Filmanfang: Eyes (1969)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Eyes (aus der TV-Serie Night Gallery

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Dramatische Musik, Flugaufnahme (Gottesperspektive) mit Zoom, Überblendungen, Verwirrung durch gegenläufige Bewegungen (eines Autos), Untersicht, extreme Fluchtpunkte (Machtperspektiven), Farbkontraste (schwarz / bunt / türkis)

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Autos, Gemälde

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Blick auf die Südspitze Manhattans: Vermutlich eine Archivaufnahme aus einem Flugzeug – ein zappeliger Zoom, der an einen Sturzflug erinnert. (Spannend, wie die New Yorks Skyline vor einem halben Jahrhundert aussah.) • Zwei Einstellungen aus Passanten-Perspektive: Ein Rolls Royce fährt auf der Park Avenue von rechts nach links, dann rollt er – verwirrend – in Gegenrichtung von links auf den Betrachter zu und hält am Straßenrand. Yellow Cab und PanAm-Building als weitere Erkennungsmerkmal der Stadt. New York als Ort der Handlung wird überdeutlich betont, weil es um den späteren Stromausfall geht, den es dort  ja tatsächlich gab (Nacht vom 8. zum 9. November 1965). Akustisch begleitet werden die drei ersten Einstellungen von einem wiederholten orchestralen Tusch samt Schicksalsglocken und elektronischem Wirbel. Dramatik! • Episch lange Überblendungen: Das begann mit der Überleitung von Rod Serlings üblichem einleitende Monolog zum Blick auf Manhattan und findet seinen Abschluss in einer Überblendung auf den Eingang eines Foyers, von innen gesehen. Dann beginnt die eigentliche Handlung mit zunächst gewöhnlichen Schnitten. • Ein Mann mit Hut (Augenspezialist Dr. Hetherton, dargestellt von Barry Sullivan) erscheint in der Eingangstür und läuft auf die Handkamera zu. • Gegenschnitt: In statischer Einstellung sieht man ihn zu den Fahrstühlen gehen. Die Kamera knapp unter Hüfthöhe, was den Fluchtpunkt des lang gezogenen Raumes anhebt und ihn noch tiefer wirken lässt. • Zufällig begegnet Dr. Hetherton vor dem Lift einem Maler, der ihm – und uns – sein Gemälde der Hauptfigur zeigt: Miss Menlo (Joan Crawford). • Die Szene am und im Fahrstuhl strahlt extreme Sachlichkeit aus: Klare Linien, schwarze Kleidung, dunkle Wände – eine kalte Darreichungsform von Luxus. • Die Lifttüren schließen sich vor dem Maler im Foyer und öffnen sich sogleich wieder – diesmal mit Blick auf Dr. Hetherton, der von einer Angestellten der reichen und blinden Miss Menlo empfangen wird. • Barocke Machtarchitektur des Apartments: Empfang durch Bedienstete, Säulen, Skulpturen, Kronleuchter, langer Weg zur Machthaberin – unterstützt durch Perspektiven. Da wird der eben noch durch Naheinstellungen präsente Arzt klein, in einer Spiegelung im Glas des Leuchters zur winzigen Figur und „auf den Kopf gestellt“. Auch ein Kamerablick von der Decke macht ihn klein. • Miss Menlos Umgebung kontrastiert zum sachlichen Foyer: Es ist eine ganz eigene, farbige, prachtvolle Welt – auch dies ein Kontrast, nämlich zu ihrer Blindheit. • Die Dauerwelle der Dame – zuerst von hinten in Nahaufnahme gezeigt, ist so barock wie alles hier. Auf ihrem elektronischen Thron dreht sie sich um. Abgesehen von der beeindruckenden Machtvisage der Crawford und ihrer herrschsüchtigen Stimme fällt die geschmackvolle Farbgebung auf: Kleid und Schmuck in Türkis.

Alle Screenshots: © 1969 Universal City Studios, Inc.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Das Gemälde einer Frau ist auch in Spielbergs einziger Columbo-Folge bedeutsam. • Bei Schmuck und Türkis mag man an antike Herrscherinnen denken, an Kleopatra oder an andere Diven der Leinwand. • Die wichtigsten Parallelen – die Augenthematik, die sich in Minority Report wiederfindet – wird erst nach dem Filmanfang thematisiert.

UNSERE WERTUNG:
• Abgesehen von den genannten technischen Mängeln ist vor allem die Einführung des Filmcharakters der Miss Menlo wunderbar visuell: das Gemälde. Außerdem betont das Gemälde die Zugehörigkeit der Folge Eyes zu Serie, die ja immerhin Night Gallery heißt. (Und Eyes ist Bestandteil der Pilotfolge.) Zu den hübschen Gags gehört die Einstellung, in der der Kopf des Malers, der das Bild hält, über dem der Portraitierten steht. • Die reiche Frau behauptet, die Skulpturen in der fürstlichen Wohnung dienten ihr dazu, die schönen Dinge wenigstens ertasten zu können. Inszeniert wird das Betasten aber genialerweise wie eine Inbesitznahme – und das macht sie ja dann später mit ihren Opfern (dem erpressten Arzt und dem Augenspender). • Bewertungsproblem: Produzenten William Sackheim waren Spielbergs Experimente und lange Kamerafahrten ein Dorn im Auge. Er ließ Szenen neu drehen (Yule, 39). Wir können nicht mit Gewissheit sagen, ob der gesamte Anfang von Spielberg stammt. Deshalb verzichten in diesem Fall auf eine Wertung in Sternchen-Form. Gemessen am Niveau anderer TV-Produktionen der Zeit ist es eine Meisterleistung.