War Horse (2011)

Steven Spielbergs berührendes Drama War Horse spielt während des Ersten Weltkriegs und beruht auf Michael Morpurgos gleichnamigem Jugendroman aus dem Jahr 1982. Der Film wird von Steven Spielberg und Kathleen Kennedy produziert (Frank Marshall und Revel Guest fungieren als Executive Producer).

Ursprünglich versucht Michael Morpurgo selbst, sein Buch in ein Drehbuch zu übersetzen und arbeitet mehr als fünf Jahre daran, doch es kommt nichts Verwendbares dabei heraus. 2007 adaptiert allerdings Nick Stafford das Buch erfolgreich als Theaterstück. Anders als das Buch kann der Film nicht allein aus Sicht des Pferds erzählt werden, so dass der Großteil der Verfilmung auf der narrativen Herangehensweise des Bühnenstücks basiert. Im Gegensatz zur Theaterfassung, in der für die Pferde lebensgroße Marionetten verwendet werden, setzt der Film auf lebendige Pferde, practical effects und (äußerst selten) CGI.

Im Jahr 2009 ist Filmproduzent Kathleen Kennedy unter den Zuschauern der Bühnenfassung im Londoner West End und berichtet Spielberg davon. Daraufhin erwirbt DreamWorks die Filmrechte. Spielberg schaut sich im Frühjahr 2010 das Bühnenstück an und trifft sich mit den Bühnendarstellern, um ihnen zu sagen, ihre Darstellung habe ihn zu Tränen gerührt.

DreamWorks-Chefin Stacey Snider setzt sich dafür ein, den britischen Regisseur und Drehbuchautor Richard Curtis mit der Überarbeitung der Drehbuch-Entwürfe zu beauftragen, die Michael Morpurgo und Lee Hall eingereicht haben. In nur drei Monaten verfasst Curtis mehr als ein Dutzend Entwürfe in enger Zusammenarbeit mit Spielberg, der zu diesem Zeitpunkt als Produzent vorgesehen ist. Begeistert von den Ergebnissen, beschließt Spielberg, auch die Regie zu übernehmen – während er noch darauf wartet, dass die Animationen für The Adventures of Tintin (2011) abgeschlossen werden.

Nachdem Hunderte junger Darsteller für die Hauptrolle vorgesprochen haben (was zeitweise zu  Spekulationen führt, Eddie Redmayne sei im Rennen), entscheidet sich Spielberg für den relativ unbekannten Theaterschauspieler Jeremy Irvine und beschreibt seine Darstellung als „very natural, very authentic.“ Es ist seine erste Filmrolle, und er hat vor War Horse noch nie ein Pferd geritten.

Zum brillanten Cast des Films gehören britische, französische und deutsche Darsteller (die entsprechende Charaktere spielen), darunter Emily Watson, David Thewlis, Tom Hiddleston, Benedict Cumberbatch, Eddie Marsan, Toby Kebbell, David Kross und Peter Mullan. Robert Emms, Hauptdarsteller in der Londoner Theaterfassung, spielt den Part des David Lyons. Außerdem wirken etwa 5.800 Statisten mit. Buchautor Michael Morpurgo ist in einer Nebenrolle bei der Auktion zu sehen – und besucht mehrmals das Set.

Die Dreharbeiten dauern etwa 64 Tage, beginnend in der Gegend von Stratfield Saye House in North Hampshire. Hier entsteht der Angriff der britischen Kavallerie auf die Maschinengewehr-Stellung der Deutschen, an dem 130 Pferde und Hunderte von Statisten beteiligt sind – eine der erschütterndsten Kriegssequenzen, die Spielberg je gedreht hat.

Jeremy Irvine sagt über die Entstehung der Szenen:

“It was terrifying. The smoke and the smell and the taste of the guns firing. It’s not difficult to act scared in that situation. There’s no doubt this was deliberate: not only to have the film look great, but to have that effect on the actors. It was an eye-opening scene.”

Tom Hiddleston erinnert sich an Spielbergs Regieanweisung:

“He said, ‘Give me your war face, and the camera’s going to move across, and as you feel it come up in front of you, I want you to de-age yourself by 20 years. So you’re 29, and when you see those machine guns, you’re 9 years old. I want to see the child in you.’ And I just thought that was one of the most astonishing acting notes I’d ever been given.“ 

Emily Watson sagt über Spielbergs Regiearbeit:

„On set, he’d come in, in the morning, and say, ‚I couldn’t sleep last night. I was worrying about this shot!’ Which was great! He’s human and he’s still working in an impassioned way, like a 21-year-old, trying to make the best out of everything.”

