Filmanfang: E.T. – The Extraterrestrial (1982)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von E.T. the Extra-Terrestrial

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Unheimliche Geräusche, sinfonische Musik mit Orgel-Anklang, Überblendungen, erzählende Kamerafahrt, wechselnde Perspektive: voyeuristisch auf die Aliens – Sprung ins Raumschiffinnere – Augenhöhe von E.T., Kindchenschema (ängstliches Atmen, Watscheln), Märchencharakter (Hase, leuchtende Herzen, das verräterische Herz, im Wald zurückgelassenes Kind), Kontrast von friedlicher Ökologie und gewaltvollen Menschen, insgesamt: ein Vorfilm, der mit eigener Spannungskurve den Inhalt des Gesamtfilms in sich trägt und vorwegnimmt

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Sternenhimmel (ohne Sternschnuppe), Raumschiff, Außerirdische, Licht und Schatten, Blick auf die nächtliche Stadt, Autos, Scheinwerfer, Schlüsselbund, Wald

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Schwarzfilm und Filmtitel mit unheimlichen Geräuschen. • Sternenhimmel – Einsetzen orchestraler bis sakraler Musik, dabei ein erzählender Schwenk (von dort draußen kamen sie…) hinab auf den nächtlichen Wald und: das Raumschiff. Im weiteren Schwenk scheint der Zuschauer hinter den Zweigen um die Szenerie mit den Aliens herum zu schleichen. • Nahaufnahme von Fingern bestätigt: Es müssen Außerirdische sein. • Im Raumschiff: Bekannte Pilze und unbekannte Pflanzen. • Die Herzen aller Aliens leuchten gleichzeitig, offensichtlich ein Zeichen zur Rückkehr. • Der Blick verengt sich auf E.T.’s Konzentration beim Ausgraben eines winzigen Bäumchens – beobachtet von einem Kaninchen. (Erste Andeutung, dass E.T. den Rückflug verpassen wird.) • Nach und nach wird E.T.’s Einsamkeit im Wald erkennbar, er steht winzig zwischen den Bäumen und schaut auf die strahlende Stadt. Sein vernehmbares Atmen stellt emotionale Nähe her. • Vier Autos brechen in die Waldidylle ein. Bedrohlich die Scheinwerfer. Die gesichtslosen Verfolger schwenken Taschenlampen, und an ihren Halftern klappern überdimensionale Schlüsselbunde wie Waffen. Während der winzige Außerirdische verloren durch den Mammutwald tappst, ziehen sich die anderen Aliens ins Raumschiff zurück und starten durch. Die Menschen richten – unsinnigerweise – ihre Taschenlampen auf das startende Raumschiff. • Hetzjagd auf den zurückgelassenen kleinen Kerl. • Schnitt ins Vorstadthaus mit den spielenden und rauchenden Jugendlichen.

Alle Screenshots: © 1982, 2002 Universal Studios

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Benötigte Close Encounters 1977 eine Spielfilmlänge, um das Publikum für die Idee der Existenz Außerirdischer zu sensibilisieren, so kommt Spielberg fünf Jahre später sofort zur Sache, so als sei E.T. die unmittelbare Fortsetzung von Close Encounters. • E.T. steht ganz allein im Wald zwischen mächtigen, finsteren Bäumen. Der Wald erinnert an Fritz Langs Stummfilm Die Nibelungen. • Die Gesichter der Autofahrer werden nicht gezeigt, wie in Duel. • Filmfreaks stritten über Details: Das Raumschiff – so hieß es – sei nicht nur eine Mini-Ausgabe des Gefährts aus Close Encounters, es erinnere mit seinen dreieckigen Fenstern an das Maul eines Hais – das wäre nach 1941 eine zweite Selbstzitation. Fraglich nur, was dies inhaltlich hätte bedeuten sollen. Das gilt auch für den Vergleich mit einem Halloween-Kürbis. Beabsichtigt hingegen war angeblich die Ähnlichkeit mit einer Christbaumkugel, zumal vor dem Hintergrund der Nadelbäume. • Die Perspektive von Anderen einzunehmen, ist ein Markenzeichen Spielbergs, aber bei E.T. fällt es auch einem breiten Publikum auf. Er hat es u.a. bei Duel (Stoßstangenhöhe, die Sicht des Autos!) getan und wird es am Anfang von Jaws die Sicht eines Tyrannosaurus teilen. • Im Dunkeln stochernde Scheinwerfer und Taschenlampen sieht man ebenfalls immer wieder bei Spielberg, eine Zeitlang verwendet er es inflationär, wovon ihn erst andere Filmthemen abbringen, bei denen das weniger passt. • Dass die Außerirdischen botanisch interessiert sind, passt in die aufkommende Öko-Bewegung der frühern 1980er Jahre.

UNSERE WERTUNG:
Geräusche und Musik – aber keine Erklärtexte und Quasseleien. Der Anfang ist ausgesprochen filmisch, dem Grunde nach ein Stummfilm. Sehr starke Zeichen und Symbole werden entwickelt und gesetzt. Der scherenschnittartige Kontrast von Gut und Böse entspricht dem Märchencharakter von E.T. Ob die digitale Nachbereitung Not tat oder den puristischen Märchenbuchansatz des Films zerstörte, darüber mag man streiten.

Anm.: Die Analyse erfolgte anhand der 20th Anniversary Edition, die 2002 auf DVD erschien.

***** (von fünf Sternen)

Hintergundinfos zum Film

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