Lincoln (2012)

Steven Spielbergs Meisterwerk Lincoln spielt während der letzten Monate von US-Präsident Abraham Lincolns Amtszeit. Er handelt von seinen Bemühungen um die Verabschiedung des 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten durch das Repräsentantenhaus, mit dem die Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten besiegelt wurde. Lincoln lehrt uns, wie man hinter den Kulissen der Politik einen Konsens herbeiführt, wenn dringende Probleme der Nation zu lösen sind. Der Film ist also im Grunde eine zeitgenössische Geschichte, die im historischen Mantel erzählt wird.

Der Film wird von Steven Spielberg und Kathleen Kennedy produziert, das Drehbuch beruht zum Teil auf Doris Kearns Goodwins Biographie „Team of Rivals: The Political Genius of Abraham Lincoln“. Spielberg über seine Motivation, diesen Film zu drehen:

“The Lincoln project is something that I have been fascinated with all my life. Like the kid in Minority Report, I used to cut out the profiles of Presidents in third grade. Lincoln was my favorite profile. (…) As I got older, I began reading history books and I became like a history major. I never really majored in history in school but it was my most favorite subject. (…) I realized that Lincoln changed the history of the world.”

Daniel Day-Lewis porträtiert auf brillante Weise Abraham Lincoln und wird von weiteren ausgezeichneten Darstellern unterstützt, darunter Sally Field, David Strathairn, Joseph Gordon-Levitt, James Spader, Hal Holbrook, Tim Blake Nelson, Lukas Haas und Tommy Lee Jones.

Adam Driver – später bekannt als Bösewicht in Star Wars: The Force Awakens (2015) – spielt die Rolle des War-Room Telegrafen Samuel Beckwith. Kevin Kline hat einen Kurzauftritt als verwundeter Soldat.

In Vorbereitung auf The Unfinished Journey (1999) – ein 21-minütiger Kurzfilm, der unter der Regie von Spielberg entsteht und bei der Jahrtausend-Gala in Washington DC gezeigt wird, direkt vor dem Lincoln Memorial – fragt Spielberg Historiker wie Stephen Ambrose und Doris Kearns Goodwin um Rat. Auf Spielbergs Frage nach ihren aktuellen Projekten sagt Goodwin, dass sie dabei ist, ein Buch mit dem Titel „Team of Rivals“ über Lincoln und sein Kabinett zu schreiben. Spielberg ist so fasziniert, dass er die Filmrechte unverzüglich erwirbt.

In den frühen Phasen der Projekt-Entwicklung wird John Logan damit beauftragt, einen ersten Drehbuchentwurf zu schreiben. Der Theaterautor Paul Webb schreibt es anschließend neu. Er zieht es vor, Lincolns Amtszeit als Präsident in Gänze abzudecken. Spielberg ist mit dem Skript unzufrieden, und so verzögern sich die Dreharbeiten. Spielberg übergibt die Aufgabe einem weiteren Theaterautor, der Spielberg mit seinem Skript für Munich (2005) beeindruckt hatte: Tony Kushner.

Kushner empfindet die Aufgabe zunächst entmutigend, weil er keinen Zugang zur Motivation des Präsidenten findet: “I don’t understand what he did any more than I understand how William Shakespeare wrote Hamlet or Mozart wrote Così fan tutte.”. Kushners ursprünglicher Entwurf umfasst 491 Seiten und legt den Fokus auf die vier letzten Monate in Lincolns Leben. Bis 2009 überarbeitet er die Fassung und reduziert die Handlung auf die zwei letzten Monate, als er sich mit dem 13. Zusatzartikel der Verfassung beschäftigt.

Ursprünglich ist Liam Neeson als Darsteller für die Hauptrolle vorgesehen, nachdem er zuvor in Spielbergs Schindler’s List (1993) den Titelpart gespielt hatte. In Vorbereitung auf seine Rolle studiert er Abraham Lincoln ausgiebig, doch im Jahr 2010 steigt Neeson aus, nachdem er bei einer Leseprobe feststellt, dass die Rolle nicht für ihn geschaffen ist. Neeson schlägt Daniel Day-Lewis als seinen Nachfolger vor und setzt sich persönlich dafür ein, dass er die Rolle annimmt. Spielberg und Kushner fliegen nach Irland, um sich mit Day-Lewis zu treffen. Das Drehbuch wird noch einige Male überarbeitet, bevor der Schauspieler endlich zustimmt (nachdem auch Leonardo DiCaprio auf ihn eingewirkt hat).

Bis die Finanzierung des Films steht, vergehen fast drei Jahre. Nach dem Verkauf von DreamWorks an Viacom stellt Spielberg sein Projekt beim Viacom-Tochterunternehmen Paramount vor, doch die Chefetage beklagt sich, das Budget, wenn auch auf 50 Millionen Dollar zusammengestrichen, sei immer noch zu hoch und das Thema ähnelte zu sehr Spielbergs Amistad (1997) – einer seiner an der Kinokasse am wenigsten erfolgreichen Filme.

Von den Finanzierungsproblemen frustriert, räumt Spielberg ein, Lincoln hätte beinahe seine Premiere auf HBO erlebt. DreamWorks gelingt jedoch ein Deal mit der Walt Disney Company, die den Verleih in Nordamerika übernimmt. 20th Century Fox finanziert die andere Hälfte des Budgets und erwirbt dafür die internationalen Verleihrechte. Um auf Nummer Sicher zu gehen, bringt DreamWorks mit Participant Media einen weiteren Finanzpartner an Bord, und so kann der Film endlich entstehen.

