The Adventures of Tintin (2011)

Steven Spielbergs wegweisender Animationsfilm The Adventures of Tintin (aka The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn) ist eine fotorealistische, computeranimierte 3D-Adaption der berühmten Comic-Serie von Hergé.

Es ist das erste Mal, dass Spielberg bei einem Animationsfilm Regie führt, und es ist sein erster 3D-Film.

Spielberg entdeckt Hergés Comics, als sein Film Raiders of the Lost Ark (1981) damit verglichen wird, und es gelingt ihm, die Rechte zur Verfilmung zu sichern. Hergé schreibt die folgende Notiz über Spielberg: “If anyone can bring Tintin successfully to the screen, it is this young American film director…”.

Pläne für andere Filme kommen jedoch dazwischen, so dass sich das Projekt bis in die späten 2000er Jahre verzögert und DreamWorks die Option zur Verfilmung erneuern muss.

The Adventures of Tintin wird von Peter Jackson produziert, dessen Firma Weta Digital für die Computeranimationen verantwortlich zeichnet. Das Drehbuch wird von Steven Moffat, Edgar Wright und Joe Cornish verfasst und basiert auf drei Hergé-Comicalben: The Crab with the Golden Claws (1941), The Secret of the Unicorn (1943), and Red Rackham’s Treasure (1944). Philippa Boyens und Fran Walsh (bekannt aus den The Lord of the Rings-Filmen) wirken ebenfalls am Drehbuch mit.

Zu den Darstellern, die ihre Charaktere mittels Motion-Performance porträtieren und ihnen ihre Stimme leihen, gehören Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig, Nick Frost und Simon Pegg. Für den Hund Snowy werden die Bewegungen eines Hundes digital erfasst, so dass die Animationskünstler eine Vorlage haben. Sein Bellen wird aus den Lauten verschiedener Hunderassen zusammengesetzt (anders als in den Comics hat der filmische Snowy keine Sprechstimme).

Die Dreharbeiten sollen im Oktober 2008 beginnen, mit dem Ziel einer Release im Jahr 2010. Dieser Plan scheitert, als Universal als Co-Produzent aussteigt und stattdessen Sony Pictures an Bord kommt. Die Verzögerung führt dazu, dass Thomas Sangster, ursprünglich für die Rolle des Tintin vorgesehen, das Projekt verlässt. Als seinen Nachfolger schlägt Peter Jackson einen der Darsteller aus seinem Remake von King Kong (2005) vor: Jamie Bell.

Peter Jackson überzeugt Spielberg “not to do Tintin in live-action” – dies würde den Comic-Büchern nicht gerecht werden – und plädiert für Motion-Capture als der besten Methode, Hergés Welt zu verfilmen.

Im Jahr 2006 wird eine erste Demo auf genau dem Set gedreht, das James Cameron für Avatar (2009) verwendet. In den Testaufnahmen spielt Andy Serkis den Captain Haddock, und Peter Jackson springt ein für Tintin. James Cameron und Robert Zemeckis sind während der Dreharbeiten anwesend. Das Team von Weta Digital produziert eine zwanzigminütige Testaufnahme und demonstriert damit erfolgreich die fotorealistische Darstellung der Charaktere.

Spielberg beginnt mit den Dreharbeiten am 26. Januar 2009 und beendet sie nach 32 Tagen. Regie-Kollegen wie Guillermo del Toro, Stephen Daldry und David Fincher besuchen das Set. Peter Jackson ist in der ersten Woche ebenfalls am Set und überwacht den Rest des Drehs per iChat-Videokonferenz. Spielberg, der den Film wie Live-Action angeht und häufig selbst die Kamera führt, stellt fest: “Every movie I made, up until Tintin, I always kept one eye closed when I’ve been framing a shot,” weil er vor Tintin die Szenen flach sehen wollte, genau wie der Kinozuschauer. “On Tintin, I have both of my eyes open.” Spielberg schließt Mitte Juli 2009 zusätzliche, sechswöchige Motion-Capture-Dreharbeiten ab.

