Saving Private Ryan (1998)

Steven Spielbergs Saving Private Ryan unterscheidet sich von den meisten anderen Verfilmungen des Zweiten Weltkriegs durch seine drastisch-realistische Darstellung von Kampfhandlungen – vor allem während der ersten halben Stunde, in der die Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 akribisch nachgestellt wird. Der Einsatz „dokumentarischer“ Handkamera-Aufnahmen und entsättigter Farben beeinflusst den Look vieler anschließend gedrehter Filme. In vielen Einstellungen bei der Verfilmung der Schlacht am Omaha Beach bedient Steven Spielberg persönlich die Kamera.

Die Story des Films ist inspiriert von einem ähnlichen Vorfall während des Amerikanischen Bürgerkriegs und beruht in Grundzügen auf einer wahren Begebenheit im Zweiten Weltkrieg, als die US-Armee eine Evakuierungsmission für den (vermeintlich) letzten Überlebenden der Niland-Brüder startete. Im Zentrum der Filmhandlung stehen Captain John H. Miller (Tom Hanks) und sein Trupp (dargestellt von Tom Sizemore, Edward Burns, Barry Pepper, Vin Diesel, Giovanni Ribisi, Adam Goldberg und Jeremy Davies), die den verschollenen Fallschirmjäger Ryan hinter den feindlichen Linien aufspüren sollen.

Robin Williams stellt Matt Damon am Set von Good Will Hunting (1997) Spielberg vor, der sich daraufhin für Damon als Darsteller von Private Ryan entscheidet.

Produzent Mark Gordon akzeptiert Robert Rodats Drehbuch nach elf Fassungen und legt es Tom Hanks vor, der Gefallen daran findet und es an Spielberg weitergibt. Als Spielberg die Regie übernimmt, lässt er Scott Frank und Frank Darabont das Drehbuch nochmals überarbeiten.

Spielberg über seine Motivation, den Film zu drehen: “I think that World War II is the most significant event of the last 100 years; the fate of the baby boomers and even Generation X was linked to the outcome. Beyond that, I’ve just always been interested in World War II. My earliest films, which I made when I was about 14 years old, were combat pictures that were set both on the ground and in the air. For years now, I’ve been looking for the right World War II story to shoot, and when Robert Rodat wrote Saving Private Ryan, I found it.”

Vor den zweimonatigen Dreharbeiten absolvieren die Darsteller von Captain Millers Truppe ein 10-tägiges “Boot Camp”-Training angeführt von Marines-Veteran Dale Dye. Spielberg bestimmt, dass Matt Damon nicht am Training teilnimmt, damit die Gruppe Ryan gegenüber Groll entwickelt.

Die Verfilmung der Schlacht am Omaha Beach wird mit bis zu 1.500 Komparsen in Reihenfolge der Kampfhandlungen gedreht – Einstellung für Einstellung, von der Landung über den Strand bis hinauf zu den deutschen Verteidungslinien. Während der gesamten Sequenz verzichtet Spielberg auf Storyboards, um spontane Reaktionen und Kamerapositionen zu ermöglichen.

Spielberg arbeitet wieder mit Kameramann Janusz Kamiński zusammen. “Early on, we both knew that we did not want this to look like a Technicolor extravaganza about World War II, but more like color newsreel footage from the 1940s, which is very desaturated and low-tech.” Kamiński lässt die Schutzschicht von den Kameralinsen entfernen, damit sie den Kameras der 40er Jahre näher kommen. Er verstärkt den Effekt, indem er das Filmnegativ einem Bleichungsprozess unterzieht, um Brillianz und Farbsättigung zu reduzieren.

Für viele der Schlachtsequenzen wird der Umlaufverschluss der Kamera auf 90 oder 45 Grad verstellt (der Standard liegt bei 180 Grad). Kamiński erreicht damit “a certain staccato in the actors’ movements and a certain crispness in the explosions, which makes them slightly more realistic.“ Eine ähnliche Technik verwendete Kameramann Douglas Milsome auf dem Set von Stanley Kubricks Vietnam-Film Full Metal Jacket (1987). Kamiński setzt zudem einen Image Shaker ein, mit dem die Kamera Aufnahmen erzeugt, die den Effekt einer nahen Explosion nachbilden.

Industrial Light & Magic steuert subtile Effekte bei, z.B. werden die meisten Kugeleinschläge digital erzeugt.

Saving Private Ryan kommt im selben Jahr wie Terrence Malick’s The Thin Red Line in die Kinos. Nach Badlands und The Sugarland Express ist es das zweite Mal, dass Spielberg und Malick in etwa zeitgleich Filme zu einem ähnlichen Thema drehen.

The Thin Red Line stößt bei den meisten Kritikern auf positives Echo und wird für sieben Academy Awards nominiert, einschließlich Best Picture (der Film geht aber leer aus). Bei einem Budget von 52 Millionen Dollar erzielt The Thin Red Line mit Einnahmen von weltweit 98 Millionen Dollar einen moderaten Profit.

Saving Private Ryan wird von der Kritik insgesamt positiver bewertet und für elf Academy Awards nominiert. Der Film gewinnt in 5 Kategorien: Best Cinematography, Best Sound, Best Sound Effects Editing, Best Film Editing und Best Director (Spielbergs zweiter Regie-Oscar). Saving Private Ryan verliert in der Kategorie Best Picture gegen Shakespeare in Love und ist damit einer der wenigen Filme, die für Best Director, aber nicht für Best Picture ausgezeichnet wurden.

Dies ist der letzte Film, der mit einem nicht-digitalen Schnittsystem bearbeitet wurde, und einen Oscar für Best Film Editing erhält. Nach Raiders of the Lost Ark und Schindler’s List ist dies Michael Kahns dritte und bis heute letzte Academy Award-Auszeichnung.

Trotz der Altersfreigabe Rated R entwickelt sich die zweite DreamWorks-Produktion unter der Regie von Spielberg zu einem großen Kassenerfolg (mit weltweiten Einnahmen von mehr als 481 Millionen Dollar, gegenüber einem Budget von 70 Millionen Dollar).

Während Saving Private Ryan dafür kritisiert wird, dass der Film auf die Beteiligung anderer Länder an der alliierten Invasion nicht eingeht, gratulieren viele D-Day-Veteranen dem Regisseur für die Authentizität des Films – darunter der Schauspieler James Doohan (Darsteller von Scotty in Star Trek).

Quentin Tarantino ist ein Bewunderer des Films und bezeichnet ihn als einen großen Einflussfaktor für sein Kriegsdrama, Inglourious Basterds (2009). Oliver Stone wirft dem Film vor, die Werbetrommel zu rühren für “World War II as the good war.” Dieser und andere darauf folgende Filme hätten dazu beigetragen, dass die amerikanischen Bürger 2003 so positiv auf die Invasion in den Irak reagierten.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Saving Private Ryan

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