Filmanfang: Empire of the Sun (1987)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Empire of the Sun

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Aufblendung und Überblendungen, Irritation, Eskalation, erzählerische Symbolik in Bild und Musik

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Wasser, Blüten, Särge, Schiff, Flagge, Gesang (eines Kindes)

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Nachdem der Filmtitel aufstrahlt, verlischt er. Die Leinwand ist schwarz, Wasser gluckst. • Aufblendung auf gelb-grüne Wellen, darauf treiben Schaumblasen, Blüten und weiße Kränze. Dazu der ungewöhnliche Gesang eines Jungen: das walisische Wiegenlied Suo Gan. Mit dem Gesang und den Kränzen assoziiert das westliche Publikum etwas Angenehmes. Umso größer der Schock, als in der treibenden Kiste das Gesicht einer Leiche erscheint. • Überblendung zu einer Gruppe treibender Särge. • Vogelperspektive: Ein japanisches Schiff fährt regelrecht in die Särge hinein. • Die japanische Schiffsflagge flattert im Wind. Genauer gesehen: die japanische Kriegsflagge mit roten und weißen Sonnenstrahlen. • Zoom und Schwenk öffnen den Blick von der Flagge auf den Bund, die koloniale Silhouette Shanghais am Wasser.

Alle Screenshots: © 1987 Warner Bros., Inc.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Das Motiv der Leichen im Wasser wird – in ganz anderem Zusammenhang – auch in Poltergeist bemüht (der unfertige, erdige Pool mit den Skeletten). • Mehr noch drängt sich der Vergleich mit War of the Worlds auf: Auf der Flucht glaubt die junge Tochter, am Wasser einen Moment Erholung zu finden – bis erst eine Leiche und dann Massen von toten Körpern vorbeigeschwemmt werden.

UNSERE WERTUNG:
Wir definieren hier den Filmanfang einmal recht eng, nur bezogen auf die ersten Einstellungen. Auffallend ist die erzählerische Kraft dieser wenigen Bilder. Sie deuten in Metaphern den tödlichen Aufruhr in China an, das Ende der europäischen Kolonialmächte in Shanghai und die Militärgewalt, mit der Japan zur neuen Kolonialmacht wird. Die Kriegsflagge wurde im Zweiten Weltkrieg benutzt, darum klärt sie zugleich über die Zeit als auch – vage – über den Ort des Geschehens auf. Symbolik auch auf der musikalischen Ebene: Der Gesang eines Jungen steht für das Einsame im fremden Umfeld, für Unschuld, für die Harmonie, in der die Europäer bislang in Shanghai lebten, aber auch für die Tatsache, dass der gesamte Film aus Sicht des Jungen erzählt wird (was gern übersehen wird); das Lied wiegt in Sicherheit, wo es – wie wir sehen – statt der Sicherheit nur Verlust, Tod und Gewalt geben wird. Einer der – im besten Wortsinn – besonders kunstvoll verschachtelten Filmanfänge Spielbergs.

***** (von fünf Sternen)

Hintergundinfos zum Film