 

Kathleen Kennedy sondiert etliche Gegenden auf dem Land und schickt Spielberg Fotos, u.a. von Dartmoor, Devon. Daraufhin beschließt Spielberg, Elemente der Geschichte wegzulassen, um die Dreharbeiten in Dartmoor ausdehnen zu können. Spielberg sagt über Dartmoor:

“I have never before, in my long and eclectic career, been gifted with such an abundance of natural beauty as I experienced filming War Horse on Dartmoor.”

Nach seiner Arbeit an James Camerons Avatar (2009) nimmt Produktionsdesigner Rick Carter, Spielbergs langjähriger Mitarbeiter, seine Arbeit für War Horse auf. Dieses Mal besteht seine Aufgabe nicht darin, eine neue Realität zu erschaffen, sondern eine vorhandene Landschaft in eine Art Charakter des Films zu verwandeln.

Die berühmte Aufnahme des Pferdes in der letzten Szene, vor tiefrotem Himmel, wirkt wie eine Anspielung auf Gone With the Wind (1939), doch Spielbergs Kameramann Janusz Kamiński beteuert, die Ähnlichkeit sei unbewusst: „I didn’t even know there was an image similar to that!” Kamiński orientiert sich an John Fords The Searchers (1956) und legt besonderes Augenmerk auf Fords Panoramen-hafte Porträts von Himmel und Landschaft.

Nachdem sich Spielberg in sechs Filmen mit dem Zweiten Weltkrieg befasst hat, wendet er sich erstmals dem Ersten Weltkrieg zu. Die Sequenzen in den von Stacheldraht umsäumten Schützengräben erinnern an Klassiker wie Lewis Milestones All Quiet on the Western Front (1930) und Stanley Kubricks Paths of Glory (1957).

In manchen Szenen kommen bis zu 280 Pferde gleichzeitig zum Einsatz. Für die „Hauptrolle“ des Joey werden vierzehn verschiedene Pferde eingesetzt, acht von ihnen porträtieren ihn als erwachsenes Wesen, vier als Jungpferd und zwei als Fohlen. In einigen Situationen kommen Animatronic-Pferde zum Einsatz, zum Beispiel als sich Joey im Stacheldraht verheddert (der Draht besteht aus Gummi). Die Arbeit mit Pferden ist in diesem Umfang eine vollkommen neue Erfahrung für Spielberg:

“When I’m on an Indy movie, I’m watching Indiana Jones, not the horse he is riding … Suddenly I’m faced with the challenge of making a movie where I not only had to watch the horse, I had to compel the audience to watch it along with me. I had to pay attention to what it was doing and understand its feelings. It was a whole new experience for me.”

Michael Kahn schneidet den Film noch während der Dreharbeiten in seinem Wohnwagen am Set. Kahn und Spielberg schneiden die Szenen digital auf einem Avid-System, statt auf Film.

Die visuellen Effekte für den Film entstammen dem Londoner Unternehmen Framestore.  Spielberg zufolge bestehen die einzigen digitalen Effekte des Films aus drei Einstellungen mit einer Dauer von drei Sekunden, um die Sicherheit des Pferdes zu gewährleisten: “That’s the thing I’m most proud of. Everything you see on screen really happened.”

Spielberg beschreibt die Filmmusik von John Williams wie folgt:

“I feel that John has made a special gift to me of this music, which was inspired not only by my film but also by many of the picturesque settings of the poet William Wordsworth, whose vivid descriptions of the British landscape inspired much of what you are going to hear.”

Der Film erhält positive Kritiken, darunter von Roger Ebert, der über War Horse schreibt: “surely some of the best footage Spielberg has ever directed (…) The film is made with superb artistry. Spielberg is the master of an awesome canvas. Most people will enjoy it, as I did.“ 

War Horse ist ein finanzieller Erfolg und nimmt weltweit 177 Millionen Dollar ein (bei einem Budget von 66 Millionen Dollar). Der Film erhält sechs Oscar-Nominierungen, darunter als Bester Film, geht aber insgesamt leer aus.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von War Horse

 

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