die Kamera fährt zurück und zeigt einen chinesischen Drachen über dem Berg, und der Gong wird soeben dreimal von einem Muskelmann geschlagen. • Ein Tisch mit Publikum vor dem Gong, dazu eine überlebensgroße chinesische Statue mit Schwert; die Kamera schwenkt auf die Bühne und in den rot leuchtenden Schlund eines Drachen. Dem entsteigt die blonde Sängerin im Glitzerkleid (Kate Capshaw), schriller Frauenchor zur Orchestermusik. Ballettmädchen kommen hinter dem Drachen hervor. Die Sängerin tritt heraus – der Filmtitel wird eingeblendet, steht aber verblüffenderweise zwischen dem Ballett und der Sängerin. Ohne Schnitt interpretiert sie in einer langen Einstellung „Anything Goes“ auf Mandarin-Chinesisch, kommt dabei der Kamera immer näher und schaut uns direkt an. • Capshaw hüpft etwas unbeholfen auf die Bühne zurück, zeigt ihren weitgehend nackten Rücken und verschwindet im Drachenmaul. • Rotüberblendung zu einer riesigen Ballettszene mit 30 Revuemädchen und funkelnden Sternen. (Man fragt sich, wo diese erweiterte Bühne sein soll.) Vorwiegende Farben: Silber und Schwarz. Aus roten Ansteckblumen werden am Ende des Titelvorspanns große rote Tücher, in die dann Kate Capshaw hineinläuft und in Großaufnahme das Lied abschließt.

Anfang Nr. 2: • Das rote Tuch wird weggerissen und öffnet den Blick auf das Publikum, schwarz – weiß – chrom: Drei Asiaten sitzen am Tisch und applaudieren, zwei Bodyguards mit Sonnenbrillen zwischen ihnen. Kamerafahrt auf den Boss in der Mitte. • Die bunten Revuemädchen rennen durch den Saal eine Treppe hinauf, die Kamera folgt ihnen (Einblendung: „SHANGHAI, 1935“, zeigt dann aber in rückläufiger Bewegung die schwarze Hose eines Mannes, der die Treppe herunterkommt; seine Hand am Geländer; sein weißes Dinner-Jackett. Ein offenbar vertrauter Kellner gibt ihm einen Hinweis. • Es ist Indiana Jones, der sich mit einer chinesischen Floskel an den Gangstertisch setzt, gefolgt von der Sängerin. In einem langen Hin und Her wendet sich das Blatt mal zur einen, mal zur anderen Seite. Der Kellner stirbt, Indy spießt einen Bösewicht mit einem Spieß flambierter Hähnchen auf. Das „Diamantenfieber“ bricht aus, weil die Sängerin auf dem Parkett nach einem großen Juwel sucht, während Indy eine Glasampulle mit Gegengift braucht: Ein großartiges Ballett der Schuhe und greifenden Hände, bereichert durch Eiswürfel und Luftballons; Übergang zur Schlägerei. Kämpfer und MG-Einsatz eskalieren die Lage inmitten der neuen Musical-Nummer. Indy rettet sich und die Sängerin hinter dem Gong, der durch den Saal rollt.

Anfang 3: • Sie fallen aus dem Fenster in das Auto eines Chinesenjungen. Wir sehen, dass sie im „Club Obi Wan“ waren. Während der sklapstickhaften Autoverfolgung samt Schießerei entwindet Indy der Sängerin das Gegengift, sie verliert den Revolver, weil er ihr zu heiß ist. • Am Flughafen retten sie sich in ein wartendes Flugzeug, aber als er sich von den Gangstern verabschiedet und die Tür schließt, sehen wir, dass die Maschine dem Gangster Cao Che gehört. Der lacht wieder höhnisch. • Start in den malerischen Sonnenuntergang. Wird sind in der 14. Filmminute. Übergang zur nächsten Sequenz (abgesprungene Piloten, Landung per Schlauchboot)

Alle Screenshots: © 1984 Lucasfilm Ltd.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Einen dreifachen Filmanfang gibt es auch in Saving Private Ryan. • Man kann den Anfang bis zum Flugzeugstart (oder bis zur Schlauchbootlandung) als eigenständige Kurzgeschichte sehen, oder als Trailer, der … wie bei 007-Filmen – mit der Haupthandlung nichts zu tun hat. • Die Kombination von Gong und Shanghai erinnert an Josef von Sternbergs Shanghai Express (1932) mit Marlene Dietrich (dort wie hier eine Blondine in China). • Harrison Ford tritt äußerlich in die Fußstapfen von Humphrey Bogart: Rick’s Café. • Die Diamantenjagd: Diamantenfieber lässt grüßen. Harrison Ford zeigt im weißen Dinner-Jackett, dass er die Idealbesetzung eines amerikanischen 007 wäre. • Eine Art chinesischer Felix Leiter (007), ein Vertrauter von Indiana Jones, wird erschossen, und einer der Bösewichte wird mit einem flambierten Spieß erdolcht (007). • Eine Schlägerei bei einer überkandidelten Musikveranstaltung gab es bereits in 1941. • Der Nachtclub in Shanghai trägt den Namen Obi Wan, Injoke: George Lucas‘ Star Wars. • In Shanghai spielt auch Empire of the Sun. • Die anschließende, klassische Verfolgungsjagd durch das Shanghai der Zwanziger Jahre ist bekannt aus Mr. Moto-Geschichten. • Am Ende des Anfangs steigt „Familie Jones“ in einer Casablanca-Szene in eine Propellermaschine und fliegt – wie in Raiders – in den scheinbar rettenden Sonnenuntergang.

UNSERE WERTUNG:
Das Musical ist eine Klasse für sich. Großartig ist die – angesichts des sonstigen Spektakels – zurückgenommene Farbgebung: Weiß – silber – blau – orange. Schön auch der Verblüffungseffekt: Alles das hatte das Publikum nach Raiders kaum erwartet: Tanz und Step – und dann noch auf Chinesisch! • Schönes Auf und Ab von Glück und Unglück im „Gespräch“ mit Lao Che, sehr klassisch in Wort und Ambiente. • Ebenfalls sehenswert: Die rhythmische Jagd nach Diamant und Gegengift. Das Motiv dabei ist angenehm comichaft. • Ein Tiefpunkt, der dann alles runterreißt: Unglaubwürdige Szene mit dem Riesengong, dem Fenstersturz, der Autoverfolgung und der Einführung des Charakters Shorty, dem „Jar Jar Binks“ des Spielberg-Universums. • Gleich viermal ist der Schriftzug „Club Obi Wan“ zu sehen, damit das Publikum die Anspielung auch wirklich mitbekommt. • Schön dann wieder: der Casablanca-Rückgriff am Flughafen. • Insgesamt bleibt Spielberg allzu unentschieden, ob er Eleganz, Klamauk oder Parodie beabsichtigt (womit der Anfang jedoch zu einem Film passt, der viele Genres gleichzeitig bedienen will – bis hin zu einer Art KZ für Kinder –, dabei scheitert und auch deshalb zum schwächsten Teil der Indy-Reihe zählt).

***  (von fünf Sternen) – Unter Einfluss eines entgifteten Cocktails auch besser.

Hintergrundinfos zum Film

Advertisements