Filmanfang: A.I. Artificial Intelligence (2001)

Analyse und Bewertung des Filmanfangs von A.I. Artificial Intelligence

WELCHE STIL-ELEMENTE VERWENDET SPIELBERG AM ANFANG?
Aufblendung, Erzähler, blasse Farben, langer Monolog, Verwirrung um unvorhergesehene menschliche Reaktionen …

WELCHE TYPISCHEN SPIELBERG-REQUISITEN FINDEN WIR AM ANFANG?
Meer, Regen, Spiegel, Auto …

WAS GESCHIEHT ZU BEGINN?

• Meeresbrandung ist zu hören und nach der Aufblendung auch zu sehen. Ein Off-Erzähler spricht die Einleitung (Ben Kingsley). • Überblendung vom Wasser auf eine Fensterscheibe mit perlendem Regen und dem Symbol der Cybertronics Corporation: Prof. Hobby (William Hurt) schildert Teammitgliedern, die sich in der Bibliothek als Publikum um ihn geschart haben, Fortschritte der Robotik. Es sei ein Traum des Menschen seit den Anfängen der Wissenschaft, künstliche Wesen mit Intelligenz zu erschaffen. Die ersten seien primitive Monster gewesen, die lediglich Schach spielen konnten. Man sei weiter gekommen: „The artificial being is a reality of perfect simulacrum.“ Sein Vorschlag: Die nächste Stufe der Roboter solle lieben können. • Die Bibliotheksszene ist in einem für A.I. charakteristischen Stil gefilmt: Im Gegenlicht und in Lichtreflexen wirken die Farben fast schwarz-weiß. Und weil oft nur die äußeren Konturen der menschlichen Gestalten zu sehen sind, kann man ihnen nicht ins Gesicht blicken. Sind sie Menschen oder Roboter? • Unter ihnen befindet sich die junge Sheila. Professor Hobby piekst sie in die Hand und will von ihr wissen, welche Gefühle dies in ihr ausgelöst hat – was sie nicht beantworten kann. Hobbys Aufforderung, sich zu entkleiden, befolgt Sheila ohne Zögern. • Als Hobby den Befehl „Open!“ ausspricht, öffnet Sheila nicht nur den Mund, sondern ihr ganzes Gesicht teilt sich, und ein mechanischer Schädel wird sichtbar. Erst jetzt zeigt Spielberg, dass sie eine Maschine ist. • Schließlich wird Sheila von Professor Hobby gefragt, was Liebe sei, woraufhin sie eine physiologisch-technische Erklärung liefert. Das Team reagiert mit einem Applaus wie eine Gruppe von Automaten. • Am Ende der Szene schminkt sich Sheila. Ein Schnitt zu einer anderen Frau im fahrenden Cabriolet – die Ehefrau Monica – legt die Frage nahe, ob auch sie künstlich ist. Andererseits wirken die Schminkgesten beider Frauen so menschlich.

Alle Screenshots: © 2001 Warner Bros. and DreamWorks, LLC

WELCHE PARALLELEN SIND AUFFALLEND?
• Das Zusammenspiel von Erzähler und Dystopie wird sich auch in War of the Worlds finden. • Erzähler Ben Kingsley ist bekannt als Stimme des Gewissens in Gandhi und spielte in Spielbergs Schindler’s List. Hier liegt aber auch eine Verwirrungstaktik, denn noch ahnt niemand, dass es die Stimme eines Roboters sein könnte. • Die Idee der Flüchtlingsströme nach der Klimakatastrophe greift Roland Emmerich in The Day After Tomorrow (2004) auf. Auch dort geht es um die Überflutung New Yorks, gesteigert durch eine Eiszeit. • Während Spielberg in A.I. andere Städte der Welt nur in der Stimme des Erzählers erwähnt (Amsterdam, Venedig), hatte er für Close Encounters of the Third Kind solche anderen Orte noch gezeigt, um die Internationalität der Vorgänge zu betonen (Mongolei, Indien). In War of the Worlds zeigt er sie wiederum ganz bewusst nicht. • Der Erzähler und das Meer – sie haben symbolische Bedeutung. Der Erzähler ist ein Element des Märchens. A.I. hat in mehrfacher Weise Märchencharakter. Die Mutter liest ihrem menschlichen Sohn ein Märchen vor. Der Roboterjunge David sucht im Laufe des Films seine Märchenfee, die ihn in einen echten Jungen verwandeln kann – und beruft sich dabei auf das Märchen Pinocchio. Der Ozean veranschaulicht die Überflutung der Welt. Zugleich symbolisiert er aber auch den Ursprung des Lebens. Das Wasser fließt durch den ganzen Film, vom Regen in Rouge City über das zerstörte Manhattan bis zu den Unterwasserszenen bei der „Fee“, einer versunkenen Gallionsfigur. Das Meer ist außerdem ein religiöses Motiv – eines von vielen in A.I. • Prof. Hobbys Vortrag weist Ähnlichkeiten mit z.B. Steve Jobbs‘ Produktpräsentationen auf. • Der Blick in den Mund der Roboter-Frau entspicht den Gepflogenheiten der Sklavenmärkte (und damit auch an Amistad). Die Szene erinnert zudem an das Gemälde „Phryne vor den Richtern“ von Jean-Léon Gérôme (1824-1904). Da wird eine der Gotteslästerei bezichtigte Frau ausgezogen, um den versammelten Männern zu zeigen, dass in einem schönen Körper kein schlechter Mensch stecken könne. Der Betrachter ist irritiert, er sieht in den Richtern Voyeure – ist aber auch beschämt, weil er selbst beim Betrachten des Bildes zum Voyeur wird.

UNSERE WERTUNG:
• „The artificial being is a reality of perfect simulacrum.“ Mit diesen Worten sind die prägenden Begriffe gesetzt: Realität und Abbild. Dass die Roboter menschlicher sein können als die Menschen, ist das wesentliche Film-Motiv. • Viele Zuschauer waren mit der Erzähler-Einleitung und dem Wortschwall Professor Hobbys überfordert. Spielberg lässt über wichtige Informationen nur reden, er visualisiert sie nicht. So erfährt man nur am Rande, weshalb so viele Roboter gebaut wurden: Infolge des Treibhauseffektes schmolzen die Polkappen. „Amsterdam. Venice. New York. Forever lost.“ Millionen Menschen seien auf der Suche nach Lebensmitteln in ärmere Länder geflüchtet. Roboter wurden ein Wirtschaftsfaktor, weil sie keine Nahrung benötigen. Das ist ein klassisches Science-Fiction-Motiv, wahrscheinlich hat Spielberg es deshalb nicht filmisch umgesetzt. Die fehlende Bebilderung der Flüchtlingsströme und der Heerscharen von Arbeitsrobotern hat allerdings den Vorteil, dass die Zuschauer nicht vom Kern der Handlung abgelenkt werden. Auch Professor Hobbys Monolog hätte leicht in die pseudo-wissenschaftliche Frage ablenken können, wie wahrscheinlich die technische Kopierbarkeit des Menschen ist. Darum geht es Spielberg aber nicht. A.I. soll nicht unbedingt Science fiction sondern ein Film über den Humanismus.

**  (von fünf Sternen)

Hintergrundinfos zum Film

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