Filmanfang: Bridge of Spies (2015)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Bridge of Spies

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Einführungstext und Hinweis „Inspired by true events“, Stille, Stadt zunächst nur auf der Tonspur, Verwirrung mit Spiegelbild und Selbstportrait, drängendes Telefonklingeln, flutendes Gegenlicht (während der Kamerafahrt zum Telefon), Abwesenheit von Musik, historisiertes New York (1957), klassische Agentenszenen, Reißschwenk bei der Personenverfolgung

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Alter Mann, Spiegel, Gemälde, Telefon (Anrufer bleibt mysteriös), Ölfarben und Staffelei, U-Bahn, Autos, Agenten mit Anzug und Hut, Arsenal geheimnisvoller Apparate (Radios, Abhörtechnik), Innenrückspiegel im Auto

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?
• Die Vorspann-Logos erscheinen in vollkommener Stille. Spielberg verwendet während der ersten zwanzig Minuten von Bridge of Spies keinerlei Filmmusik. Erst danach kommt Komponist Thomas Newman [1] zum Einsatz. • Auf schwarzem Grund blendet ein Einführungstext auf: „The height of the Cold War. The United States and the Soviet Union fear each other’s nuclear capabilities – and intensions. Both sides deploy spies – and hunt for them.“ Nach einer Atempause der Satz: „Inspired by true events“. • Verkehrsgeräusche einer Stadt während Schwarzfilm. • Das Gesicht eines alten Mannes. Langsame Kamerafahrt zurück: Das Bild des Mannes ist in Wahrheit ein Spiegelbild, der Spiegel steht auf einem Stuhl. Die weiter zurückfahrende Kamera enthüllt: Der „echte“ Mann sitzt zwischen dem Spiegel und seinem Selbstportrait. Er vergleicht – und tatsächlich ähneln sich die traurigen Gesichter. • Das „Atelier“ ist ein heruntergekommenes Zimmer, durchs Fenster ist die Skyline von Brooklyn mit der Manhattan Bridge zu sehen. • Der Mann bringt auf seinem Selbstportrait ein paar Farbtupfer an, seine Bewegungen wirken hochkonzentriert. • Das Klingeln eines Telefons zerreißt die Stille. • Der Mann bleibt sitzen, als wolle er abwarten, bis das Klingeln aufhört. Schließlich erhebt er sich doch und geht bedächtig zum Telefon. Wird das Klingeln enden, bevor er den Tisch mit dem Arsenal aus Radios, Abhörgeräten, Papieren und dem Telefon erreicht? Nein, er hebt langsam ab, hört zu und schweigt. Er legt auf. • Es folgt eine längere Sequenz, in deren Verlauf der Mann das Haus verlässt und bei einer U-Bahnfahrt observiert wird. Die Agenten verlieren ihn im Gemenge aus den Augen, doch einer stößt mit ihm zusammen. • Der alte Mann entschuldigt sich und geht weiter. • Im Wagen der Agenten erhaschen wir im Vorbeifahren einen Blick auf den Mann, als er am East River sitzt und malt. • Der Mann bückt sich, um seine Staffelei zu arretieren. Seine Hand sucht unter dem Sitz der Parkbank nach einem Gegenstand. Er findet ein 5 Cent-Stück. Merkwürdig: Die Münze scheint magnetisch zu sein, denn sie haftet am Metall unter der Bank. • Das Spionage-Genre des Films ist gesetzt.