Die Dreharbeiten dauern 64 Tage, die meisten Aufnahmen werden in Richmond, Fredericksburg und Petersburg, Virginia, gedreht. Eine ehemalige Produktionshalle für Flipperautomaten in Richmond wird als Set für die Innenräume des Weißen Hauses umgebaut. “We worked hard to be as historically accurate as possible, all the way to the room where Mary and Lincoln had their scenes,” sagt Produktionsdesigner Rick Carter. “The wallpaper, rugs, everything was as accurate as it could possibly be.”

Kameramann Janusz Kamiński beschließt gemeinsam mit Spielberg, das Licht auf ein Minimum zu reduzieren, um den Einsatz von Kerzen und Gaslicht während jener Zeit zu unterstreichen. “We knew this was a haunted movie about a man carrying a tremendous burden,” sagt Rick Carter. “We wanted to go with almost a black-and-white photo yet always be able to pick out what was important in the frame.” Die Dunkelheit wird als Werkzeug eingesetzt, um das Zuschauerauge zu lenken. “I wanted to create depth of Lincoln’s character through lighting,” bemerkt Kamiński. “In group shots in his office, I set the light so your eye would go to Lincoln.” In den Aufnahmen, die während der Verabschiedung des 13. Zusatzartikels spielen, beabsichtigt Kamiński, Lincolns ikonografische Erscheinung zu unterlaufen, indem er ihn in grelles Gegenlicht taucht – mit einem Engels-ähnlichen Effekt, der dennoch naturalistisch wirkt.  “I wanted to create a very intimate image of this man on the most important day of his life: He’s still a father, and he’s still allocating time to be with his family and his son.”

Am Set gehen Cast und Crew geradezu ehrfürchtig mit dem Thema um: Unterhaltungen zwischen den Aufnahmen werden in flüsterndem Ton geführt, und ohne triftigen Anlass spricht niemand den Hauptdarsteller an. Spielberg, sonst in Baseballmütze und Jeans, trägt Anzug und Krawatte. Für Daniel Day-Lewis verwendet Spielberg die Anrede „Mr. President“ und spricht auch die anderen Darsteller mit den Namen ihrer Rollen an. Auf die Weise will Spielberg mit Leib und Seele in die amerikanische Geschichte eintauchen.

Seine Erfahrung, Abraham Lincoln darzustellen, beschreibt Daniel Day-Lewis so: 

“I never, ever felt that depth of love for another human being that I never met. And that’s, I think, probably the effect that Lincoln has on most people that take the time to discover him… I wish he had stayed [with me] forever.” 

Spielberg ergänzt:

“The toughest part about actually making the film was that it was eventually going to come to an end. After the first day of shooting, I started mourning the last day of shooting. (…) It’s rare that this has ever happened. E.T. might be the only other time.”

Lincoln wird auf 35mm-Film gedreht und auf einem Avid-System geschnitten – zum dritten Mal schneidet Michael Kahn für Spielberg im digitalen Format. “Steven saw how efficient it was, how it saved it a lot of time, so we’ve been on Avid ever since,” sagt Kahn, der für seine hohe Arbeitsgeschwindigkeit mit den analogen Moviola- und KEM-Systemen bekannt war. Kahn bekennt, nie zuvor einen Film wie Lincoln geschnitten zu haben: “This picture has more dialogue, more getting into people’s heads. A lot of editors say dialogue is the hardest thing to make work, and after Lincoln I have to agree. Audiences won’t see our decisions to cut or not to cut, but the decisions are there.”

Für seine zurückhaltende und respektvolle Filmmusik setzt John Williams weiterhin auf handschriftliche Notation mit Bleistift und Papier am Klavier und bringt auch ohne moderne Technik Klangkompositionen in gewohnt hoher Qualität hervor.

Lincoln wird von der Kritik gefeiert. Hervorgehoben werden die Leistungen der Darsteller, insbesondere des Hauptdarstellers Daniel Day-Lewis, sowie die Regie und handwerkliche Qualität des Films.

Roger Ebert gibt dem Film die Höchstwertung und schreibt in seiner Kritik: “The hallmark of the man, performed so powerfully by Daniel Day-Lewis in Lincoln, is calm self-confidence, patience and a willingness to play politics in a realistic way.”

A.O. Scott von der New York Times stellt fest, der Film “is finally a movie about how difficult and costly it has been for the United States to recognize the full and equal humanity of black people.” Er bezeichnet den Film als “rough and noble democratic masterpiece” –  “intimate but also decorous, drawn with extraordinary sensitivity and insight and focused, above all, on Lincoln’s character as a politician. This is, in other words, less a biopic than a political thriller, a civics lesson that is energetically staged and alive with moral energy.”

Trotz seiner Lauflänge von 150 Minuten ist der Film auch ein großer kommerzieller Erfolg, was darauf hindeutet, dass ihn viele Zuschauer nicht als dröge Geschichtsstunde empfinden. Das weltweite Einspielergebnis beträgt mehr als 275 Millionen (bei einem Budget von 65 Millionen Dollar).

Washington-Insider betrachten den Film als ein Lehrbeispiel, wie ein Präsident mit dem Kongress zusammenarbeiten sollte (der Film wird im Weißen Haus und im Senat vorgeführt).

Lincoln wird nominiert für sieben Golden Globe Awards darunter für Best Motion Picture – Drama und Best Director. Daniel Day-Lewis gewinnt einen Golden Globe für Best Actor (Motion Picture – Drama).

Bei den Academy Awards wird der Film für 12 Oscars nominiert, u.a. für Best Picture. Lincoln gewinnt einen Oscar für Best Production Design und Best Actor for Daniel Day-Lewis. Damit ist er der erste Hauptdarsteller eines Spielberg-Films, der mit einem Academy Award ausgezeichnet wird.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von 
Lincoln

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