Amistad (1997)

Steven Spielbergs Historiendrama Amistad – sein erster Film unter dem Banner von DreamWorks SKG – beruht auf der wahren Geschichte einer Meuterei an Bord des Sklavenschiffs La Amistad im Jahre 1839. Angeführt von Joseph Cinque, übernehmen 53 verschleppte Afrikaner, die auf den Zuckerplantagen von Kuba arbeiten sollen, die Kontrolle über das Schiff und enden schließlich in einer Gerichtsverhandlung des U.S. Supreme Court, wo sich der ehemalige US-Präsident John Quincy Adams in einer leidenschaftlichen Rede für ihre Freilassung einsetzt.

David Franzoni schreibt das Drehbuch, das anschließend auf Spielbergs Wunsch von Steven Zaillian (Schindler’s List) überarbeitet wird.

John Quincy Adams wird von Anthony Hopkins gespielt, nachdem Sean Connery die Rolle abgelehnt hat. Spielberg zufolge waren einige US-Darsteller erzürnt, da ihrer Meinung nach der Präsident von einem amerikanischen Schauspieler gespielt werden solle. Dies hält Spielberg später nicht davon ab, mit Daniel Day-Lewis wiederum einen Briten für die Hauptrolle in Lincoln (2012) zu besetzen – ein weiteres Historiendrama mit dem Fokus auf Afro-Amerikanischer Geschichte. Hopkins hält die gesamte 7-seitige Rede in einer einzigen Einstellung.

Spielberg entscheidet sich für Djimon Hounsou als Darsteller des Cinque, nachdem mehr als 150 Schauspieler zur Auswahl standen (darunter auch Will Smith, Denzel Washington und Cuba Gooding Jr.). In einem 10-tägigen Crashkurs lernt Hounsou die Tonsprache Mende, die in der Heimat von Cinque gesprochen wird.

Der Sklavereigegner Theodore Joadson, gespielt von Morgan Freeman, ist eine fiktive, aus mehreren historischen Personen zusammengesetzte Figur – eine Erzähltechnik, die Spielberg schon in Schindler’s List (1993) zur Anwendung brachte.

Zum eindrucksvollen Schauspieler-Ensemble zählen Matthew McConaughey, Nigel Hawthorne, Anna Paquin, Stellan Skarsgård, Chiwetel Ejiofor und Arliss Howard. Harry A. Blackmun (Richter am US Supreme Court von 1970 bis 1994) spielt die Rolle des US Associate Supreme Court Justice, Joseph Story.

Die treibende Kraft hinter Amistad ist die Ausführende Produzentin Debbie Allen. Schon 1978 stolperte sie über ein literarisches Journal, das die Geschichte der La Amistad-Meuterei enthielt. Doch als sie die Story den Hollywood-Studios zur Verfilmung anbietet, schlägt ihr nur Ablehnung entgegen, von schwarzen und weißen Produzenten gleichermaßen. Niemand wolle einen Film über Sklaven sehen, sagt man ihr. Nachdem sie Spielbergs Schindler’s List (1993) angeschaut hat, ist sich Allen sicher, den Mann gefunden zu haben, der Cinques Geschichte in einen fesselnden Film verwandeln könnte.

Spielberg nimmt die Herausforderung an, die verwickelten historischen Ereignisse rund um die Amistad-Meuterei in einem Spielfilm nachzuerzählen, weil er davon überzeugt ist, dass jeder – besonders seine eigenen Kinder – diesen Vorfall kennen sollte, der im Geschichtsunterricht eine so geringe Rolle spielt. Spielberg will eine historische Fußnote in ein menschlich nachvollziehbares Drama übersetzen, das Zeit und Raum überwindet. Später kritisieren Akademiker seinen Film wegen historischer Ungenauigkeit und einer irreführenden Darstellung des Amistad-Verfahrens als „Wendepunkt“ der amerikanischen Sicht auf die Sklaverei.

Die Dreharbeiten enden bereits nach 48 Tagen. An der Post-Production nimmt Spielberg kaum teil, da er bereits an seinem nächsten Film arbeitet: Saving Private Ryan (1998). Kameramann Janusz Kamiński vermeidet die Klischees des historischen Genres, denn die Story “required photography that was not too pretty. (…) The movie is about a slave rebellion in 1830, so it would have been wrong to apply lighting that conveyed romantic notions.” Spielberg fügt hinzu: “I didn’t want to bring modern times – which I would equate with long, slick dolly shots – into the nineteenth century.“

Produktionsdesigner Rick Carter orientiert sich bei der Festlegung der visuellen Anmutung an den Werken von Francisco Goya. Kostümdesignerin Ruth E. Carter kleidet Hunderte von Komparsen in Lendenschurz und muss gleichzeitig historische Garderobe für Anwälte, Königinnen und Präsidenten entwerfen.

Anders als bei The Color Purple (für den Quincy Jones den Score schrieb) erhält diesmal John Williams den schwierigen Auftrag, für Spielbergs zweiten Film über ein Afro-Amerikanisches Thema eine passende Musik zu liefern. Es ist der fünfzehnte Film ihrer inzwischen 24-jährigen Zusammenarbeit. Williams komponiert einen Score mit einem mitreißenden Hauptthema – eine musikalische Adaption des Gedichts “Dry Your Tears, Africa” mit afrikanischem Sprechgesang.

Amistad kann über die Länge von 152 Minuten nicht immer überzeugen, erhält aber überwiegend positive Kritiken. Der Film wird für vier Academy Awards nominiert: Anthony Hopkins in der Kategorie Best Actor in A Supporting Role, Best Cinematography, Best Costume Design und Best Music.

Filmkritiker Roger Ebert urteilt: “Amistad, like Spielberg’s Schindler’s List, is […] about the ways good men try to work realistically within an evil system to spare a few of its victims. […] Schindler’s List works better as narrative because it is about a risky deception, while Amistad is about the search for a truth that, if found, will be small consolation to the millions of existing slaves. As a result, the movie doesn’t have the emotional charge of Spielberg’s earlier film — or of The Color Purple, which moved me to tears. […] What is most valuable about Amistad is the way it provides faces and names for its African characters, whom the movies so often make into faceless victims.”

Spielbergs Doppelsalve (wie zuvor Jurassic Park und Schindler’s List erscheinen The Lost World: Jurassic Park und Amistad im selben Jahr) bleibt hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück: Bei einem Budget von ca. 36 Millionen Dollar und trotz großem Staraufgebot erwirtschaftet Amistad mit ca. 44 Millionen Dollar nur einen relativ kleinen Profit.


Steven Spielberg Chroniken
Unsere Analyse und Bewertung des Filmanfangs von Amistad

 

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