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Einführungstext wie in vielen Spielberg-Filmen. Er korrespondiert mit den Texten am Ende, in denen das weitere Schicksal der Hauptfiguren erläutert wird. • Auch der Hinweis darauf, dass Bridge of Spies auf wahren Begebenheiten beruht, ist ein Spielbergismus aus Filmen wie z.B. Empire of the Sun (1985) und Catch Me If You Can (2002). • Ein alter Mann am Anfang – eindeutig nicht als Karikatur wie in Spielbergs Night Gallery-TV-Episode Kick the Can. • Verwirrspiel mit dem Spiegel wie zuletzt in Lincoln (2012), beinahe identische Kamerafahrt (dort nach der Traumsequenz). • Ein Portrait-Gemälde spielte bereits in Spielbergs TV-Arbeiten Eyes (1969) und Murder by the Book (1971) eine prominente Rolle. • Spielberg lässt sich für diese erste Einstellung des Films von einem Bild seines Lieblingskünstlers, Norman Rockwell, inspirieren: Triple Self-Portrait (1960). Der Vergleich von Gemälde und Original erinnert darüber hinaus an den Anfang von The Adventures of Tintin (2011), in Bridge of Spies kommt allerdings der Spiegel hinzu (in Tintin folgen Spiegel Sekunden später). Auch die Staffelei in der Szene am Fluss ist ein Motiv aus Tintin. • Das Gemälde erlaubt einen Zirkelschluss zu einer Szene am Ende des Films, in der es nochmals um ein Portrait geht. • Das mysteriöse Telefon hatte Spielberg bereits in Poltergeist (1982) verwendet; man weiß zunächst nicht, ob noch jemand in der Leitung ist. Ein endlos klingelndes Telefon hatte auch einen Auftritt in Sergio Leones Once Upon A Time in America (1984), der ebenfalls im historischen Brooklyn spielt und die Manhattan Bridge prominent in Szene setzt. • Anrufe zu empfangen, sich aber nicht zu melden und nichts dazu zu sagen, ist eine Stilfigur des Thrillers bzw. des Spionagefilms. In Bridge of Spies wird sie gegen Ende des Films noch einmal eingesetzt. • Die Manhattan Bridge ist eine von vielen Brücken, die im Film gezeigt werden. Zu verhandeln bedeutet, Brücken zu bauen – elementares Thema auch von Lincoln (2012). • Die New Yorker Subway war bereits Handlungsort zu Beginn von The Lost World: Jurassic Park (1997). • Observation und Abschütteln durch den Verfolgten sind Bestandteil fast aller Agentenfilme; dies wird in Bridge of Spies später nochmals eingesetzt (Donovan mit Schirm, verfolgt von CIA-Agent Hoffman).

UNSERE WERTUNG:
Spielberg hätte den Film mit dem Spektakel rund um den Abschuss des U2-Spionageflugzeugs  starten können. Stattdessen steht Schweigen am Anfang. Damit macht Spielberg gleich zu Beginn auf eines seiner Lieblingsmotive aufmerksam, das die Handlung von Bridge of Spies bestimmt: Kommunikation oder deren Abwesenheit. Wieder stehen Grundrechte auf dem Spiel, die auf der Verfassung beruhen, in diesem Fall Fairness der Justiz, die im Kalten Krieg gern mal „einkassiert“ wird. Auch um das Gegenteil von Kommunikation geht es: Einschüchterung und Einschränkung der Redefreiheit, Falschinformation und Propaganda, verbales Säbelrasseln und Sprechen, ohne Zuzuhören. Dazu das Symbol der Berliner Mauer (jeder Mauer) als Gegenteil der Brücke. Und um das Nicht-Aussprechen (von Geheimnissen), hier: Schweigepflicht des Anwalts ebenso wie der Spione und der U2- Piloten.

Bridge of Spies beginnt still und langsam, der alte Mann – und weitere Personen des Filmanfangs – agieren wie fleischgewordene Schachfiguren. Dieser ruhige Auftakt passt zum kammerspielartigen Film. Das gibt auch Mark Rylance, dem in England hochgradig beliebten Shakespeare- Darsteller und -Regisseur eine Chance, mit minimalen Mitteln zu agieren. Die erste Einstellung mit seiner dreiteiligen Darstellung des alten Mannes (Spiegelbild, Filmfigur, Gemälde) wirft die Frage auf:  Ist Rudolf Abel ein böser Spion, ein Verräter, der dabei hilft, dass die Russen „Bomben auf uns werfen“? Oder ist er ein „treu dienender Soldat“, der für ein anderes Land arbeitet? Oder ein Künstler? Der Zuschauer soll sich selbst ein Bild machen. (Im weiteren Verlauf des Films tritt die Frage „Wer ist Rudolf Abel wirklich?“ zunehmend in den Hintergrund, denn es geht um Größeres: das Spiel der Supermächte und Donovans Rolle darin).

Der Einleitungstext zu Beginn des Films ist überflüssig (Spielberg hält ihn wohl für notwendig, als „Briefing“ für das Massenpublikum), und die Komparserie auf dem U-Bahnhof in New York wirkt hölzern. Insgesamt ist der Anfang filmisch wenig originell – im Vergleich zu Spielbergs anderen Meisterwerken. Damit bleibt der Auftakt hinter der Qualität des ansonsten hervorragenden Films zurück.

***  (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film


[1]  Thomas Newman vertritt Spielbergs Hauskomponisten John Williams, der erstmals seit 1985 nicht die Musik für einen Spielbergfilm liefern konnte. Spielberg nutzt die Abwesenheit von John Williams kreativ, indem er in vielen Schlüsselsequenzen – selbst beim actiongeladenen Abschuss des U2-Spionageflugzeugs – mit dem Verzicht auf Musik experimentiert. Als feststand, dass Williams vorübergehend pausieren muss, hatte Spielberg zeitweise mit dem Gedanken gespielt, während der gesamten Lauflänge keine Filmmusik einzusetzen.