Detailtreue gegenüber Hergés Konzept hat bei Spielbergs kreativen Entscheidungen höchste Priorität. Look und Persönlichkeit der Charaktere werden akribisch auf ihre Comic-Ebenbilder abgestimmt. Erkennbar wird dies bereits bei der stilvollen Titelsequenz des Films und der ersten Szene, in der ein Zeichner, der Hergé sehr ähnelt, ein Tintin-Porträt in Hergés Stil anfertigt. Spielberg beschreibt sein Gefühl bei der Arbeit an diesem Film als „artistic and painterly“. Passenderweise beginnt der Film mit einer Nahaufnahme einer Maler-Palette.

Jackson überwacht das Team von Weta Digital während der Postproduction, während Spielberg per Videokonferenz dazugeschaltet wird. Kameramann Janusz Kamiński ist bei Weta als „Lighting Consultant“ tätig und leistet seinen Beitrag zum Look des Films, den er als „film-noirish, very atmospheric“ bezeichnet. Um die Nuancen der Innenraumausleuchtung zu verbessern, entwickeln Weta Digital und NVIDIA die Ray-TracingSoftware PantaRay, die 100 bis 1000 mal mehr Rechenleistung erfordert als traditionelle Shadow-Mapping-basierte Lösungen. Die Postproduction wird im September 2011 abgeschlossen.

Bei seiner Zusammenarbeit mit Spielberg hat Cutter Michael Kahn das Filmmaterial bisher immer im Analogverfahren auf einer Moviola und einer KEM geschnitten, doch für Tintin schneidet er digital auf einem Avid-System.

John Williams komponiert eine faszinierende Filmmusik für seinen ersten Zeichentrickfilm. Das meiste davon entsteht, während sich der Animationsprozess noch in einem frühen Stadium befindet. Williams versucht “the old Disney technique of doing music first and have the animators trying to follow what the music is doing”. Am Ende muss er mehrere Abschnitte seiner Musik anpassen, als der Film geschnitten wird. Williams setzt verschiedene Musikstile ein: europäischen Jazz der 1920/30er Jahre für den Vorspann oder „Piraten-Musik“ für die Szenen auf hoher See. Die Sopranistin Renée Fleming ist die Singstimme für den Comic-Charakter Bianca Castafiore und interpretiert einen Part aus Romeo et Juliette.

Der Kinostart fällt auf den 30. Jahrestag von Raiders of the Lost Ark (1981). Die Weltpremiere findet am 22. Oktober 2011 statt, und zwar in Brüssel, Hergés Heimatstadt. In den USA startet der Film erst im Dezember 2011 in Digital-3D und IMAX.

The Adventures of Tintin ist ein kommerzieller Erfolg, mit weltweiten Einnahmen von mehr als 373 Millionen Dollar gegenüber einem Budget von 135 Millionen Dollar. Die Einnahmen liegen deutlich höher außerhalb der USA (wo Hergés Comics  weitgehend unbekannt sind). Der Film erhält positive Kritiken, die ihn wiederum mit Raiders of the Lost Ark (1981) vergleichen. Als erster Animationsfilm, der nicht aus dem Hause Pixar kommt, gewinnt Tintin den Golden Globe Award für den Besten Animationsfilm. Für seine Filmmusik wird John Williams für einen Academy Award nominiert.

Peter Jackson plant, bei der Fortsetzung Regie zu führen, mit Spielberg als Produzent. Spielberg und Jackson hoffen auch noch einen dritten Film gemeinsam umzusetzen.

In seiner faszinierenden Analyse von The Adventures of Tintin wirft Paul Bullock einen genauen Blick auf Spielbergs visuelle Motive (Licht, Reflexion und die Vorstellung des Sehens) und wie er damit drei seiner Schlüsselthemen illustriert: emotionale Entwicklung, Herkunft und Gemeinschaft.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von The Adventures of Tintin

 

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