Filmanfang: Catch Me If You Can (2002)

Analyse und Bewertung von Catch Me If You Can

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Ideenreicher Zeichentrick-Vorspann, Jazzmusik, Fernsehen, Zeitsprünge

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Sternschnuppe, Rauschen im Fernsehen, Bühnengeschehen: TV

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Zum ersten Mal ein „Zeichentrick“-Vorspann. Er nimmt die Handlung vorweg, wobei die Inhalte schnell, verschlüsselt und originell präsentiert werden, so dass nichts Wesentliches verraten wird. Unter den Anspielungen auch: die Spielbergschen Sternschnuppen. • Bei der Titelmelodie kann John Williams endlich sein Talent für Saxophon-Solos unter Beweis stellen, die er nicht improvisieren ließ, sondern durchkomponierte. • Kleiner Schock nach dem Vorspann: Ein Ploff auf der Leinwand, ein Fernsehbildschirm wird eingeschaltet, es rauscht. (Der Kabelfernseh-Generation sagt das Rauschen nichts mehr, ältere Semester erinnern sich, dass Antennenprogramme früher nur wenige Stunden am Tag sendeten, danach kamen das Testbild oder das Rauschen.) • Die erste Sequenz spielt im TV-Quiz Celebrity Panelists. (Deren deutsche Version „Sag die Wahrheit“ lief zeitweise in einigen Dritten Programmen der ARD.) In der Sendung, die es tatsächlich gab, stellt der Showmaster drei Männer vor, die sich als Hochstapler Frank Abagnale ausgeben – in der Mitte Leonardo DiCaprio. Showmaster Joe Garagiola listet Anekdoten aus Abagnales Leben auf. Ein Rateteam à la Was bin ich? soll herausfinden, wer von den Dreien der echte Betrüger ist. (Wir ahnen die Antwort, weil wir DiCaprio kennen). • Auf die Frage, wer Abagnale ins Gefängnis gebracht habe, folgt ein Schnitt in die zweite Sequenz, auf das Gesicht von Tom Hanks. Es ist also ein Cut von der Fernsehshow des Jahres 1978 zurück ins Jahr 1969. Hanks identifiziert sich in strömendem Regen mit seinem Namen, den die französischen Gefängniswachen nicht zu verstehen scheinen: „Han-rat-tay!“ betont er verzweifelt.

Alle Screenshots: © 2002 DreamWorks LLC

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Der „Zeichentrick“-Vorspann ist folgerichtig für einen Regisseur, den Trickfilme geprägt haben und der als Produzent für erfolgreiche Animationsfilme verantwortlich ist. • Er wird das bei Tintin sehr ähnlich machen. • Die Verbindung von Animationen im Stil der Sechziger Jahre und entspannter Jazzmusik ähnelt Blake Edwards‘ Pink Panther. Dort wie hier geht es um einen tölpelhaften Polizisten, der wenig erfolgreich ist bei der Verfolgung eines geschickten Gesetzesbrechers.[1]George Clooney führte kurz darauf Regie in Confessions of a Dangerous Mind, in dem es ebenfalls um die vorübergehend genarrte Staatsmacht und um die Rolle des Fernsehens geht. Das Publikum war 2002 für die Sixties aufgeschlossen, weil die Mehrzahl der erwachsenen Kinogänger in den frühen Sechziger Jahren geboren ist. • Das Bildschirmrauschen erinnert an Poltergeist. • Zugleich ist der rauschende Bildschirm in Catch Me If You Can eine geschickte Brücke zwischen dem gezeichneten Bild des Vorspanns und dem „Realbild“ des restlichen Films. • Fernsehquiz: In der Twilightzone-Episode Kick the Can mutet Spielberg derartige Quizsendungen dem Publikum im Seniorenheim zu. • Wieder einmal integriert Spielberg das Fernsehen in den Film. • Catch Me If You Can ist Spielbergs bis dahin einziger Film, der mit echten Rückblenden arbeitet. Minority Report arbeitet nur im Zuge der Prophezeiungen auf verschiedenen Zeitebenen, Munich stellt Rückblenden so dar, als seien es persönliche Erinnerungen, was jedoch in dem Fall nicht logisch ist.

UNSERE WERTUNG:
• Hanrattay macht schon zu Beginn keine glückliche Figur. Genialer könnte man diesen verzweifelt-verbissenen Charakter nicht einführen. • Damit sich das Publikum auf eine leichte Geschichte einlässt, musste Spielberg es entsprechend einstimmen. Abgesehen von den Dinosaurier-Filmen hatte Spielberg zehn Jahre lang vorwiegend „schwere“ Stoffe bearbeitet (Schindler’s List, Amistad, Saving Private Ryan, A.I. und Minority Report), oder Dino-Schocker. Mit dem charmanten Vorspann und dem Rückgriff auf die Sixties gelingt es, einen „neuen“ Spielberg zu zeigen.

*****  (von fünf Sternen)

Hintergundinfos zum Film


[1] Peter Körte: „Küß mich, Dummkopf“, FAZ vom 26. Januar 2003, spricht von einer „Hommage“ an Pink Panther. Der Film erschien in dem Jahr (1964), in dem die Abenteuer von Frank Abagnale beginnen.